Historische Bahnfahrt: Der sechste Mann
Historische Bahnfahrt Der sechste Mann
Mein Schwager hatte 1986 vier Fahrkarten für eine Bahnfahrt mit einem historischen Zug nach Stralsund bestellt. Sammelpunkt für die West-Berliner war der damals geschlossene Bahnhof Westkreuz. Den Bahnhof hatte ich mir zufällig wenige Tage vorher angesehen und mich über den Zustand gewundert: Große Glasflächen der Halle waren eingeworfen, auf den Gleisen und den Bahnsteigen wuchsen Melde und kleine Birken; Gestrüpp soweit das Auge reichte. Am Reisetag standen wir, und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, auf einem total gesäuberten Bahnhof. Gleise, Bahnsteige und Treppen, alles war sauber, die Scheiben ersetzt. Der Sonderzug der S-Bahn kam pünktlich und fuhr zum Bahnhof Friedrichstraße, wo wir abgeschirmt und ohne Kontrolle zum anderen Bahnsteig geleitet wurden. Eng gestaffelt standen grau gekleidete Männer Spalier und ließen andere Personen nicht zum Bahnsteig durch.
Hier stand er nun, der Traditions-Eilzug der Deutschen Reichsbahn, er kam aus Meißen und war in einem hervorragenden Zustand. Das Personal war ausgesucht höflich, und wir wurden mit einem weiteren Fahrgast, den wir kannten, zum Abteil der Ersten Klasse geleitet. Es gab etwas Aufregung am Bahnsteig, da offensichtlich noch ein Fahrgast fehlte, der dann aber mit Gefolge eintraf und als sechste Person im Abteil Platz nahm. Er stellte sich als stellvertretender Leiter der Reichsbahn vor und begann eine angeregte Unterhaltung mit K., unserem Bekannten.
Unter Volldampf fuhren wir Richtung Stralsund. Ab der Stadtgrenze wurden wir von einem Hubschrauber begleitet, der uns bis zum Ziel und auch bei jedem Fotostopp auf der eingleisigen Strecke folgte. Alle querenden Straßen müssen, nach der Zahl der wartenden Fahrzeuge zu urteilen, schon seit Stunden gesperrt gewesen sein. Auf einem Erkundungsgang durch den schönen Zug wurden mir von den Mitreisenden, alles Dampflokfans, Fragen gestellt, was denn bei uns im Abteil los sei.
Da saßen nun K. und der Stellvertreter und baten uns, über das jetzt zu führende Gespräch nichts nach draußen verlauten zu lassen. Der Grund: Dort wurde gerade das letzte Bahntransitabkommen verhandelt. Es ging um schnellere Zugfolgen und mehr Wagen, bessere Restaurantangebote und das Personal. Die Kontrollen sollten einfacher gestaltet werden, und die DB wollte Wagen zur Verfügung stellen. Bis vor Stralsund war alles abgehakt, man bedankte sich für manche Anmerkung, ratifizierte die Verträge und bat nochmals inständig um Verschwiegenheit.
Bestens gelaunt kamen wir in Stralsund an. Der Bahnhof war total abgeriegelt. Zum Hafen hatte man ein menschliches Spalier bereitgehalten, das uns zur Fähre nach Hiddensee leitete. Es kam uns vor wie ein Schaulaufen. In der Luft dröhnte der Hubschrauber. Der Stellvertreter hatte sich freundlich nach Berlin verabschiedet, und wir besuchten nun noch Hiddensee, das Haus des Schriftstellers Gerhart Hauptmann, und K. ging baden.