Handball-WM 2007 Der lange Weg zum Sieg
Der Blick von (fast) ganz oben - Sicht auf das Finalspiel
Foto: Sven Schlickowey/Alexia SchlickoweyNormalerweise ist Handball das vernachlässigte Stiefkind der Sportberichterstattung. Mit der Weltmeisterschaft 2007 war der Hallensport plötzlich in aller Munde und mit jedem Spiel der deutschen Mannschaft im eigenen Land wuchs das Interesse. Mit einem Mal war jeder ein Handballfan und wir "echten" Fans waren hin und her gerissen, zwischen der Freude, dass sich endlich einmal jemand für unseren Sport interessierte und dem Ärger darüber, dass nun Leute Handballtrikots trugen, die zwei Wochen zuvor noch nicht einmal wussten, was ein Siebenmeter ist.
Bis dahin war es allerdings ein sehr weiter Weg gewesen.
Bei der Vergabe für die WM 2005 war Deutschland leer ausgegangen - und Tunesien hatte das Rennen gemacht. Trotz objektiv besseren Konzeptes, attraktiverer, größerer Hallen und obwohl Tunesien ein Bewerbungsvideo eingereicht hatte, das mit Strandszenen und Kamelreiten eher nach Touristenwerbung aussah, bekam Deutschland wider Erwarten nicht den ersehnten Zuschlag.
Die kleinen, nicht-europäischen Verbände im IHF, dem Handball-Weltverband, hatten sich zusammengetan, um die "großen Europäer" abzustrafen. Die "goldene Generation" mit Spielern wie Stefan Kretzschmar und Volker Zerbe war um "ihre" Heim-WM betrogen worden. Schließlich hätten sie an einer WM 2005 noch einmal teilgenommen und sich erst danach aus dem Profisport zurückgezogen. Meine Enttäuschung war grenzenlos.
Der Pizza-Eklat
Die erneute Bewerbung des Deutschen Handballbunds (DHB) für die WM 2007 glückte - und meinem Handballerherz ging es schon wieder ganz gut. Erst recht, als bekannt wurde, dass neben anderen attraktiven Spielorten auch in der großartigen, bis zu 20.000 Zuschauer fassenden Kölnarena die WM ausgetragen werden sollte.
Zu diesem Zeitpunk war von der bevorstehenden Handballbegeisterung freilich noch nicht viel zu merken. Niemand konnte verstehen, warum ich so aus dem Häuschen war, nachdem ich meine Finalkarten gekauft hatte. Bis zum Anwurf des Eröffnungsspiels in der Berliner Max-Schmeling-Halle änderte sich daran wenig. Bob Hanning, Trainer in der Handball-Bundesliga, beklagte vor dem Eröffnungsspiel gegen Brasilien, dass er in ganz Berlin kein einziges WM-Plakat gesehen habe. Zu Beginn des Turniers, so bestätigten repräsentative Umfragen, hatten 90 Prozent der Deutschen keine Ahnung, dass eine Handball-WM im eigenen Land stattfand.
Sportlich lief es zudem am Anfang nicht gut: Unspektakulären Siegen gegen zweitklassige Teams folgte eine deftige Vorrundenklatsche gegen Polen. Die Medien, vorne weg das ZDF, berichteten von der Heim-WM wie vom Bundesparteitag der FDP. Einmal schaffte das ZDF es sogar, die ganze erste Halbzeit eines Vorrundenspiels nicht zu zeigen. Die Wende kam schließlich - dank einer heimlichen Pizzabestellung des DHB-Teams in der Nacht und der anschließenden Brandrede des Bundestrainers am nächsten Morgen - im Spiel gegen Slowenien.
"Wir zählen die Millionen"
Nach dem begeisternden Sieg gegen Slowenien war (fast) alles anders. Die PR-Arbeit rund um die WM war zwar immer noch stümperhaft. Aber uns allen, die wir das Spiel gesehen hatten, war nun klar, dass Deutschland Weltmeister werden könnte. Uns war klar, dass in diesem Fall eine große Begeisterung ausbrechen würde - und der DHB behaupten könnte, alles richtig gemacht zu haben. Und genau so kam es dann auch.
Doch bei allen hellseherischen Fähigkeiten hatte keiner von uns auch nur im Traum daran gedacht, wie groß der Handball-Hype noch werden sollte. Vor dem Halbfinale telefonierte ich durch Zufall mit dem Marketing-Chef eines der DHB-Sponsoren. Der war völlig hin und weg: Die Werbung auf dem Trikot der deutschen Handball-Nationalmannschaft hatte nur einen Bruchteil von dem gekostet, was bei einem Fußballteam fällig gewesen wäre. Die Werbewirkung allerdings war mittlerweile vergleichbar. "Wir zählen die Millionen", sagte der Marketing-Chef - und meinte damit die Zuschauer bei den TV-Übertragungen. "Einige bei uns glauben sogar, dass wir beim Finale über zehn Millionen kommen könnten."
Zuletzt waren es beim Endspiel im Schnitt über 16 Millionen, in der Spitze gar 20,13 Millionen Zuschauer, ein unglaublicher Marktanteil von 58,3 Prozent.
In der Kölnarena waren wir 19.000 Zuschauer. Wahrscheinlich keinen von uns interessierte im Moment des Sieges, ob sich die Sponsoren freuten, wie hoch die Einschaltquoten waren oder wie der DHB die WM nachträglich als PR-Erfolg verkaufen würde. Wir waren einfach nur aus dem Häuschen - und ich weinte vor Glück.
Das mag albern klingen. Oder kindisch. Aber ich weinte, während um mich herum 19.000 Menschen klatschten, grölten und feierten. Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hatte die Auswahl Polens geschlagen und war damit nach fast 30 Jahren zum ersten Mal wieder Weltmeister geworden! Selbst der am Bein verletzte Torhüter Henning Fritz sprang vor Freude durch die Halle, und ich saß weinend, in mich selbst versunken, auf meinem Platz. Nach gut drei Jahren war ich endlich angekommen, am Ende einer sehr langen Reise.