Guido Westerwelles Kindheit - DER SPIEGEL
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Guido Westerwelles Kindheit "Ich war nur gut, wenn es ernst wurde"

Auf einestages erzählen Promis von ihrer Kindheit. Dieses Mal: Guido Westerwelle über Pickel, Homosexualität und "68er-Larifari-Leute".
Von Ulrike Döpfner
Guido Westerwelle als Kind am Strand. Als Kind "war ich laut".
Guido Westerwelle als Kind am Strand. Als Kind "war ich laut".

Guido Westerwelle als Kind am Strand. Als Kind "war ich laut".

Foto: Privat / Collection Rolf Heyne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
ZUR PERSON
Foto: © Fabrizio Bensch / Reuters/ REUTERS

Guido Westerwelle, Jahrgang 1961, wuchs in Bad Honnef als Sohn eines Rechtsanwalts und einer Richterin auf. 1980 wurde er Mitglied der FDP, 1994 wurde er zu ihrem Generalsekretär gewählt. Von 2009 bis 2013 war er deutscher Bundesaußenminister.

Anm. d. Red. Guido Westerwelle erlag am 18. März 2016 in Köln den Folgen seiner Leukämie.

einestages: Herr Westerwelle, was für ein Kind waren Sie?

Guido Westerwelle: Laut. Wir waren die meiste Zeit über vier Jungs zu Hause. Es war also immer sehr rabaukenhaft bei uns. Es war ländlich, es gab Katzen, Hunde, Kaninchen, Meerschweinchen, Pferde, und wir Jungs mittendrin. Ich war schüchtern, gegenüber Erwachsenen beispielsweise. Aber ich habe das immer mit besonderer Forschheit überspielt. Natürlich ist es immer laut und heftig, wenn man nur mit Jungs zusammen ist. Das ist etwas, was auch später, mein ganzes Leben lang, ein Charakterzug von mir gewesen ist, nämlich dass ich gerade Phasen der Unsicherheit durch besondere Forschheit überspielt habe. Später weiß man, woher es kommt.

einestages: Welche Werte haben Ihre Eltern Ihnen vermittelt?

Westerwelle: Leisten und anstrengen, das klassische Wirtschaftswunder. Meine Eltern haben als Selbstständige irrsinnig viel gearbeitet, und wenn man sich etwas leisten wollte - Menorca, Mallorca - was damals noch etwas Besonderes war, dann musste das erarbeitet werden. Ich habe meine Eltern immer nur kämpfen sehen. Vor Gericht gegen Ungerechtigkeiten aus ihrer Sicht, kaufmännisch, weil es natürlich auch Phasen gab, in denen es finanziell gar nicht lief. Für mich war immer klar: Von nichts kommt nichts. Sich anstrengen müssen - das war für mich völlig klar.

einestages: Wurden Sie von den Eltern besonders gefördert?

Westerwelle: Sicherlich dadurch, dass sie mir Wissen und Klugheit vorgelebt haben. Und natürlich bin ich privilegiert in einem akademischen Haushalt großgeworden. In der Realschule haben mich Mitschüler gefragt, warum ich so kompliziert rede, was ich immer für tolle Worte hätte. Und ich weiß noch, ein Schüler kam auf mich zu und hat sich von mir regelmäßig Fremdwörter erklären lassen, die mir gar nicht fremd vorkamen. Es war für mich selbstverständlich, diese Sprache zu verwenden. Die Virtuosität mit dem Wort kommt sicher vom Elternhaus.

einestages: Waren Sie ein guter Schüler?

Westerwelle: Nein, überhaupt nicht. Ich war immer schlecht bis mittelmäßig und war eigentlich nur gut, wenn es ernst wurde. Ich war ein typischer Saisonarbeiter. Ich bin nicht sitzen geblieben, das ist aber auch alles.

einestages: Gab es Lehrer, die Sie fasziniert haben?

Westerwelle: Ja, absolut. Ein sozialdemokratischer Geschichtslehrer auf der Realschule hat mich sehr fasziniert. Ein vollbärtiger Mann, der, wenn ich es recht in Erinnerung habe, Pfeife rauchte und sagte, dass er für die SPD sei - wir haben natürlich nicht verstanden, was das bedeutete. Und er hat uns ermutigt, uns politisch zu interessieren - auch für etwas ganz anderes. Der hat mich sehr beeindruckt mit seiner unglaublichen Kraft.

einestages: Wann haben Sie begonnen, sich mit Politik zu beschäftigen?

