Globalisierung in Indien - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Globalisierung in Indien: Die Gefährdung der Adivasis

Foto: Lars Meyer

Globalisierung in Indien Die Gefährdung der Adivasis

Globalisierung und Traditionsverlust: Während die indische Wirtschaft boomt, droht die Einseitigkeit des Wachstums die kulturell einzigartigen Volksgruppen der indischen Ureinwohner zu entwurzeln und zu zerreißen. Eine Reise nach Umri, einem Dorf im Bundesstaat Madhya Pradesh.
Von Lars Meyer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach gut zwölf Stunden Zugfahrt und einer weiteren Stunde im Bus endet die Reise von Neu-Delhi nach Umri mit einem Fußmarsch durch Manglias Maisfeld. Kurz hinter der Distriktshauptstadt Jhabua, mitten im zentralindischen Nirgendwo, sind wir ausgestiegen und noch einige Kilometer querfeldein gelaufen. Und als sich inmitten der steinigen Hügellandschaft die kleinen Felder und Hütten Umris abzeichnen, finden wir uns in einer Idylle wieder, in der Manglias Freund Tan Singh und einige Kinder nun völlig zu Recht mit stolzem, fast patriotischen Lächeln zur Begrüßung heraneilen.

Mit dem Marsch von der Hauptstraße nach Umri endete zugleich die Reise in ein anderes Indien, das mit den pulsierenden Metropolen und ihren mehrspurigen Hochstraßen, gläsernen Bürotürmen und funkelnden Einkaufszentren nichts gemein hat. Wenn nicht schon vor einigen Jahrhunderten, so scheint die Zeit hier zumindest irgendwann vor 1991, dem Geburtsjahr des indischen Wirtschaftswunders, stehen geblieben zu sein.

Manglia und Tan Singh sind Adivasis, indische Ureinwohner vom Stamm der Bhil. Zahlreiche Legenden und Überlieferungen in den großen indischen Epen ranken sich um die Bhil, von denen heute noch etwa zwei Millionen im nordwestlichen Indien leben. Die Geschichten gehen zumeist auf die etymologische Bedeutung des Stammesnamens - "Bogen" - zurück. Sie erzählen von der traditionellen Profession der Bhil als Jäger und Krieger von unbezwingbarem Willen, nahezu grenzenloser Opferbereitschaft und Treue und von ihrem Leben in Einheit und Austausch mit der Natur. Entsprechend der Tradition ihrer Volksgruppe bewachen Manglia und Tan Singh als Nachtwächter die nahe Umri gelegene Station einer einheimischen Entwicklungshilfeorganisation.

Wachsende Spannungen

Regierungsangaben zufolge ist Jhabua eines der zehn ärmsten Distrikte des Subkontinents. Große Wälder sind zu weit entfernt, als dass auch die heutigen Generationen die Lebensweise ihrer Vorfahren fortführen und als Nomaden jagen und sammeln könnten. Da sie darüber hinaus auf den jeweils unter den Söhnen aufzuteilenden kleinen Feldern mit dem Anbau von Mais und Weizen oft nicht einmal mehr die Versorgung der Familie gewährleisten oder gar Geld verdienen könnten, sind heute fast alle jungen Männer in der Region auf Arbeit in den Städten angewiesen.

Gleichwohl haben die Bhil bis heute ein besonderes Verhältnis zu ihrer Umwelt bewahrt. Heilmittel für fast alle Krankheiten finden die Badwa, die Medizinmänner, in den umliegenden Wäldern. Allein aus dem in dieser Region weit verbreiteten Neem-Baum gewinnen sie vom Insektenpestizid bis zur Wundkompresse dutzende Wirksubstanzen und Produkte. Viele Häuser werden ausschließlich aus Materialien gefertigt, die Wald und Nutztiere spenden: Steine und Äste, zementiert durch ein Erde-Kuhdung-Gemisch, dazu Bambus und Blätter.

