Gescheiterte Botschaftsflucht - Kalter Bus zum Stasi-Knast - DER SPIEGEL
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Gescheiterte Botschaftsflucht: Kalter Bus zum Stasi-Knast

Foto: Wolfgang Mayer

Gescheiterte Botschaftsflucht Kalter Bus zum Stasi-Knast

Bis heute warten sie auf eine Entschuldigung aus dem Nachbarland: Eine Gruppe von DDR-Bürgern suchte 1988 Zuflucht in der dänischen Botschaft in Ostberlin. Wolfgang Mayer und seine Mitstreiter hofften auf eine Chance zur Ausreise. Doch die Verzweiflungstat endete im Stasi-Knast.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Morgengrauen fuhren wir los. Aus der Kleinstadt Ilmenau in Südthüringen nach Ostberlin. Wir, das waren sieben Männer, sechs Frauen und fünf Kinder. Wir hatten eine Entscheidung getroffen. Nach endlosen Jahren der Entmündigung, nach politischer Verfolgung und schwerwiegenden Repressionen. Wir waren endgültig am Ende. Nicht nur psychisch, auch körperlich. Unsere legal gestellten Ausreiseanträge waren jahrelang nicht genehmigt worden. Einige von uns waren mit strengen Berufsverboten belegt worden. Andere waren mit dem berüchtigten PM12-Ausweis gebrandmarkt, der in der DDR Kriminellen und politisch aktiven Oppositionellen vorbehalten war. Wir zogen die Konsequenzen. Wir wollten die dänische Botschaft in Ostberlin besetzen.

Für unser Vorhaben beriefen wir uns auf die 1975 in Helsinki unterzeichnete Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. In ihr war unter anderem das Recht auf freie Wohnortwahl festgeschrieben worden. Der Zeitpunkt für unser gewagtes Unterfangen war bewusst gewählt: Für die Folgetage war ein Staatsbesuch des konservativen, dänischen Ministerpräsidenten Poul Schlüter anberaumt. Wir gingen davon aus, dass sich der Staatsmann, wie allgemein üblich, nach seiner Ankunft zunächst in der Botschaft nach der politischen Situation und möglichen Vorkommnissen erkundigen würde. Seine Kenntnis über unsere Botschaftsbelagerung würde seinem Treffen mit DDR-Staatschef Erich Honecker, so unsere Hoffnung, einen weiteren, wichtigen Gesprächspunkt hinzufügen.

Kurz vor Ende der öffentlichen Sprechzeit zwischen 11.30 und 12.45 Uhr betraten wir in kleinen Gruppen das Botschaftsgebäude. Wir wiesen uns als Touristen aus. Wir forderten nicht, wie später sowohl von dänischer als auch DDR-Seite verlautbart, die direkte Ausreise in den Westen. Wir baten lediglich um die Vermittlung einer in Ausreiseangelegenheiten kompetenten Person oder Behörde. Der dänische Botschafter, der unsere Namen und Adressen aufnahm, forderte uns mehrfach mit Nachdruck auf, das Botschaftsgebäude umgehend zu verlassen. Wir kamen seiner Aufforderung nicht nach.

"In Freiheit wähnen wie die Dänen"

Gegen 14 Uhr nahmen wir im Warteraum der Botschaft telefonisch Kontakt zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik im Osten Berlins auf. Nach diesem Telefonat wurde die Leitung gekappt. Wir fertigten ein Transparent mit der Losung "In Freiheit wollen wir uns wähnen und zwar genauso wie die Dänen!" Allerdings war die Gruppe uneins darin, ob wir das Transparent außen am Fenster der Botschaft anbringen sollten. Wir wussten, dass die Straße Unter den Linden zum Teil von der Stasi abgesperrt worden war und deren Mitarbeiter dort patrouillierten. Ein Blick aus dem Fenster ließ dies deutlich erkennen.

Die Botschaft bemühte sich anfangs um einen Kontakt zur Konsularabteilung des DDR-Außenministeriums. Das Ministerium teilte dem dänischen Botschafter gegen 12.30 Uhr mit, dass uns bei umgehendem Verlassen des Gebäudes Straffreiheit gewährt sei. Außerdem stellte man uns Verhandlungen mit den Behörden an unserem Wohnort in Aussicht. Aber wir hatten in den vielen Jahren genug Erfahrungen mit diesen Behörden gesammelt, um nicht darauf zu hoffen, dass sie sich kooperativ zeigen würden. Wir lehnten das Angebot ab.

Um 14 Uhr erschien mit Eckart Schlemm ein Diplomat der Ständigen Vertretung. Er nahm unsere Personalien auf und riet uns, das Botschaftsgebäude umgehend zu verlassen. Eine Stunde später bot uns der dänische Botschaftsrat Henning Becker Hansen an, unsere Ausreiseanträge in den nächsten Tagen zu bearbeiten, wenn wir jetzt das Botschaftsgebäude verlassen würden. Er habe dies mit dem DDR-Außenministerium ausgehandelt. Wenig später hieß es, dass für unsere Ausreiseanträge sehr gute Aussichten bestünden. Weitere mündliche Angebote folgten. Das letzte gegen 17 Uhr, als man uns für den folgenden Montag ein Gespräch mit höherrangigen Beamten der Bezirksverwaltung Suhl in Aussicht stellte. Sie, so hieß es, sei angeblich für unsere Übersiedlungen zuständig. Unsere Skepsis ließ nicht nach.

