Grenzerfahrung: "Wer hier nicht irre wird, hat 'ne Macke"
Grenzerfahrung "Wer hier nicht irre wird, hat 'ne Macke"
Der arme Christian Blank hat einen Lebensplan. Der geht so: Jana lieben, studieren, mit Jana in den Westen ausreisen. Der Plan scheitert grotesk. Nicht die Liebe siegt, sondern das Schicksal in Gestalt eines Einberufungsbefehls zu den Grenztruppen der DDR und eines dämonischen Majors namens Nattenklinger. Nicht einmal durch den Mauerfall kann Blank ihm entrinnen, denn Nattenklinger ist ein perfider Wiedergänger der Geschichte. Er begegnet dem Schauspieler Christian Blank bei Dreharbeiten nach der Wende erneut und mimt einen NVA-Grenzer. Den Gespenstern der Vergangenheit entkommt man nicht so einfach. Zwar sind Blank, Jana und Nattenklinger fiktive Figuren eines vor neun Jahren von mir geschriebenen Spielfilms - trotzdem scheinen ihre Ebenbilder noch immer zahllos unter uns zu sein.
Ohne meine eigene Geschichte gäbe es Christian Blank wahrscheinlich nicht. Das moralisch und juristisch nebelige Niemandsland zwischen den Zäunen der deutsch-deutschen Grenze, in dem Blank seinen Wehrdienst ableistet, habe ich kennengelernt. So wie der 19-Jährige im Film musste ich dort meinen Wehrdienst absolvieren und schrammte im kreischenden Irrsinn des Kalten Kriegs immer wieder an meinen eigenen Grenzen entlang.
Warum, so könnte man fragen, sollte man schon wieder über alles das sprechen? Ist es nicht endlich gut? Sind nicht zwanzig Jahre seit dem Mauerfall vergangen? Haben denn nicht alle längst Ruhe gefunden und Frieden mit sich, Deutschland und der Welt gemacht? Sind die vielen Christian Blanks hierzulande nicht längst von ihren Dämonen befreit? Ich habe starke Zweifel. Geschichte endet nie, sie wiederholt sich. Ständig.
Kurzschluss im Grenzmeldenetz
Die Entstehungsgeschichte des Filmes "Drei Stern Rot" beginnt in einer Novembernacht des Jahres 1986. Zu sehen sind die drei roten Leuchtkugeln, die dem Film seinen Namen gaben und die auch ich damals sah. Es war pisskalt. Es regnete. Schnee wäre uns, meinem Kameraden Hunde-Schulz und mir, viel lieber gewesen. Denn Schnee durchnässte den Tarnanzug nicht so schnell. Aber wenn man schließlich nass war, war auch das egal. Wir hockten auf einem schlammigen Stück Land östlich von Helmstedt, schon vier Stunden lang. Vorher waren wir acht Stunden einen schmalen Streifen Börde am Grenzzaun entlang getrottet. Voraussichtlich mussten wir noch eine ganze Weile hocken bleiben. Drei rote Leuchtraketen am Himmel bedeuteten Grenzalarm.
Der Alarm hatte außer uns vielleicht noch vierzig andere Soldaten im Abschnitt mobilisiert, auch jene, die gerade erst nach ihrem verfrorenen Wachdienst in ihre Betten gekrochen waren. Wir alle waren dort draußen, um unserer in der DDR gesetzlich verankerten sogenannten Ehrenpflicht nachzukommen. Hunde-Schulz, mich und 30.000 andere Soldaten pro Jahr brauchte der Staat an der deutsch-deutschen Grenze. Wir befanden uns in der Grenzkompanie Hötensleben. In der sogenannten tagespolitischen Information vor jeder Schicht erklärten uns der Politoffizier oder ein lustloser Zugführer, dass unsere Tätigkeit ein Frontdienst in Friedenszeiten zu Sicherung des Weltfriedens sei.
Frieden war das Lieblingsschlagwort in der Spätphase des Kalten Krieges: Gorbatschow schrieb 1986 den DDR-Grenztruppen eine warmherzige Widmung ins Goldene Buch und dankte ihnen, also uns, für den verantwortungsvollen und schweren Dienst zur - wer hätte das gedacht - Friedenssicherung. Im Westen Deutschlands begeisterte er zeitgleich zigtausende Westdeutscher in unserem Alter derart, dass sie ihre Popperklamotten gegen einen improvisierten Russenuniformlook tauschten, Sowjetstern inklusive.
"Wer hier nicht irre wird"
Wir wünschten uns keinen Russenlook, sondern wasserfeste Stiefel. Auch der Weltfrieden war für uns ein hohles Wort. Unsere Feinde waren das Wetter, der unfähige Küchenchef und alle Offiziere, die uns ebenso fürchteten und hassten wie wir sie.
"Weißte", sagte der zitternde Hunde-Schulz, der eigentlich ab 5 Uhr früh in seinen dreitägigen, alle drei Monate fälligen Urlaub fahren sollte und das - wegen des Alarms - nun vergessen konnte, "weißte, du kannst gar nicht entkommen. Nie." Er meinte uns und nicht einen möglichen Flüchtling. Der Alarm war bestimmt wieder nur ein Kurzschluss im Grenzmeldenetz. Vielleicht war auch ein Reh in den Signalzaun gerannt. Oder ein betrunkener Bauer. Hunde-Schulz brachte es auf den Punkt: "Weil, wer hier nicht irre wird, hat 'ne Macke."
