Gotteskampf im Fernsehen - DER SPIEGEL
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Gotteskampf im Fernsehen: Terror in Serie

Gotteskampf im Fernsehen Terror in Serie

Extremisten, Anti-Terror-Kämpfer und Schläfer mitten unter uns: Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 herrscht auch im Fernsehen der Krieg der Kulturen - und beunruhigt die Zuschauer mit düsteren Bedrohungsszenarien genau so sehr, wie er sie unterhält.
Von Florian Heiser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Idylle war mal, jetzt ist Terrorismus - auch im Fernsehen. Nach dem 11. September 2001 haben sich Serien- und Drehbuchautoren in aller Welt dem Kampf der Kulturen gewidmet und Wiesen- und Gebirgsromantik, Liebesgeflüster und Adelsgeschichten in die Vorabendserien verbannt. Die Prime Time ist voller schwarzer Witwen, sprengstofftragender Extremisten und in den Feldzug gegen den Terror ziehender Helden, die vor keinem noch so fragwürdigen Mittel zurückschrecken, um ihr Land zu beschützen.

Zwar hatte die Unterhaltungsindustrie schon vor den Anschlägen auf die Twin Towers Terrorismus immer wieder zum Thema gemacht. Aber die Konflikte orientierten sich oftmals an einer alten, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs längst untergegangenen Welt. In US-Produktionen blieben meist Russen oder düstere Gesellen aus ehemaligen Mitgliedsstaaten der Sowjetunion die Bösen. Die alten Grabenlinien zwischen Ost und West existierten nach wie vor, so dass aktuelle Konflikte sich nur ausnahmsweise in TV-Produktionen niederschlugen. Das Fernsehen war zu einem etwas angestaubten Geschichtsklassenzimmer geworden.

Doch mit dem 11. September kamen neue Feindbilder auf die Mattscheibe: Mit einem Mal schien man als Zuschauer mittendrin zu sein im Krieg. Schließlich hatte man die Anschläge in New York am Bildschirm live verfolgt, fühlte sich von den Bedrohungsszenarien der Politiker und Medien beunruhigt und schließlich, nach den Anschlägen von Madrid und London, darin bestätigt, dass auch Europa im Fadenkreuz der Terroristen lag. Der Terror hatte ein Gesicht bekommen, im wortwörtlichen Sinn, konnten die Attentäter des 11. September doch identifiziert werden. Al Quaida und Osama Bin Laden schienen plötzlich ganz nah.

Katastrophen von apokalyptischem Ausmaß

Kollektive Ängste - ganz gleich ob rational oder nicht - sind immer ein gutes Vehikel für den Erfolg von Fernsehproduktionen. Man denke nur an die langlebige Konjunktur von Katastrophenfilmen. Kein Wunder also, dass sich Produktionsfirmen des Terrorismus angenommen haben. Paradebeispiel dafür ist die US-amerikanische Serie "24", in der Jack Bauer, ein Agent einer fiktiven Anti-Terror-Einheit, im Namen der USA terroristische Anschläge zu vereiteln versucht. Dabei verletzt er Gesetze, gerät immer wieder in Gewissenskonflikte und schreckt auch vor Foltermethoden nicht zurück. Aber ganz gleich, um welchen Preis - immer handelt er zum Wohl seines Landes.

Die Serie, die kaum zwei Monate nach den Anschlägen in New York bei dem Fernsehsender FOX auf Sendung ging, besticht vor allen Dingen durch ihr dramaturgisches Konzept: Jede Staffel umfasst 24 Folgen, jede Folge wiederum eine Stunde - in Echtzeit. Folge der allgegenwärtigen Zeitknappheit ist ein schier unerträglicher Druck auf die Hauptfigur, die in kürzester Zeit Katastrophen von apokalyptischem Ausmaß abwenden muss.

So ist der Einsatz von Foltermethoden in "24" an der Tagesordnung, eine Tatsache, die nicht nur in den USA, sondern auch in europäischen Ländern eingehend diskutiert wurde. Während Kritiker die Serie als perfides Beispiel dafür ansahen, wie die Medien Folter als legitimes Mittel im Kampf gegen den Terror rechtfertigen, wandten Fans ein, es sei nicht zu übersehen, dass die Serie Folter an sich problematisiere. Schließlich litten die Protagonisten unter ihrem Tun und zerstörten sich geradezu selbst, indem sie auf dem schmalen Grat ihres Gewissen einen regelrechten Drahtseilakt vollführten.

Die Schläfer gehören zur Gesellschaft

Eine weitere US-amerikanische Serie, die sich das Feindbild des extremistischen Islamisten zu eigen macht, ist "Sleeper Cell". Auch hier wird der Koran von Extremisten missbraucht, um hässliche Akte des Terrors zu rechtfertigen. Gleichzeitig jedoch fallen Sätze wie "Gott liebt keine Feindseligkeiten." oder "Der größte Dschihad ist der Kampf gegen die eigene Seele, das Schlechte, das in jedem von uns steckt, zu vernichten".

Vorzeigefähige Muslime, die sich mit dem Koran beschäftigt haben, predigen also nicht den Kampf gegen die Ungläubigen. Außerdem befinden sich unter den potenziellen Attentätern in der Serie immer auch Amerikaner und Europäer. Zum Multikulti-Ansatz passt zudem, dass der ermittelnde Agent Darwyn, der damit beauftragt wird, eine Schläferzelle zu infiltrieren, ein afroamerikanischer Muslim ist, der den Missbrauch seiner Religion verhindern will.

"Sleeper Cell", aber auch deutsche Spielfilmproduktionen wie "Die Zelle" (2007), in der es um die Vereitelung eines Sprengstoffattentates in Köln geht, treffen die Aussage, dass jeder unserer Mitmenschen ein Terrorist sein kann. Die Schläfer gehören zur Gesellschaft: Sie haben Freunde, Arbeit und Familie. Das ist fesselnd - und beängstigend zugleich. Welche Schlüsse man jedoch daraus zieht, bleibt offen. Es gibt eben Gefahren, vor denen man sich nicht einfach schützen kann.