Ultimatum ignoriert

Gegen 18.30 Uhr übergaben wir dem Botschaftsrat eine Bittschrift an Dänemarks Königin Margrethe II. Eine Weiterleitung wurde uns nur unter der Voraussetzung in Aussicht gestellt, dass wir die Botschaft verlassen. Da wir mit keiner Verhandlungsperson zusammengekommen waren, die in Sachen Ausreise wirklich kompetent gewesen wäre, ließen wir uns auf keinen der Vorschläge ein. Die Ständige Vertretung schaltete das bekannte Ostberliner Rechtsanwaltbüro Wolfgang Vogel ein. Einer der Männer und ich wurden vom Botschaftsrat persönlich in seinem Diplomatenwagen durch die Stadt chauffiert - mit Geleitschutz durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS).

Das Gespräch in der Anwaltskanzlei war ernüchternd. Der Anwalt wiederholte das Ultimatum, das uns die Räumung des Botschaftsgeländes bis 23 Uhr desselben Tages vorschrieb. In den folgenden Stunden kam es, wie ich später aus den Akten erfuhr, zu hektischen Absprachen zwischen dem Rechtsanwaltbüro, der dänischen Botschaft sowie der DDR-Konsularabteilung, die keine besseren Angebote in Aussicht stellte und den dänischen Botschafter aufforderte, von seiner Autorität als Hausherr Gebrauch zu machen.

Nachdem wir das Ultimatum ignoriert hatten, erfolgte nachts zwischen 2.30 Uhr und 2.45 Uhr der Zugriff durch das Wachkommando Missionsschutz (WKM), an dem mindestens 100 Einsatzkräfte mitwirkten. Etwa 20 dieser zivil gekleideten MfS-Kräfte betraten das Botschaftsinnere. Unter Androhung von Gewalt blieb uns nichts anderes übrig, als die Botschaft zu verlassen. Aus den wirren, furchteinflößenden Gesichtern der Spezialtruppe entnahmen wir, dass man zur sofortigen Gewaltanwendung bereit war. Den betreffenden Akten war im Nachhinein zu entnehmen, dass der Geschäftsträger der dänischen Botschaft bereits um 14 Uhr "damit einverstanden" gewesen ist, "wenn die DDR-Organe die Erpresser auch mit Polizeigewalt aus der Botschaft entfernen würden". In dem Moment, da wir wussten, dass unser Vorhaben gescheitert war, brach für uns eine Welt zusammen.

Verurteilt "unter Ausschluss der Öffentlichkeit"

Bevor man uns aus der Botschaft drängte, sicherte uns der Stasi-Oberst Gerhard Kaulfuß Straffreiheit zu. Durch ein dichtes Spalier von Mitarbeitern des MfS - verteilt auf die Stufen im gesamten Treppenhaus - wurden wir auf den Hinterhof der Botschaft gebracht, wo bereits ein als Reisebus getarntes Fahrzeug bereitstand, um uns in das Stasi-Gefängnis in der Berliner Magdalenenstraße zu bringen. Es herrschte Totenstille im kalten Bus.

Gegen fünf Uhr morgens wurden zuerst die Männer, danach die Frauen jeweils einzeln, im Abstand von fünf Minuten, von ihren Kindern getrennt. Die Kinder begannen zu weinen und zu schreien, als sie gewaltsam ihren Müttern entrissen und in ein uns unbekanntes Heim gebracht wurden. Entwürdigende Verhöre durch Stasi-Offiziere folgten. Sie dauerten bis zu elf Stunden. Sogar die Kinder wurden, wie wir später erfuhren, verhört und auf Schritt und Tritt beobachtet. Einem zwölfjährigen Jungen wurde, nachdem er aus dem Schlaf gerissen worden war, gedroht: "Wenn du uns nicht die Wahrheit sagst, wecken wir dich alle zwanzig Minuten!"

Im Oktober kam es zu einem überstürzten, dreistündigen Gerichtsprozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir sieben Männer wurden zu zwei bis drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Frauen erhielten Bewährungsstrafen. Aufgrund des zunehmenden Drucks der internationalen Medien wurden auch die Strafen für uns Männer schließlich in Bewährungsstrafen umgewandelt.

Vorbildwirkung

Unsere gescheiterte Botschaftsbesetzung war jedoch nicht umsonst: Aufgrund zahlreicher Medienberichte drängten wenig später weitere Ausreisewillige in westliche Botschaften des Ostblocks, um ihr verbrieftes Recht auf freie Wohnsitzwahl einzufordern. Im heißen Herbst 1989, also ein Jahr nach dem Vorfall, waren die deutschen Botschaften in Budapest, Warschau und vor allem in Prag zum Bersten gefüllt mit Menschen, die nur eines wollten: ein Leben in Freiheit.

Ein Bericht des dänischen Parlaments über unseren Fall beruhte im Wesentlichen auf Falschaussagen des Stasi-Mitarbeiters und Rechtsanwalts Vogel und wurde bis heute nicht korrigiert. In ihm wurde ausschließlich der Botschafter für den Vorfall verantwortlich gemacht. Andere Entscheidungsträger wurden weder rechtlich noch politisch zur Verantwortung gezogen. Entschuldigt hat sich die dänische Regierung bei uns Betroffenen nie.

Zum Weiterlesen:

Mayer, Wolfgang: Flucht und Ausreise, Anita Tykve Verlag, Berlin 2002.