Missionare oder fundamentalistische Hindus nehmen die Eigenartigkeit und kulturelle Autarkie der Bhil oftmals zum Anlass, deren Religion als altertümlichen, primitiven Aberglauben zu verurteilen. Insbesondere die "schwarze Magie" der Medizinmänner wird seit jeher zur Rechtfertigung für die Konvertierung der Adivasis zu Christentum oder Hinduismus bemüht. Menschenrechtler berufen sich dagegen auf die Unantastbarkeit der Traditionen und Überzeugungen eines kulturell einzigartigen Volkes und warnen vor seiner Absorption durch "Hinduisierung" und wachsende kulturelle und religiöse Intoleranz in einem Land, in dem die Spannungen unter den unzähligen, über Jahrhunderte weitgehend friedlich koexistierenden Glaubensrichtungen stetig zu wachsen scheinen.

Unbemerkt im "Globalen Dorf"

Als sich über dem fragilen Dach die letzten großen Monsunwolken des Jahres in die feucht-heiße Abendluft entladen, sitzen wir in Manglias Hütte. Seine Kinder schälen goldgelbe Maiskolben, die seine Frau und seine Schwiegermutter gleichmäßig über der Feuerstelle drehen, während Tan Singh von den Grundzügen der Religion der Bhil erzählt. Bhagavan steht an der Spitze einer Hierarchie zahlloser Gottheiten, in der auch hinduistische Götter wie Krishna oder Rama und sogar die Geister der Ahnen feste Plätze einnehmen. Wenig später erwähnt Tan Sing Gerüchte, nach denen ganz in der Nähe ein Kraftwerk zur Energiegewinnung gebaut werden soll. Ein Kraftwerk? Ja. Nun auch hier.

Indiens Wirtschaft, seit der Outsourcing-Welle Anfang dieses Jahrtausends endgültig an die Weltmärkte angeschlossen, boomt seit Jahren mit einem Wachstum von fast 10%. Das Land wird von ausländischen Unternehmen längst nicht mehr nur als bevorzugter Standort für die Ausgliederung von Unternehmensprozessen oder zur Softwareprogrammierung, sondern vermehrt auch als chancenreicher neuer Absatzmarkt für westliche Konsumgüter wahrgenommen.

"Globalisierung" nennt diesen Prozess in Jhabua natürlich niemand, und im aktuellen vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) veröffentlichten Human Development Index rangiert Indien als zehntgrößte Volkswirtschaft der Erde nur auf Platz 128 und damit noch immer weit hinter anderen aufstrebenden Staaten wie China (86) und Brasilien (63). Schwierig ist sicher auch, einem Dorfbewohner zu erklären, dass er eigentlich längst im "Globalen Dorf" wohnt, wo er doch noch nie in außerhalb des Distrikts Jhabua war und seine Maßeinheit für 1000 Meter nicht 1 Kilometer, sondern "etwa 100 Häuser von hier" ist.

Fatale Folgen

Doch vor allem die kulturellen Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Adivasis sind schon jetzt unverkennbar. Denn kaum anderswo zeigt sich gerade die Ambivalenz eines rasanten Globalisierungsprozesses so deutlich wie in Indien.

Einerseits knüpfen internationale Hilfsorganisationen und Unternehmen ein effizientes Netz zur Gewährleistung flächendeckender medizinischer Versorgung und Schulausbildung sowie zur Modernisierung der Infrastruktur. (Cholera, Typhus oder Lepra, einst auch in dieser Region wütende Seuchen, sind mittlerweile sehr selten, Impfkampagnen gegen Polio haben angeschlagen.) Gleichzeitig aber bieten sich für die weitgehend auf die Landwirtschaft angewiesenen Ureinwohner angesichts des durch Subventionen und Zölle in den Industriestaaten erschwerten Zugangs zu den globalen Agrarmärkten immer schlechtere Absatzmöglichkeiten.

Diese zwingen die Landbevölkerung nicht nur zur Suche nach neuen Einkunftsmöglichkeiten, sondern zeichnen sich indirekt auch für den "Import" neuer Krankheiten verantwortlich: Bhil-Frauen, die sich an den Hauptstraßen für einige Rupien prostituieren und Arbeitsmigranten bringen HIV und Syphilis in die Dörfer; Hunger und Perspektivlosigkeit sorgen für Depression, Alkoholismus und sogar Selbstmord unter den Männern. Im Jahr 2007 begingen so mehr als 17.000 indische Bauern Selbstmord.