Ich dachte darüber nach und starrte in den Nebel zum Grenzzaun. Weit dahinter wurde im Morgengrauen langsam der Antennenturm einer amerikanischen Spionagestation sichtbar. Wahrscheinlich hörte man dort gerade unseren Funkverkehr ab. Hunde-Schulz stocherte mit seiner im Regen rostenden Kalaschnikow in der klitschnassen Erde. Er wiederholt es noch mal, wie einen Werbespruch: "Wer hier heil nicht irre wird, hat 'ne Macke. Waldklinik Hötensklöten."
"Klingt wie'n Filmtitel", sagte ich. "Den Film machen wir." Damals hatte ich zwar mit Film noch nichts zu tun. Aber aus dem dahingesagten Scherz sollte später trotzdem Ernst werden.
Ironie des Schicksals
Ende der achtziger Jahre brach die DDR wirtschaftlich zusammen. Die Sowjetunion war ebenfalls bankrott, und Gorbatschow maß Gesprächen mit Vorständen bundesdeutscher und amerikanischer Geldinstitute mittlerweile einen höheren Stellenwert bei als dem Bruderkuss mit dem alten Honecker. Das also war die Friedliche Revolution. Etwas mehr als zehn Jahre später, im November 2000, stand er unverändert da, der Grenzzaun im eisigen Nebel. Beim Dreh von "Drei Stern Rot" bereitete der Mitarbeiter für die Spezialeffekte die roten Signalraketen exakt an der Stelle vor, an der Hunde-Schulz und ich vor 14 Jahren gefroren hatten.
Es ist wohl die Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet unser alter Grenzabschnitt zu einem Freilandmuseum wurde. Schaulustige Anwohner beobachteten die Vorbereitungen zur großen Eröffnungsszene des Films, und als die Scheinwerfer aufflammten, murmelte ein Mann begeistert einem anderen zu: "Wenn wir die damals gehabt hätten."
Die Herren waren ehemalige Grenzer-Offiziere. Als Wachmänner bewachten sie jetzt die alte Kaserne der Grenztruppen, in der mittlerweile irakische Flüchtlinge lebten. Die Flüchtlinge selbst hatten keine Zeit, unsere Drehvorbereitungen zu beobachten. Sie standen vor der Hötenslebener Telefonzelle an, um in die Heimat zu telefonieren. Ein kleiner irakischer Junge interessierte sich für die Uniformen und Waffen der Schauspieler und wollte wissen, ob ich hier Soldat gewesen sei. "Genau hier", sagte ich. Er legte seine imaginierte Maschinenpistole an, spielte Schießen und fragte: "So?"
''Und zum Dank wirst du beschossen"
Die Ex-Offiziere und Wachschutzleute betrachteten den Jungen hasserfüllt. Ich fragte die Herren, ob ihnen Frieden oder Freiheit lieber sei. Aber sie antworten nicht. Auch eine Hoteliersfrau aus dem nahen niedersächsischen Schöningen beobachtete interessiert unser Tun. Sie freute sich über die Dreharbeiten, weil ihr Haus zum ersten Mal seit Jahren ausgebucht war. Vor dem Mauerfall beherbergte sie knapp jenseits des Grenzzaunes amerikanische Nachrichtendienstler, die in der mittlerweile demontierten Spionagestation geschult wurden. Die sorgten für Umsatz. Mit dem damals kommandierenden Offizier, sagte sie, sei sie noch immer befreundet. Sie erzählte, dass er in Kuwait nahe der irakischen Grenze diene und sich nach Schöningen zurückwünsche.
Im Jahre 2009 ist die Weltlage grausig. Im Grenzmuseum Hötensleben dagegen sieht alles rosig aus. Mauer, Wachturm und Zäune sind in einem besseren Zustand als je zuvor. Der Turm wurde mit einem phantasievollen Tarnanstrich versehen. Die Asylbewerber sind weg. Vielleicht sind sie in den Irak zurückgekehrt, vermutet ein Einheimischer. Er bezweifelt, ob es ihnen zu Hause nun besser gefällt als in der Börde.
Ich selbst habe mittlerweile auch einen Dokumentarfilm gedreht: "Grenze - Lebensabschnitt Todesstreifen". Seitdem werde ich immer wieder zu Workshops eingeladen, damit Schüler und Bundeswehrangehörige im politischen Unterricht Fragen zum Grenzregime stellen können. Aber Geschichte ist relativ und viel zu weit weg, wenn der Stress mit den Eltern und die Sorgen um eine Lehrstelle das Leben der Schüler bestimmen. Die wenig älteren Zeitsoldaten betrachten solche Veranstaltungen als gediente Zeit. Besser in einem neonbeleuchteten, schlecht belüfteten Schulungsraum herumsitzen als in ein Krisengebiet geflogen zu werden, oder?
Einige jedoch nicken wissend, wenn ich das moralische Niemandsland erwähne, in dem wir Wehrpflichtigen uns damals jede Nacht zwischen den Zäunen befanden. Einmal teilte mir ein Soldat nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung mit, dass er gerade aus Afghanistan zurückgekehrt sei. "Friedenssicherung", sagte er sarkastisch, "und Freiheit. Super. Und zum Dank wirst du beschossen." Von der politischen und militärischen Führung fühlte er sich verraten und verkauft. Dann schwieg er, als habe er zu viel gesagt, grinste und folgte den Kollegen zum Tisch mit den belegten Broten. Wie er da so stand, erinnerte er mich ein wenig an Christian Blank. Sein Nachbar, der gerade Würstchen auf seinen Teller häufte, ähnelte in Statur und Gestik Hunde-Schulz. Ja nun: Entkommen unmöglich. "Wer hier nicht irre wird, der hat ne Macke."