Helmuth von Moltke: Schöngeist und Kriegstreiber
Helmuth von Moltke Schöngeist und Kriegstreiber
Chef des Großen Generalstabs? Diesen Kelch hätte der preußische General Helmuth von Moltke gerne an sich vorbeiziehen sehen. Bei einem Ausritt vertraute er Reichskanzler Bernhard von Bülow an, ihm fehle das "Temperament zum Hasardieren", das jeder erfolgreiche Feldherr besitzen müsse. Er wusste, dass auch sein berühmter Name eine Rolle spielte - sein gleichnamiger Onkel hatte als Sieger im Krieg gegen Frankreich von 1870/71 legendären Ruhm errungen. Der Reichskanzler gab dem Drängen des jüngeren Moltkes nach und versuchte die Berufung zu verhindern, doch Kaiser Wilhelm II. bestand auf Moltke an der Spitzes seiner Armee. Zu Beginn des Jahres 1906 übernahm von Moltke die Leitung des Generalstabs in dessen rotem Backsteingebäude nahe des Reichstags in Berlin.
Spätestens zu Beginn des Ersten Weltkrieges sollte sich die Personalentscheidung rächen. Anfang September 1914 starteten Franzosen und Briten nach wochenlangem Rückzug eine Offensive, die den deutschen Vorstoß an der Marne bei Paris stoppte. Manches deutet darauf hin, dass die Deutschen an der 400 Kilometer langen Front kurz vor einem Sieg gestanden hatten. Doch ein Abgesandter Moltkes befahl den Abbruch der für beide Seiten sehr verlustreichen Schlacht, gerade als sie vor der Entscheidung stand. Der Generalstabschef, im 300 Kilometer entfernten Hauptquartier in Luxemburg ohne Nachrichten von der Front, hieß den Rückzug gut. Kurz darauf wurde er des Oberbefehls enthoben.
Moltkes verhängnisvolle Rolle hatte jedoch bereits vorher begonnen, bei der Herbeiführung des Krieges. Der Generalstabschef entsprach keineswegs dem Klischee eines preußischen Militärs. So hatte er sich in Berlin ein Atelier gemietet, in dem er malte und Cello spielte. Mitarbeiter aus dem Generalstab beschrieben ihn als nachgiebig, ja er habe eine "pazifistische Grundhaltung" gezeigt. Er kannte Rudolf Steiner und dessen anthroposophische Lehre, und es gibt sogar Berichte zu spiritistischen Sitzungen in seinem Haus, bei denen auch sein berühmter Onkel herbeigerufen und um Rat gefragt worden sei. Moltke war anzumerken, dass ihn die Last seines Amtes überforderte. Besonders hart urteilte Erich Ludendorff, bis Anfang 1913 von Moltkes engster Mitarbeiter, der dessen Ernennung sogar als ein "Verbrechen" bezeichnete, das "unbewusst durch die Ernennung eines occulten Chefs des Generalstabes am Deutschen Heere und am Deutschen Volke vollzogen war".
"Wer regiert: Moltke oder Bethmann?"
Doch besteht kein Zweifel, dass es Generalstabschef Moltke war, der am stärksten darauf drängte, den Krieg zu beginnen. Ab Herbst 1912 lassen sich über ein Dutzend Gelegenheiten feststellen, bei denen er den Krieg verlangte, oft mit den Worten "je eher, je besser". So legte er im Mai 1914 dem Staatssekretär des Äußeren (Außenminister) Gottlieb von Jagow nahe, "unsere Politik auf die baldige Herbeiführung eines Krieges einzustellen". Vor allem während der Julikrise 1914 lässt sich verfolgen, wie Moltke auf den Krieg drängte - mit dem Argument, Deutschland müsse seinen Gegnern zuvorkommen. Dabei scheute er auch vor Eingriffen in die Politik nicht zurück. Mit Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg lieferte sich Moltke heftige Diskussionen, in denen er das Recht beanspruchte, über den Beginn eines Krieges zu entscheiden. Der Machtkampf zwischen Kanzler und Generalstabschef wurde in der Tagen vor Kriegsausbruch sogar beim Verbündeten in Wien wahrgenommen. "Wer regiert: Moltke oder Bethmann?", fragte dort Außenminister Leopold Graf Berchtold.
