Grenzerfahrung: Slalom zwischen Ost und West
Grenzerfahrung Slalom zwischen Ost und West
Bekannte haben mir im Sommer 1969 das Segeln beigebracht. Ich lernte auf ihrem Gaffelsegler aus Holz auf dem Niederneuendorfer See in Berlin-Heiligensee. Mit einigem Elan ging ich die Sache an, merkte dann aber bald, dass ich das Boot kaum alleine segeln konnte, und kaufte mir daher ein Kunststoffboot der Marke Kolibri - gerade so groß, dass dafür kein Segelschein notwendig war. Ein Superboot, leicht, wendig und mit Spinnaker sehr schnell am Wind.
Wenn am Abend die Sonne unterging, kam auf dem See die richtige Thermik auf, mit der man sehr schnelle Manöver trainieren konnte. Sie hielt etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde an. Der See gehörte zu dieser Zeit zu einer Hälfte der DDR, zur anderen Berlin-West. Der Grenzverlauf war mit Bojen gekennzeichnet, die alle 50 Meter aus dem Wasser ragten - die beste Slalomstrecke, die man sich vorstellen konnte.
Jede nur mögliche Stunde übte ich nun und hatte bald einige Perfektion erlangt, als eines Tages ein DDR-Grenzboot auftauchte und mich unmissverständlich hinter die Bojen zurückdrängte. Mit seinem Innenbordmotor war es eindeutig schneller. Tage später schnellte ich wieder einmal bei Sonnenuntergang um die Bojen, als das Grenzboot mit Vollgas aus dem nahen Schilf kam. Per Megaphon wurde mir mitgeteilt: "Herr Felchow, bitte bleiben Sie auf der Westseite! Mit ihren Bojenumrundungen begehen sie ständig Grenzverletzungen."
Herr Felchow? Wie waren sie auf meinen Namen gekommen? Das Boot war so klein, dass ich keinen Namen dafür benötigte.
Wenige Tage später hatte mein Kolibri einen Ruderschaden und ich vertäute das Boot am Steg. Es war Sonnabend, spät abends fuhr ich nach Hause. Am Sonntag bekam ich von meinen Bekannten einen Anruf: Wo ist das Boot?
Der Kolibri war weg. Gestohlen? Aber wie? Durch die Kolonie hätte das Boot niemand befördern können, das wäre aufgefallen. Auf dem Wasserweg wäre ein Diebstahl ebenfalls nicht verborgen geblieben, zumal das Boot mit dem kaputten Ruder nur hätte geschleppt werden können, und das wiederum hätte die Wasserschutzpolizei an der Kontrollstelle Fährstraße bemerkt. Ich erstattete Anzeige.
Mit dem Gaffelsegler meiner Bekannten machte ich mich schließlich selbst auf die Suche. Als ich den Bojen näher kam, näherte sich auch das Grenzboot mit langsamer Fahrt. Die Leute an Bord lächelten, sagten aber kein Wort. Wussten sie etwas?
Wochen später - ich hatte ein Tagesvisum für die DDR beantragt - wollte ich auf einer Wache der Volkspolizei Anzeige erstatten. Mein Vorhaben wurde allerdings abgelehnt. Bis heute habe ich nichts über den Verbleib meines Bootes erfahren.