Chancen für den Fundamentalismus

Für die Versorgung und Expansion der rasant wachsenden Volkswirtschaft, die mit den großen Wirtschaftsnationen und vor allem China konkurrieren will, werden zudem vermehrt auch die abgeschiedenen Lebensräume der Ureinwohner erschlossen. Offiziellen Angaben zufolge wurden etwa weit über 40.000 Familien, das heißt etwa eine viertel Million Adivasis, zugunsten von Überschwemmungen für das Sardar Sarovar-Staudammprojekt aus ihrer gewohnten Umgebung in zumeist steinige, unfruchtbare Gebiete umgesiedelt.

Schließlich verstärkt die zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Menschen in den von Unternehmergeist und Modernisierung wie elektrisierten Städten und den von der Politik vernachlässigten Bauern ein weiteres Phänomen, das die Schattenseiten des rasanten Wachstums der indischen Wirtschaft offenbart: In der Konfusion und dem Frust der Landbevölkerung sehen fundamentale, zumeist hinduistische Bewegungen die Chance, vor allem die illiteraten Ureinwohner gegen Andersgläubige zu mobilisieren. Plötzlich muss sich das traditionell multireligiöse und tolerante Indien mit gewalttätigen Übergriffen auf christliche Institutionen oder mit Massakern an Muslimen in Gujarat und sogar Mumbai auseinandersetzen.

Zynischerweise sind es dabei gerade der indische Demokratiepatriotismus und die staatliche Liberalität in Bekenntnisfragen, die den Nährboden für das Sendungsbewusstsein der jeweils überzähligen ethnischen, religiösen oder politischen Gruppen schaffen.

Identitätsverlust in der Massengesellschaft

Diese Gemengelage von Migration und Umsiedlung, HIV und genereller Unzufriedenheit führt in Regionen wie Jhabua zu einem rasanten Entfremdungsprozess, in dem sich die Bhil von ihren uralten Traditionen und Wertordnungen lösen müssen, um einen Platz im "modernen Indien" zu finden. Als Kastenlose werden sie zugleich jedoch nie vollwertige Teile der urbanen Gesellschaft. Stattdessen beginnen sie, zu vergleichen und zu begehren, verlieren ihre Identität, ihre Genügsamkeit und ihr Selbstwertgefühl und werden schließlich von der kulturellen Massengesellschaft absorbiert. Autarke Volksgruppen verschwinden - und mit ihnen ihre Kulturen, Sprachen, Werte und Weisheiten.

Zwar verspricht die Regierung von Premierminister Manmohan Singh, die Ureinwohner bei Indiens wirtschaftlichem Aufstieg nicht zu vergessen. Ihre Maßnahmen, etwa der Rural Employment Guarantee Act, ein Gesetz welches den Menschen der 200 ärmsten Distrikte mindestens 100 Tage Arbeit im Jahr garantiert, konnten diesen Entfremdungsprozess bisher aber nicht aufhalten, sondern allenfalls erträglicher machen.

Hilfe zur Wahrung von kultureller Vielfalt

Umso wichtiger erscheint daher der Einsatz zahlloser Hilfsorganisationen und Aktivisten wie beispielsweise jener der vielfach ausgezeichneten Autorin Arundhati Roy für die einzigartige Kultur der Adivasis. Ihr Aktivismus fußt nicht zuletzt auf der Überzeugung, dass die Autarkie dieser Völker, ob im indischen Himalaya, in der Wüste Rajasthans oder auf den Andamanen, dem urbanen Indien ein Mahnmal für seine Verantwortung zur Wahrung von Vielfalt und Toleranz sowie der einzigartigen kulturellen Historie des Subkontinents sein kann.

Geschichten wie die der Menschen in Umri machen zudem deutlich, dass das ländliche Indien bislang nicht nur nicht teilnimmt am Wirtschaftsaufschwung, sondern an dessen Rücksichtslosigkeit und Einseitigkeit zu zerbrechen droht.

Mehr lesen über