Moltke war im Berlin des Sommers 1914 der wichtigste Verantwortliche, der den Krieg forderte. Als überraschende Facette gehört zu ihm jedoch auch die Klarsicht, mit der er die Katastrophe voraussah, die er selbst vorantrieb. Schon im November 1913 erklärte er bei einem Besuch des belgischen Königs Albert in Berlin, ein Krieg sei unvermeidlich und werde dazu führen, dass Amerika gegenüber Europa einen uneinholbaren Vorsprung erhalte. Auf dem Höhepunkt der Julikrise legte er dem Kanzler eine Beurteilung der politischen Lage vor. Danach werde der Krieg "die gegenseitige Zerfleischung der europäischen Kulturstaaten" bringen und "die Kultur fast des gesamten Europas auf Jahrzehnte hinaus vernichten".
Selten war ein Kriegstreiber sich der Konsequenzen seines Tuns so bewusst und fasste dies auch noch in Worte - was nichts an der Entschiedenheit änderte, mit der von Moltke seine Forderung wiederholte. Was brachte den als Zauderer eingeschätzten Militärführer dazu, sich so dafür einzusetzen, dass Deutschland den Krieg beginnen solle?
Albtraum Zweifrontenkrieg
Frankreich und Russland hatten 1913 beschlossen, dem deutschen Schlieffenplan zu begegnen, der beide mit einem Angriff bedrohte. Die Franzosen wussten, dass ihr Land im Fall eines Krieges den ersten Schlag zu ertragen hätte, ehe sich die deutsche Militärmacht gegen ihren Verbündeten im Osten richten würde. Deshalb hatte die Regierung in Paris den Zaren zu einem gemeinsamen Rüstungsprogramm gedrängt. Russland begann neue Bahnlinien zu bauen, bis zu 9000 Kilometer, und seine Armee zu vergrößern, bis auf fast 2,5 Millionen Mann. Beides wurde finanziert durch eine für damalige Verhältnisse gewaltige Anleihe aus Frankreich in Höhe von 2,5 Milliarden Francs - etwa 60 Prozent des Jahreshaushalts des Deutschen Reiches. Die Maßnahmen sollten den Schlieffenplan durch eine schnelle russische Mobilisierung unausführbar machen und bis 1917 abgeschlossen sein.
Für Moltke, der jahrelang am Angriffsplan gearbeitet hatte, war diese Aussicht ein Albtraum. Russland werde in zwei oder drei Jahren überlegen und nicht mehr zu schlagen sein, argumentierte er, der Ausbau des Bahnnetzes und die Vergrößerung der Armee würden auch die Offensivkraft des Zarenreiches verbessern. Das russisch-französische Rüstungsprogramm war als defensive Maßnahme gegenüber dem aggressiven Schlieffenplan gedacht. Doch erkannte weder die französische noch die russische Regierung, dass ihre Aufrüstungspläne in Berlin als Bedrohung wahrgenommen wurden. Die deutsche Militärführung musste sich fragen, wie ein russisches Heer aufzuhalten wäre, das innerhalb zwei Wochen mit 800.000 Mann an der deutschen Ostgrenze aufmarschieren könnte.
Vom Schlag getroffen
Von Kriegsbefürwortern unter seinen Offizieren gedrängt, fürchtete Moltke die "Einkreisung" Deutschlands durch überlegene Militärmächte. Frankreich, Russland und Großbritannien waren im Begriff, die deutsche Schlagkraft zu übertreffen und es war absehbar, dass vor allem die möglichen Gegner auf dem Kontinent bald über die Mittel verfügen würden, den schon von Bismarck gefürchteten Zweifrontenkrieg gegen Deutschland zu führen. Dies war eine Aussicht, die den zwar als überfordert, doch als verantwortungsvoll geschilderten Moltke dazu brachte, mit Nachdruck den Krieg zu verlangen. Tatsächlich allerdings gab es weder in Paris noch in St. Petersburg Angriffspläne gegen Deutschland.
Als es soweit war, zerbrach Moltke schon in dessen ersten Wochen unter der Last der Verantwortung. Sein persönlicher Zusammenbruch trug langfristig zur deutschen Niederlage bei. Im Gespräch mit Bülow erklärte er nach seiner Absetzung am 14. September 1914, er hätte die Berufung zum Generalstabschef doch ablehnen müssen. Damit gestand er sein Scheitern ein. Moltke hat die Ereignisse des Jahres 1914 nie verwunden. Im Juni 1916 hielt er zum Tod des Generals Colmar von der Goltz eine Trauerrede im Berliner Reichstag. Kurz nachdem er diese beendet hatte, traf ihn, mitten unter den Besuchern sitzend. der Schlag. Er starb noch an Ort und Stelle.