Hausmitteilung HAUSMITTEILUNG
Vom dunklen Mittelalter ist immer noch oft die Rede, als hätten die Menschen viele Jahrhunderte lang nur in Elend und Aberglauben verharrt. Dabei war gerade die Zeit, als die Staufer über halb Europa herrschten, eine Epoche voller Wandel und Dynamik. Im 12. und 13. Jahrhundert boomten Handel und Geldwirtschaft, überall wurden Städte gegründet und Burgen gebaut, Recht und Gesetz nahmen erste moderne Züge an. Mit dem Ideal des Rittertums verbreitete sich die höfische Kultur, Dichter verfassten geniale Werke wie den »Parzival«, die Philosophen entdeckten Aristoteles neu und damit die Kraft der Vernunft. Fern und fremd bleibt diese Zeit dennoch; die Bedingungen, unter denen die meisten Menschen aufwuchsen, arbeiteten und Kinder bekamen, waren hart. »Keiner von uns möchte damals gelebt haben«, resümiert der Heidelberger Historiker Stefan Weinfurter, der sich wie nur wenige im Mittelalter auskennt (Seite 26).
Die Staufer sind bekannter als jedes andere Herrschergeschlecht des Mittelalters, unzählige Geschichten, Sagen und Legenden verbinden sich mit ihnen. Dichter und Dramatiker haben sich an diesem prallen Stoff begeistert, der von glanzvoller Macht handelt, aber auch von tragischem Scheitern. Vor allem Friedrich I. Barbarossa, der »Kaiser Rotbart«, hat die Nachwelt immer wieder neu inspiriert. Wie er im 19. Jahrhundert schließlich zum deutschen Nationalmythos wurde, hat SPIEGEL-Redakteurin Annette Großbongardt, die dieses Heft konzipiert hat, auf dem Kyffhäuser im thüringischen Harz erkundet. »Wer dem Staufer-Mythos nachspürt«, so Großbongardt, »begibt sich auf einen faszinierenden Gang durch die deutsche Geschichte« (Seite 14).
Palermo - der Name hat einen besonderen Klang. Wer an die größte Stadt Siziliens denkt, hat sicherlich die unheimliche Macht der Mafia vor Augen, vielleicht auch Bilder von alten Fassaden und schattigen Plätzen, auf denen die Zeit langsamer abzulaufen scheint als anderswo. In der Epoche der Staufer aber war Palermo ein kulturelles und politisches Zentrum Europas, Kaiser Friedrich II. hat prägende Kinder- und Jugendjahre dort verlebt. Den Spuren dieser höchst eindrucksvollen Geschichte ist Fiona Ehlers nachgegangen, SPIEGEL-Korrespondentin in Rom. Bei ihren Erkundungen erfuhr sie, »dass Palermo im Mittelalter ein Modell für multikulturelles Zusammenleben war«. Aber heute, sagt sie, »wissen die Leute davon nur noch wenig« (Seite 54).