Grenzerfahrung: An verlassenem Posten
Grenzerfahrung An verlassenem Posten
Die DDR-Grenze war eine hermetisch abgesicherte Anlage mit Selbstschussanlagen, Wachtürmen, Postenwegen und Minenfeldern. Signaldrähte und freies Feld gaben keine Möglichkeit, unbemerkt an den Grenzzaun oder die Mauer zu kommen. Umso verwunderter war ich, als mir im März 1973 folgendes passierte: Aus dem Skiurlaub in Italien kommend, befuhr ich die Autobahn Richtung Berlin. Es waren nur noch wenige Kilometer bis Hof, als der Motor meines Borgward P100 seinen Geist aufgab. Mit dem letzten Schwung erreichte ich eine Haltebucht an der Autobahn und informierte den ADAC, der mich zu einer nahegelegenen Werkstatt schleppte. Der Meister bestellte sofort die notwendigen Ersatzteile in Bremen, die dann am nächsten Tag geliefert wurden. Es war Wochenende, und ich half beim Einbau der Stirnräder. Trotzdem zog sich die Reparatur bis in die Nacht hin und ich machte mich erst nach Mitternacht auf den Weg.
Es war sehr nebelig, und so fuhr ich mit geringer Geschwindigkeit zum Kontrollpunkt Hirschberg. Kein weiteres Fahrzeug war unterwegs, und der Kontrollpunkt lag im hellen Schein der Nitraphotlampen. Alle Schlagbäume waren oben und kein Mensch war zu sehen! Es war in der Zwischenzeit 1 Uhr 30 geworden, und ich schaute mich auf dem Areal um, nach Personen suchend, die mir ein Transitvisum ausstellen und die Transitgebühr (damals 15 D-Mark) quittieren könnten. Niemand war dort, und ich ging wieder zum Fahrzeug und hupte, rief nach Kontrolleuren.
Nachdem ich eine halbe Stunde gewartet hatte und sich niemand gezeigt hatte, fuhr ich nach Berlin (ohne Papiere) weiter, wo ich wegen des starken Nebels erst gegen 5.30 Uhr in Drewitz ankam. Ich war der einzige Pkw-Fahrer, sonst nur Milch-Lkw. Die Pkw-Ampel stand auf Rot. Der Kontrolleur staunte nicht schlecht, als ich ihm den Vorfall schilderte, und bat mich, mit abgestelltem Motor zu warten.
Nach wenigen Minuten kam ein Grenzfahrzeug mit einem Uniformierten, der einen Lammfellmantel trug. Er setzte sich zu mir ins Fahrzeug und ließ sich den Vorgang nochmals schildern. Mit einem Lachen sagte er, ich solle den Betrag für das Transitvisum für einen Blumenstrauß für meine "Frau Mutter" ausgeben, da man das Geld hier (in Drewitz) nicht mehr verbuchen könne. Ohne jegliche Kontrolle wurde ich durchgewunken und kam so nach Dreilinden. Hier wurde ich sofort angewiesen, bei den Alliierten zu halten, denn die Lkw-Fahrer hatten den Vorfall gemeldet. Eine Stunde befragte man mich nach allen Einzelheiten, dann konnte ich die letzten Kilometer nach Hause fahren. Bis heute kann mir niemand erklären, was dort genau passiert ist und warum der Kontrollpunkt unbesetzt war.