Gefährliche Kinderspiele - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Gefährliche Kinderspiele: Tragödie am Bombentrichter

Foto: Cordelia Rogge

Gefährliche Kinderspiele Tragödie am Bombentrichter

Sie spielten Völkerball zwischen Trümmern, schwammen trotz der Warnungen der Eltern in den Bombentrichtern am Main: In Frankfurt bewiesen Kinder nach dem Krieg eine ungeheure Kreativität bei ihren Spielen im Freien. Doch im Wasser wurde aus dem Spiel tödlicher Ernst.
Von Cordelia Rogge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt 1948. Der Krieg ist vorbei. Trümmer erinnern noch an den schrecklichen Krieg und die vielen Toten. Zaghaft legt sich ein Hauch des Vergessens über die Stadt. Angst und Misstrauen schwinden. Es werden neue Brücken der Verständigung geschlagen. Was den Erwachsenen nur schwer gelingt, ist ein Leichtes für uns Kinder. Wir finden zusammen im Spiel, suchen und finden Gemeinsamkeiten. Der Mangel an Spielzeug macht uns erfinderisch.

Wir spielen in den Trümmern, suchen nach verborgenen Schätzen und schwimmen in den Bombentrichtern des Mains. Mit Decken, Handtüchern, Broten und Limonade suchen wir uns einen Platz, breiten unsere Sachen aus und spielen: Land abschneiden, Krieg erklären. Im Spiel dauert der Krieg noch an. Manchmal haben wir sogar einen Ball. Ein ungeheurer Schatz zu dieser Zeit. Dann spielen wir Völkerball und abwerfen.

Wir sind bescheidene Kinder. Wir haben keine Badeanzüge oder Badehosen. Wir haben Unterhosen, selbst genähte oder gar gestrickte Badehosen an, die im Wasser immer länger und schwerer werden. Die größeren Mädchen tragen ein Unterhemd, weil man vielleicht den Ansatz einer kleinen Brust erkennen könnte.

Mutprobe wird zur Tragödie

Unseren Eltern müssen wir hoch und heilig versprechen, dass wir nicht in den Bombentrichtern schwimmen. Doch das Versprechen ist schnell vergessen. Wir tollen und toben im Wasser. Die Mutigen springen von den Brückenpfeilern und werden mit Klatschen und Bravorufen angefeuert. Eine Mitschülerin springt dabei in den Tod. Sie wird von einer Schiffsschraube eines vorbeifahrenden Schiffes erfasst.

Stunden später wird ihre Leiche von der Feuerwehr geborgen. Fassungslos stehen wir Kinder dieser Tragödie gegenüber. Eltern, zu denen die Schreckensnachricht vorgedrungen ist, eilen herbei, suchen ihre Kinder und schließen sie überglücklich in die Arme. Ihr Kind lebt. Tränen fließen. Ein Elternpaar bleibt zurück. Sie können ihr Kind nie wieder in die Arme schließen. Traurig gehen wir an der Seite unserer Eltern nach Hause.

Auf den Straßen ist alles wie immer. Der Himmel ist blau, die Bäume sind grün, Vögel zwitschern. Uns begegnen Menschen, die fröhlich sind und lachen. Verständnislos sehen wir ihnen nach. Wieso bleibt die Welt nicht stehen. Wieso lachen Menschen, wo doch gerade ein Kind gestorben ist? Wir müssen früh lernen und verstehen, dass nicht nur der Krieg Tote fordert. Auch das Leben nach dem Krieg fordert Tote. Und es sterben nicht nur alte Menschen, es sterben auch Kinder.

Kränze aus Gänseblümchen

Eine Woche später gehen wir zur Beerdigung. Am Tag zuvor haben wir Gänseblümchen gepflückt, die sie so gerne mochte. Oft haben wir gemeinsam Kränze aus diesen Blumen geflochten und uns aufgesetzt. Krampfhaft halten unsere schweißnassen Kinderhände die Blumen fest, bis wir sie am Grab ablegen dürfen.

Ihren Platz in der Schule haben wir mit Blumen geschmückt, bis eines Tages eine neue Mitschülerin kommt. Die Tote hat keinen Platz mehr in unserer Klasse. Oft und lange sprechen wir noch von ihr. Dann legt sich wohltuend der Schleier des Vergessens über ihr nur noch verschwommen und nebelhaft wahrnehmbares kurzes Leben.

Manchmal - wenn ich heute über den Main gehe - schicke ich ihr mit meinen Gedanken ein Gänseblümchen.