Harte Lehrjahre - DER SPIEGEL
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Harte Lehrjahre Früher war alles ... schlechter!

Schläge, Schlafmangel, Erschöpfung - und dann noch die hohen Erwartungen der Eltern. Da erschien manchem Lehrling bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts selbst das Gefängnis als bessere Alternative.
Von Dr. Ernst Woll
In Dresden gedruckten Postkarte: Bäckerei in einer Ostthüringer Kleinstadt Anfang des 20. Jahrhunderts.
In Dresden gedruckten Postkarte: Bäckerei in einer Ostthüringer Kleinstadt Anfang des 20. Jahrhunderts.

In Dresden gedruckten Postkarte: Bäckerei in einer Ostthüringer Kleinstadt Anfang des 20. Jahrhunderts.

Foto: Ernst Dr. Woll
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Wenn ich es auch nicht persönlich erlebte, so erschütterten mich als Kind in den dreißiger und vierziger Jahren die Erzählungen meiner Großeltern über unerträgliche Leiden, die in ihrer Jugend manche Lehrlinge ertragen mussten. Mit den Beispielen wollten sie mir aber auch Geduld, Folgsamkeit und Ehrgeiz anerziehen. Sie sagten: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre", aber: "Jeder ist seines Glückes Schmied." In unserer Familie wurde von einem älteren Bruder meiner Oma berichtet, der eine harte Bäckerlehre, Gesellen- und Wanderjahre überstanden hatte, durch Strebsamkeit Meister wurde und dann in meinem Heimatort eine einträgliche Bäckerei besaß.

Er soll als Schulkind Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner Familie mit fünf Geschwistern immer gesagt haben: "Ich will Bäcker werden, damit ich mir ständig mit gutem Kuchen eine Güte tun und mich auch an Brot und Brötchen täglich satt essen kann." Schweren Herzens erfüllte der Vater den Wunsch seines Jungen, denn er musste dem Meister monatlich einen Taler zahlen, damit dieser den Buben überhaupt in die Lehre nahm. Mit 14 Jahren kam somit das schmächtige Bürschchen in eine Bäckerei und dort in volle Kost und Logis.

In den vier Lehrjahren durfte er nur achtmal nach Hause, um seine Familie zu besuchen. Sich richtig satt zu essen, blieb jedoch während der gesamten Lehrzeit ein Wunschtraum. Schmackhaften Kuchen bekam er jetzt sogar seltener als in seinem Elternhaus. In der Bäckerei war es auch streng verboten, etwas zu naschen, das hätte sogar zum Rausschmiss führen können. Mit einem Gesellen, der ihm die Grundlagen des Bäckerhandwerks beibringen sollte, teilte er eine winzige Schlafkammer. Sie befand sich auf dem Dachboden, im Winter gefroren dort durch die Atemluft die Bettdecken, im Sommer kühlte es auch nachts nicht ab.

Hunger, Arbeit, Schläge

An täglich mehr als fünf Stunden Schlaf war nicht zu denken, weil er abends bis 22 Uhr noch Backstube und Laden sauber machen musste. Um 3 Uhr morgens wurde er von seinem Ausbilder schon wieder geweckt, er musste die Kohlen herbeischleppen, die Backöfen anfeuern, für gefüllte Mehltruhen sorgen, Wasser vom Brunnen holen und pünktlich um 4 Uhr den Gesellen wecken. All das war mühsam und in einer Stunde fast nicht zu schaffen. Wenn er aber nur wenige Minuten später fertig war und unpünktlich weckte, setzte es Prügel mit einem Lederriemen.

Etwas besser wurde es für ihn, als er das dritte Lehrjahr begann und ein neuer Lehrling eingestellt wurde. Mit diesem musste er aber das Bett teilen, wobei ein ständiger Kampf um die zu kleine Bettdecke die Nachtruhe, die er so dringend brauchte, beeinträchtigte. Jedoch durfte er nun erstmals mithelfen, den Teig zu kneten, Brot und Brötchen in den Ofen zu schieben und herauszunehmen und Kuchen zu belegen, also all die Arbeiten ausführen, die er eigentlich lernen wollte. Das Saubermachen der Backräume, der Wohnung des Meisters und die umfangreichen Arbeiten in der Landwirtschaft, die zur Bäckerei gehörte, musste nun im größeren Umfange der Hinzugekommene übernehmen.

