Nach der Cancel-Culture jetzt der Kulturkampf: Die rhetorische Ramschkiste ist reichhaltig gefüllt
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meinung •Hidden History Stay woke und cancel den Kulturkampf!
Eine Quizfrage: Was haben Lieferketten, Wärmepumpen und die Bundesjugendspiele gemeinsam?
a) nichts
b) gar nichts
c) sie sind »Kulturkampf«
Nun, zumindest wenn es nach den Autoren folgender Beiträge geht, muss Antwort c) die richtige sein: »Wie der Kulturkampf um die Wärmepumpe Verbraucher verunsichert« ; »Kulturkampf – Die Bundesjugendspiele« und »Der sinnlose Kulturkampf um die Lieferkette« lauten die Überschriften von Texten, die alle innerhalb der letzten zehn Monate allein beim SPIEGEL erschienen sind.
Falls Sie auf a) oder b) getippt haben: Lassen Sie sich nicht täuschen! Heutzutage lassen sich nämlich sämtliche Themen, um die auch nur der Hauch einer Diskussion entstanden ist, mit dem Wörtchen »Kulturkampf« labeln.
Kampf um die Cancel-Culture
Es scheint mittlerweile eine unausgesprochene Regel zu geben, nach der alle paar Jahre ein neues Buzzword in öffentlichen Debatten bis zur völligen Sinnentleerung benutzt wird. »Woke« ist ein schönes Beispiel, oder auch »Cancel-Culture«.
Zusammen mit dem »Kulturkampf« ist die rhetorische Ramschkiste reichhaltig gefüllt, aus der sich Politik und Presse bedienen können, um selbst dem langweiligsten Thema den gewissen Trigger-Glamour zu verleihen.
Dabei wird die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe immer weiter verwässert; genauso wie der Umstand, dass sie erst durch die politische Rechte so richtig salonfähig wurden.
Die Geschichte der Wokeness lässt sich bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückverfolgen: »Stay woke«, zu Deutsch: bleibt wachsam, lautete die Warnung afroamerikanischer Aktivist*innen vor rassistischer Gewalt und Ungerechtigkeit. Der Begriff durchlief Jahrzehnte der Bürgerrechtsbewegung, bevor er um 2010 breiteren gesellschaftlichen Eingang fand – nur um dann von rechtskonservativen Kreisen als Schimpfwort umgedeutet zu werden.
Die längste Vergangenheit hat aber der Kulturkampf: Ursprünglich verstand man darunter die Auseinandersetzung Otto von Bismarcks mit der katholischen Kirche in den 1870er-Jahren. Der Reichskanzler wollte den Einfluss der Kirche auf Bildung und Politik zurückdrängen – ein Machtkampf zwischen Staat und klerikaler Autorität.
In den USA griff die religiöse Rechte den Begriff in den Neunzigerjahren als »Culture War« auf, um ihre Agenda gegen Abtreibungsrechte, LGBTQ+-Rechte und säkulare Bildung zu framen. Heute dient er als universeller Kampfbegriff, mit dem die politische Rechte jeden gesellschaftlichen Wandel als existenzielle Bedrohung »traditioneller Werte« inszeniert – von Gender bis Klimaschutz.
Wer kämpft gegen wen?
Fakt ist: Es tobt in der Tat ein Kampf um Macht und Deutungshoheit.
Wenn zum Beispiel Donald Trump das Bildungsministerium abschafft oder per Dekret festlegt, dass in den USA – entgegen der biologischen Realität – nur noch »männlich« und »weiblich« als Geschlechter akzeptiert werden.
Oder auch, wenn die französische Presse zu großen Teilen von Mogulen beherrscht wird, unter ihnen Vincent Bolloré, der die Präsidentschaftskandidatur des rechtsextremen Éric Zemmour 2022 unterstützte und den von ihm kontrollierten Medien verbot, die »Rassemblement National« als rechtsextrem zu bezeichnen.
Das zu benennen, ist wichtig.
Was aber ist hiermit: Der französische Naturforscher Pierre Rigaux kritisierte jüngst in einer Sendung des Radiosenders France Inter, dass die massenhafte Produktion des Käses »Comté« die Umwelt belastet. Ausgerechnet der Lieblingskäse der Franzosen! Die rechtskonservative Presse (dreimal dürfen Sie raten, welchem Mogul die beteiligten Zeitungen gehören) behauptete daraufhin, Rigaux wolle den Käse verbieten, und sorgte dafür, dass der Mann wochenlang massiven Anfeindungen ausgesetzt war.
Darüber berichtete die »Süddeutsche Zeitung« gewissenhaft, nur um dann zu titeln: »Kulturkampf um den Käse« .
Stay woke
Dabei geht es hier nicht um Käse. Es geht darum, dass Wissenschaft und Forschung, Presse- und Meinungsfreiheit, Demokratie und Vielfalt angegriffen, zersetzt und eingeschränkt werden.
Wir leben in einer Zeit, in der autokratische Regierungen und rechtsextreme Bewegungen weltweit auf dem Vormarsch sind. Ihre Waffen sind Desinformation, Populismus und Propaganda, die mithilfe von Sprache geladen werden. Es bietet sich also an, gewisse Begriffe mit Vorsicht zu verwenden, sie einzuordnen und zu kontextualisieren, statt damit Clickbait-Überschriften zu basteln.
Also: Stay woke und cancelt den Kulturkampf!