Westerwelle: Erst in der Oberstufe. Ich habe mich in der Realschule durch diesen Geschichtslehrer ein bisschen für Politik interessiert. Als das konstruktive Misstrauensvotum von Rainer Barzel gegen Willy Brandt stattfand, hat unser Direktor der Realschule alle Schüler in der Aula versammelt, einen Fernseher aufgestellt und uns gesagt: "Das guckt ihr euch an, auch wenn ihr es nicht versteht. Aber daran werdet ihr euch ein Leben lang erinnern! Das kommt so gut wie nie vor." Wir saßen da, wir haben nichts verstanden. Der Direktor war wohl traurig, dass Barzel verlor, aber er wollte einfach, dass wir Schüler das erlebten, also hat er uns alle an der großen Politik teilhaben lassen. Er war ein sehr strenger und ein sehr gerechter Direktor. Ein Mann, an den ich mich gern erinnere. Mir sind die strengen Lehrer immer am besten bekommen. Die 68er-Larifari-Leute, "Hauptsache, wir haben darüber geredet … duzt mich mal …" - das hat nichts gebracht.

Dann haben wir mit dem Geschichtslehrer ab und zu über Politik geredet. Und auf der Oberstufe habe ich zusammen mit Freunden eine Schülerzeitung gemacht. Die hieß "Ventil". Da habe ich so ein bisschen politisch geschnuppert. In Bonn war man automatisch mehr mit Politik in Berührung als irgendwo sonst.

einestages: Was hat Ihren Ehrgeiz entfacht?

Westerwelle: Ehrgeiz ist bei mir am Anfang immer Kompensation gewesen. Ehrgeiz und besondere Leistung waren immer der Wunsch nach Anerkennung, der Wunsch, anders und besser zu sein, um auch bestimmte Dinge zu überspielen - zum Beispiel wenn man in der Pubertät feststellt, dass man mit Jungs mehr anfangen kann als mit Mädchen. Ich habe schon sehr früh gewusst, dass ich mich mehr zu Jungs hingezogen fühlte. Wir reden hier über eine ganz andere Zeit. Es gab noch keinen schwulen Bürgermeister von Hamburg oder von Berlin. Oder einen Außenminister, der mit einem Mann zusammenlebt. Noch in den Achtzigerjahren wurden Karrieren aufgrund von Homosexualität beendet. Wenn man in dieser Zeit großgeworden ist, hatte man immer das Gefühl, man müsse besser sein als andere, dann könne einem keiner etwas. Bist du unabhängig, kannst du auch dein Leben leben. Das war ein ganz wichtiger Punkt von vielen gleichaltrigen Homosexuellen damals.

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Was für ein Kind waren Sie?

Döpfner, Ulrike
Verlag: Collection Rolf Heyne
Seitenzahl: 400
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Für ihr Buch "Was für ein Kind waren Sie?" stellte die Psychologin Ulrike Döpfner 15 Prominenten die immer gleichen Fragen zu ihrer Kindheit. Auf einestages lesen Sie Auszüge aus den Gesprächsprotokollen.


einestages: Sind Sie als Kind gehänselt worden?

Westerwelle: Ich war zu dick, so bis zum dreizehnten Lebensjahr, deswegen wurde ich gelegentlich gehänselt. Dann später wegen der Pickel. Aber ich glaube gar nicht, dass ich wirklich gehänselt wurde. Ich glaube, ich habe mich einfach dafür geschämt. Natürlich wird mal irgendjemand "Pickelgesicht" gerufen haben, aber nicht wirklich als Hänseln oder etwa Mobben. Ich bin nie gemobbt worden. Dazu war ich zu selbstbewusst und zu stark. Nicht körperlich stark, sondern innerlich.

einestages: Wären Sie gern noch mal Kind?

Westerwelle: Nein. Lieber hätte ich Kinder. Jeder möchte noch mal jung sein, aber bitte nur mit dem Wissen von heute. Ich würde nicht gern noch mal von null anfangen.