Der Bruder meiner Großmutter, den ich nicht mehr kennenlernte, galt in unserer Familie als Vorbild, wie es man durch harte Lehrjahre, gesammelte Erfahrungen auf der Gesellenwanderschaft und Strebsamkeit zu etwas bringen konnte. Meine Oma erzählte, dass ihr Bruder während seiner Wanderjahre, die er sofort antrat, nachdem er den Gesellenbrief in der Hand hielt, bis nach Wien, Prag und in die Slowakei kam. Er hatte die in diesen Städten und Ländern typischen Backwaren kennengelernt und einige Rezepte in seine Heimat mitgebracht. Allerdings wäre es schwer gewesen, in den Dörfern Neues einzuführen, weil er erfahren musste: "Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht!"

Gezwungen zur Fleischerlehre

Wie man Waren durch Werbung besser unter die Leute bringt, hatte er aber ebenfalls gelernt. Als Beispiel hierfür wird bei uns bis heute eine Postkarte aufbewahrt und oft bei Bekannten und Verwandten herumgezeigt. Zu sehen ist darauf die Bäckerei und davor die gut genährte Bäckersfrau. Der Bruder meiner Großmutter ließ diese Karten in Dresden drucken und nutzte sie zur Werbung, ein Anfang des 20. Jahrhunderts noch seltenes Vorgehen. Das Bäckerehepaar hatte keine Kinder, und auch in unserer Familie und Verwandtschaft hatte niemand das Bäckerhandwerk erlernt, so wurde ihr kleiner Gewerbebetrieb nach ihrem Tod etwa 1915 an Fremde verkauft.

Es ist kaum zu glauben, aber sogar bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts mussten manche junge Menschen bei der Lehrlingsausbildung oft Ausbeutung und Unterdrückung erdulden. Die Bedingungen waren zwar nicht mehr so krass, wie sie in meiner Familie von dem Bäckerlehrling berichtet wurden, aber manchmal dennoch qualvoll. Das erfuhr ich von einem Jungen aus unserer Nachbarschaft, der ein Jahr älter war als ich und 1944 als 14-Jähriger im Nachbarort eine Lehre als Fleischer begann.

Er wurde zu diesem Beruf gezwungen, weil seine Eltern eine Gastwirtschaft besaßen und diese gern durch eine Fleischerei erweitern wollten. Bis zu seinem Lehrbeginn hatten wir eine unbeschwerte Kindheit; wir nutzten unsere Freizeit zu gemeinsamen Spielen und harmlosen Streichen. Nun war für ihn die Kinderzeit vorbei. Er kam in seinem Lehrbetrieb in Kost und Logis und nach vier Wochen erstmals wieder nach Hause. Wir trafen uns in der Scheune seiner Eltern, denn er wollte mir im Vertrauen etwas mitteilen.

Brandstifter aus Verzweiflung

Wir saßen gemeinsam auf einem Strohballen, und er erzählte mir von seinen schrecklichen Erlebnissen während seiner ersten Lehrwochen und machte seinem Kummer Luft: "Es war furchtbar, ich gehe nicht zurück zu diesem groben Meister und seinen Gesellen. Ich kann es nur schwer mit ansehen, wenn Tiere getötet werden. Oft bekomme ich sogar bei falschen Handgriffen Prügel. Wenn es mir nicht gelingt, da rauszukommen, dann zünde ich die Scheune an und werde eingesperrt; im Gefängnis geht es mir bestimmt besser."

Am folgenden Montagmorgen musste ich vor unserem Haus eine schlimme Szene mit ansehen. Mein Freund rannte die Straße hinauf und rief ständig: "Ich gehe nicht mehr in diese Hölle, ich lasse mich lieber totschlagen." Hinter ihm sein Vater, einen Peitschenstiel schwingend, die Stimme überschlug sich fast: "Dir werde ich‘s zeigen, du setzt die teure Lehre fort - sonst schlag ich dich grün und blau!" Kurzum, nach einiger Zeit brannte die Scheune der Eltern meines Kameraden nieder. Der Brandstifter kam jedoch nicht ins Gefängnis - er musste seine Lehre fortsetzen und beenden.

Später wurde er ein geschickter Fleischergeselle - heute Facharbeiter Fleischer genannt. Er arbeitete in einem größeren DDR-Konsumbetrieb in der Wurstproduktion, wo ich ihn nach einigen Jahren wieder traf. Ich hatte den Eindruck, dass er mit seinem Beruf und Leben ausgesöhnt war.

Seit einem halben Jahrhundert gibt es verbindliche gesetzliche Regeln für die Lehrlingsausbildung. Eine angemessene Lehrlingsvergütung und eine spezielle, weiterführende Schulausbildung sind heute Standard, dennoch lassen Strebsamkeit und Ehrgeiz bei den Lernenden zu wünschen übrig. Der Blick in die Vergangenheit sollte Jugendlichen zeigen, dass sie heute keinen Grund zur Unzufriedenheit haben - sie wehren sich sogar, wenn sie glauben, ihnen geschehe Unrecht, das gab es früher selten oder nie.