Geschichte der deutschen Wahlkämpfe: War früher mehr Lametta? - DER SPIEGEL
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Geschichte der deutschen Wahlkämpfe War früher mehr Lametta?

In der Bundesrepublik gab es seit 1949 vor Wahlen mal epische Schlachten, mal Tristesse und chancenlose Kandidaten – ein Streifzug durch die Wahlkämpfe aus acht Jahrzehnten.
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Showdown mit Wechselstimmung: Der Amtsinhaber und die Herausforderin auf Plakaten 2005 – knapp war's. Die Union holte 35,2 Prozent der Stimmen, die SPD 34,2 Prozent. Unvergessen ist die »Elefantenrunde« nach der Wahl: »Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel in dieser Sachlage eingeht, in dem sie sagt, sie möchte Kanzlerin werden?«, hob Gerhard Schröder an und fuhrt fort: »Also ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen. Die Deutschen haben doch in der Kandidatenfrage eindeutig votiert. Das kann man doch nicht ernsthaft bestreiten.« Es kam natürlich anders, Merkel wurde Kanzlerin in einer Großen Koalition – und Schröder später Wirtschaftslobbyist vor allem für russische Energiekonzerne (»Gerdgas«, wie er gelegentlich selbst sagt).

Foto: Christian Charisius / REUTERS
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Der Slogan von 1957: Konrad Adenauer war ab 1949 Deutschlands erster Bundeskanzler und regierte 14 Jahre lang. Zur Bundestagswahl 1957 plakatierte die Union »Keine Experimente«. Sie warb um Bewahrung des Erreichten und schürte Ängste, eine sozialdemokratische Regierung könnte die Erfolge der Wirtschaftswunderjahre gefährden und die Bundesrepublik untergehen. Mit 50,2 Prozent holte die Union 1957 die absolute Mehrheit – das beste Wahlergebnis in der Geschichte der Bundestagswahlen.

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Im Hintergrund der Kalte Krieg: Das große Plakat hinter Erich Ollenhauer, damals SPD-Vorsitzender und Kontrahent Adenauers, zeigt deutlich, worum es in den harten Auseinandersetzungen der Fünfzigerjahre ging – um die Westbindung und die Chance zur Wiedervereinigung, die Nato-Zugehörigkeit und das deutsche Streben nach Atomwaffen. 1956, im Jahr vor der Bundestagswahl waren sowjetische Truppen in Ungarn einmarschiert, und auch die Blockade Berlins lag erst wenige Jahre zurück. All dies prägte dramatische Wahlkämpfe; die Bundesrepublik debattierte damals über Grundsatzfragen und Richtungsentscheidungen.

Foto: Bettmann / Bettmann Archive
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Für ihn soll's rote Rosen regnen: Ein Händchen für mediale Inszenierungen hatte Konrad Adenauer alias »Der Alte« schon zu einer Zeit, als Presse, Radio und das allmählich aufkommende Fernsehen die öffentlichen politischen Diskussionen bestimmten. Gern ließ er sich als Rosenzüchter in seinem Garten in Rhöndorf fotografieren – oder beim Boccia-Spielen in seinem Urlaubsdomizil in Cadenabbia am Comer See. Argwöhnisch trat Adenauer den öffentlich-rechtlichen Sendern gegenüber, schmähte sie als »Rotfunk« und sann auf Abhilfe: durch einen Regierungssender, nur scheinbar privat. Das Bundesverfassungsgericht allerdings verbot den zum 1. Januar 1961 geplanten Sendestart, aus »Adenauer-TV« wurde nichts.

Foto: BPA/ ullstein bild
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Willy Brandt in jungen Jahren: Er war bereits im ersten Bundestag SPD-Abgeordneter, ab 1957 Regierender Bürgermeister von Berlin, ab 1966 Vizekanzler und Außenminister in der ersten Großen Koalition, dann ab 1969 fünf Jahre lang Bundeskanzler. Außerdem war Brandt 23 Jahre lang Parteivorsitzender der Sozialdemokraten. Seine politischen Gegner gingen ihn vor allem in den Sechzigerjahren enorm hart an: Adenauer und andere Unionspolitiker sprachen von ihm oft als »Brandt alias Frahm«, weil er als Herbert Frahm geboren wurde und im norwegischen Exil den Namen Willy Brandt angenommen hatte; zugleich war es eine Anspielung auf seine uneheliche Geburt. Das Foto zeigt ihn 1935 in einem Zeltlager in Norwegen.

