Günter Lucks: Sein Leben in Hamburgs rotem Osten - DER SPIEGEL
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Kommunistische Hansestadt: Als Hamburgs Osten rot war

Hamburgs roter Osten "Der beißt nur Nazis!"

Kämpfe mit der SA, Schusswechsel mit der Polizei: Günter Lucks wuchs als Sohn überzeugter Kommunisten in Hamburg-St. Georg auf. Nach der Machtübernahme der Nazis wollte er vor allem eines: der Hitlerjugend beitreten.
Von Harald Stutte
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war Sommer 1932, da hämmerte es an der Wohnungstür der Familie Lucks im Hamburger Stadtteil St. Georg. Knut stand da, ein Genosse des Familienvaters Hermann. "Die Nazis sind auf dem Weg hierher. Denen wollen wir gehörig die Suppe versalzen", rief er. Und: "Hast du nicht eine Waffe? Dann nimm sie mit!" Doch Hermann Lucks verneinte: "Nee, meine Waffe ist meine Faust!"

Auf dem Hansaplatz im Herzen St. Georgs trafen sich die Männer des kommunistischen Roten Frontkämpferbundes (RFB) mit roten Fahnen und braungrauen Feldblusen, die sie im Stil der sowjetischen Bolschewiki über die Hosen gezogen hatten. Die Stimmung war angespannt. Schließlich war der Stadtteil das Revier der Kommunistischen Partei Deutschlands. Nazis und ihre Sturmabteilung (SA) hatten hier nichts zu suchen.

Doch an diesem Tag ließ sich keine SA blicken, stattdessen tauchten Polizisten auf. Die Lederriemen ihrer Tschakos, der helmartigen Kappen, hatten sie unters Kinn gezogen. Denn so konnten sie diese, die von RFB oder SA gern als "Trophäen" erobert wurden, im Gerangel nicht verlieren. Schüsse fielen. Hermann Lucks war einer der ersten, die getroffen wurden. Eine Kugel durchschlug seinen rechten Oberschenkel. Ausgerechnet ein Wachtmeister half ihm und schleppte ihn in einen Hausflur. Er war ein Sozialdemokrat und wurde ein Freund der Familie - die Kinder nannten ihn "Onkel Friel".

"Beißt nur Nazis!"

Die Geschichte von der Rettung seines Vaters erzählt Günter Lucks in seinem neu erschienen Buch "Der rote Hitlerjunge". Lucks Eltern waren überzeugte Kommunisten, Teil des tiefroten Milieus im Hamburger Osten. In den Stadtteilen Hammerbrook, Rothenburgsort, Eilbek oder Hamm schlug im übertragenen Sinn einst das proletarische Herz Deutschlands. Die Menschen dort glaubten an die sozialistische Weltrevolution und sahen in der Sowjetunion ein Paradies auf Erden. Viele kommunistische Führer stammten aus Hamburg oder arbeiteten dort: Ernst Thälmann, Etkar André, Heinz Neumann oder Fiete Schulz.

Günter Lucks' Mutter Elisabeth war als "Rotes Lieschen" bekannt - und verehrte Etkar André. Als er sie Ende 1932 in seine Wohnung einlud, kamen ihre Kinder mit. Der Berufspolitiker hatte einen riesigen Schäferhund, vor dem der kleine Günter Angst hatte. "Komm mal her, Lütter!", rief André. Dann nahm er ihn auf den Schoß: "Keine Angst, du kannst ihn ruhig streicheln, der beißt nämlich nur Nazis!", und lachte selbst am lautesten über den Witz. Günters Mutter und André trafen sich noch mehrfach.

Die Machtübernahme der Nazis Ende Januar 1933 veränderte alles: Thälmann, André und andere KPD-Führer wurden eingesperrt, später hingerichtet. Familie Lucks und ihre kommunistischen Freunde leisteten dem Regime im Kleinen Widerstand. Man traf weiter Genossen, tauschte Adressen aus, verteilte Flugblätter oder illegal hergestellte Zeitungen. Nie grüßte Elisabeth Lucks mit "Heil Hitler!", stets sagte sie "Hein Dittmer!"

Doch nach der politischen ereilte auch eine familiäre Katastrophe Günter Lucks' Eltern: Die Ehe zerbrach. Mit seinem Bruder blieb Günter beim Vater. Sie sangen weiter ihre Arbeiterkampflieder vom "Kleinen Trompeter" oder "Dem Morgenrot entgegen", nur etwas leiser. Sie schwenkten die roten Fähnchen mit Hammer und Sichel nur noch zu Hause, riefen "Ho Front!" statt "Rot Front!". Und doch wollte Günter Lucks dazugehören - zum nationalsozialistischen "Deutschen Jungvolk" und der Hitlerjugend, deren Uniformen immer mehr Freunde trugen. Doch der Vater verbot es: "Diesem Verein trittst du nicht bei!"

"Haben mich nichts gekostet"

Jede Woche besuchte Vater Lucks eisern Johannes Thälmann - den Vater des inhaftierten KPD-Vorsitzenden, der allein in der Wandsbeker Chaussee wohnte, um mit ihm Karten zu spielen.

Doch immer mehr Genossen verschwanden, tauchten unter, andere standen plötzlich in SA-Uniform vor der Tür. Knut zum Beispiel: "Schau dir mal die neuen Stiefel an. Haben mich nichts gekostet… Wenn du dich beeilst, bekommst du auch noch welche." Hermann Lucks war froh, als er wieder ging.

Schließlich verliebte er sich ausgerechnet in die hübsche Blondine Lizzy von Goedelt - die aus den eigentlich verhassten bürgerlichen Kreisen stammte und eine glühende Verehrerin Adolf Hitlers war.

Irgendwann durfte Günter dann doch in die Hitlerjugend, später meldete er sich freiwillig und wurde mit 16 Jahren eine Art "Kindersoldat" der Waffen-SS.

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