Geschichte vor der Haustür: Als ich den Mann aus dem Video traf
Geschichte vor der Haustür Als ich den Mann aus dem Video traf
Als ich am 7. Mai 1976 in der Deutschen Demokratischen Republik geboren wurde, war diese noch fest zementiert. Doch am 9. November 1989 sollte die Welt aus den Fugen geraten. 100 Jahre sollte die Mauer nach dem Willen ihrer Erbauer doch halten, hat sie aber nicht. Und so betrat ich am 17. November mit einem Visum in der Hand Westberlin.
Ein paar Jahre später, ich hatte mich bereits ins Rheinland abgesetzt, wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte, "heute Abend in Molles- Bierstube zu gehen". Ein paar Stunden später lümmelten wir uns an der Theke in Andernach und tranken ein paar "Nette". Ihr werdet es kaum glauben: Das Bier heißt wirklich "Nette Pils". Der Name stammt von einem Fluß mit dem Namen "Nette", und mit diesem Wasser wurde das Bier gebraut. Also dran denken: "Heute wird nicht in den Fluß geschissen, morgen wird Bier gebraut!" So sprach Molle, der Pächter von "Molles- Bierstube". Er hatte unzählige Geschichten parat. Er war überall herumgekommen, hatte viel erlebt.
Eines Tages war ich mit meiner Schwester unterwegs. Sie war sehr neugierig, und wir probierten alle Sorten Bier, die wir finden konnten. Außer "Nette" - das hatte sie noch nicht probiert. Da ich ja wusste, wo es dieses Bier noch gab, machten wir uns auf den Weg zu Molle in Andernach. Wir waren die einzigen Gäste, und so begann Molle, mit uns zu plaudern.
Molle: "Wo kommt Ihr her?"
Wir: "Aus Zittau."
Molle: "Zittau kenne ich, da war ich schon einmal."
So was auch: Er kannte selbst ein verschlafenes Provinznest in Ostdeutschlands Pampa. Und prompt erzählte Molle seine Geschichten. Darunter eine über einen Zirkus, mit dem er durch die Welt getingelt war.
Es war der 11.Januar 2008. Der Tag, an dem Molle starb.
Doch seine Geschichten leben in uns weiter - und eine dieser Geschichten habe ich erst durch einestages erfahren: Molle hatte mehreren Ostdeutschen zur einer spektakulären Fluch aus der DDR verholfen. Zufällig wurde diese Flucht von einer Fernsehkamera festgehalten. Und ich hatte mich immer gefragt, wer der Mann in diesem berühmten Fluchtvideo war. Dabei kannte ich ihn sogar, wenn auch nur flüchtig: Es war Werner Hullin alias Molle.