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Der erste SPD-Kanzler: Am 21. Oktober 1969 legte Willy Brandt vor Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel im Bundestag seinen Amtseid ab und ging vor allem in der Ostpolitik ganz neue Wege. In den Wahlkämpfen war er mit harten Bandagen attackiert worden. Während im Bundestag und im Regierungsapparat etliche Politiker mit nationalsozialistischer Vergangenheit unbehelligt blieben, musste Brandt viele infame Schmähungen wegen seiner Exilzeit erdulden. So sagte Franz Josef Strauß, einst Wehrmachtsoffizier, 1961: »Eines wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht?«

Foto:

A0009/ dpa

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Die beiden Helmuts im Bundestagswahlkampf 1976: Der amtierende Kanzler Helmut Schmidt und sein Herausforderer Helmut Kohl steckten eher selten die Köpfe zusammen, wie hier bei einer Veranstaltung in Frankfurt am Main im Mai 1976.

Foto: Heinz_Wieseler / picture alliance / Heinz_Wieseler/dpa
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Die Union setzte 1976 auf die Slogans »Sicher, sozial und frei« sowie – unter dem Einfluss des CSU-Vorsitzenden Strauß – das polarisierende »Freiheit statt Sozialismus«, die SPD auf »Modell Deutschland«. Am Ende stimmten 48,6 Prozent der Wähler für die Union, die damit knapp an der absoluten Mehrheit vorbeischrammte. Die SPD (42,6 Prozent) konnte ihre Koalition mit der FDP (7,9 Prozent) fortsetzen.

Foto: Peter Popp / picture alliance / dpa
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Als Franz Josef Strauß durchgesetzt hatte, dass er als Kanzlerkandidat 1980 antreten konnte, erlebte der skandalumtoste CSU-Mann aus Bayern eine Feindseligkeit wie kein anderer Unionspolitiker – in der »Stoppt Strauß«-Kampagne auch mit Transparenten wie »Faschismus oder Freiheit«, einem Echo des »Freiheit statt Sozialismus«-Slogans. Am Ende scheiterte seine Kandidatur, die Union wurde zwar mit 44,5 Prozent stärkste Partei, SPD und FDP erreichten aber zusammen 53,5 Prozent.

Foto: Henning Christoph / ullstein bild
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War früher mehr Lametta? Sicher nicht 1994, als Sozialdemokrat Rudolf Scharping sein Glück gegen Langzeitkanzler Helmut Kohl versuchen durfte. Bei einer Mitgliederbefragung hatte der biedere Westerwälder sich 1993 gegen den ruppigen Niedersachsen Gerhard Schröder und gegen die Parteilinke Heidemarie Wieczorek-Zeul durchsetzen können und wurde SPD-Vorsitzender. Mit viel gutem Willen kann man den Kandidaten bodenständig nennen, seine linkischen Auftritte und hölzernen Reden waren stets gut für ein spontanes Gähnen, Aufbruchsstimmung wollte jedenfalls nicht aufkommen. Aus dem erhofften Aufstieg wurde ein unaufhaltsamer Abstieg des »Genossen Scharfsinn«, wie er spöttisch genannt wurde.

Foto: Mrotzkowski / ullstein bild
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Politik mit ohne Bart: Für einen Moment sah es 1994 so aus, als könnte doch noch etwas kippen. Am Charisma von Rudolf Scharping lag es eher nicht. Ein bisschen Hoffnung keimte bei der SPD, als sie die »Troika« ersann, dem glanzlosen Kandidaten also Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine als Geleitschutz an die Seite stellte. Und mehr noch durch die schwächelnde FDP, die für ihren Profilierungsversuch als »Partei der Besserverdienenden« weithin mit Verachtung gestraft wurde und an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern drohte. Sie erholte sich wieder etwas, schließlich wurde die schwarz-gelbe Regierungskoalition bestätigt: 41,4 Prozent für die Union, 6,9 Prozent für die FDP; dagegen kamen die SPD mit 36,4 Prozent und die Grünen mit 7,3 Prozent nicht an.

Foto: Monika ZUCHT / DER SPIEGEL
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Kann ein Bayer Kanzler werden? Edmund Stoiber jedenfalls nicht, auch wenn er sich hier bei einer Veranstaltung in der Münchner Olympiahalle am 7. September 2002 in klassischer Siegerpose zeigt. Sehr zupass kam Kanzler Schröder im Wahlkampf das Elbhochwasser, als er die Gummistiefel aus dem Schrank holte, durch den Matsch watete und Krisenmanagement zelebrierte: beinah wie einst Helmut Schmidt bei der Sturmflut 1962 in Hamburg. Und nur übertroffen durch Brandenburgs sozialdemokratischen Umweltminister Matthias Platzeck, der in den Fluten zu seiner besten Rolle als »Deichgraf« fand. Und Stoiber? Der schimpfte über Hochwasser-Touristen, machte sich aber erst spät selbst ins Krisengebiet auf.

Foto: Sammy Minkoff / IMAGO
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Haarscharf: Knapper hätte es kaum enden können – SPD und Union erreichten 2002 jeweils 38,5 Prozent, und in der Wahlnacht hielt sich Stoiber schon für den Sieger; so beschrieben es auch einige Tageszeitungen. Das war vorschnell, letztlich holten die Sozialdemokraten 6027 Stimmen mehr als CDU/CSU. Rot-Grün konnte weiter regieren.

Foto: Gero_Breloer / dpa
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Im Guidomobil in eine beispiellose Blamage: Das »Projekt 18« hatte die FDP zur Bundestagswahl 2002 ausgerufen, das Ziel 18 Prozent. Forsch präsentierte sich ihr Frontmann Guido Westerwelle als Kanzlerkandidat und tourte mit einem »Guidomobil« getauften Campingbus durchs Land, auch als Überflutungen die Nachrichten diktierten. Westerwelle trug das zum Gaga-Wahlkampf passende Schuhwerk mit einer 18 an der Sohle. Am Wahltag fehlten der FDP 12,6 Prozent zur 18 – ein glattes Fiasko.

Foto: Ulrich Baumgarten / ullstein bild
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Eher trist und aussichtslos für die Sozialdemokraten verliefen die Wahlkämpfe ab 2009, als Außenminister Frank-Walter Steinmeier für die SPD Kanzler werden wollte (hier bei einem Auftritt in Berlin). Er verlor deutlich, und seine sozialdemokratischen Nachfolger Peer Steinbrück 2013 sowie Martin Schulz 2017 (der mit dem Zug) erlebten ähnlich bittere Niederlagen, die sich früh abzeichneten.

Foto: Michael Dalder / REUTERS
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Wie sich die Zeiten ändern: Ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllte die bundesdeutsche Bevölkerung in den Sechzigerjahren noch weit überwiegend in der Wahlkabine. Die Briefwahl wurde 1957 eingeführt, damals nutzten nur knapp fünf Prozent diese Möglichkeit.

Foto: Uta Poss / ullstein bild
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Die Postsäcke kommen: Auf diesem Foto von 1957 treffen im Wahlamt München Wahlbriefe von Bundesbürgern ein, die sich im Ausland befinden. Fast stetig ist der Anteil der Briefwähler seitdem gestiegen und erreichte 2017 bei der Bundestagswahl knapp 29 Prozent. Nun dürften es 2021 im Zuge der Coronapandemie nahezu 40 Prozent werden. Das bedeutet auch: Viele Wählerinnen und Wähler haben sich schon lange vorher entschieden – der Wahltag selbst ist nicht mehr so zentral wie in den vergangenen Jahrzehnten.

Foto: dpa / ullstein bild
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Am Ende: 16 Jahre hat Angela Merkel regiert, so lange wie vor ihr nur Helmut Kohl (Titel der SPIEGEL-Ausgabe 36/2021). Nun ist offen, welche Partei nach ihrer Amtszeit die stärkste wird und welche Koalition Deutschland regieren wird. Der Wahlabend und die kommenden Wochen werden also spannend – der Wahlkampf war es weniger.
(Texte: Jochen Leffers)

Foto: Andreas Herzau / laif / DER SPIEGEL
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