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Historische Kriminalfälle: Schöngeist, Muttermörder, Massenmörder

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Landesarchiv Berlin

Historische Kriminalfälle Schöngeist, Muttermörder, Massenmörder

Er war ein hochbegabtes Kind, gab sich als Schöngeist. Doch 1930 metzelt Kalistros Thilecke seine tyrannische, nymphomanische Mutter mit 17 Messerstichen nieder. Nach seiner Haftentlassung zieht er mit dem SS-Sonderkommando Dirlewanger mordend durch den besetzten Osten. Was machte den Bohemien zur Bestie?
Von Uwe Dannenbaum
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin in den frühen Morgenstunden des 7. August 1930: Ein junger, blässlich wirkender Mann betritt das Polizeirevier 157 an der Nestorstraße im Bezirk Wilmersdorf. In lapidaren, unaufgeregten Worten gesteht er einen Mord: "Ich habe meinen Vormund getötet." Als die Beamten die Wohnung des 26-Jährigen durchsuchen, entdecken sie eine Frauenleiche, nach indianischem Ritus in Stoff eingewickelt und zu einem Paket verschnürt - die Mutter des Mörders. Der Sohn hat sein Opfer mit 17 Messerstichen bestialisch zugerichtet.

65 Jahre später: Der Polizeireporter Uwe Dannenbaum stößt durch Zufall auf den längst vergessenen Fall des Muttermörders. Er ist fasziniert von der Person des Täters, von dessen selbstzerstörerischem Hass, seinem Drang, sich mit Gewalt des Zugriffs einer herrschsüchtigen und neurotischen Frau zu befreien. Die Spurensuche zieht sich über Jahre hin; an ihrem Ende hat der Rechercheur seinen Stoff zu einem Roman verarbeitet.

In "MutterMörder" werden die Geschichte des Reporters Dannenbaum alias Leander Klein und die des Muttermörders Kalistros Thielecke, der im Buch "Caiundos Sindberg" heißt, miteinander verwoben. Auch wenn die Namen beider Protagonisten verändert wurden, die Schilderungen der Lebenswege sind authentisch und belegbar.

Ein Kaspar Hauser der Großstadt

Der Mord erschüttert seinerzeit das gesellschaftliche Berlin. Es ist ein Skandal, ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse - zumal sich der Mörder mit den schulterlangen Haaren im Habitus eines typischen Bohemiens jener Jahre präsentiert: schwarzer Samtanzug, weißer Schillerkragen, ein Messer im Gürtel. Seine Eltern haben den Jungen auf den ungewöhnlichen Namen Kalistros taufen lassen - nach einer der Zigarettenmarken, die der Vater, ein Tabakwarenfabrikant, einst im Sortiment führte.

Mit den Ermittlungen im Mordfall Thielecke wird damals der Kriminalkommissar Arthur Nebe beauftragt. Schon während der ersten Verhöre kristallisiert sich das tragische Vorleben des Täters heraus. Der Muttermörder entpuppt sich als ein Mensch, der seine Kindheit in einem Gefängnis verbracht hat, in der totalen Isolation eines kleinen Schneiderateliers nahe des Kurfürstendamms. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr wächst er wie ein Kaspar Hauser der Großstadt auf, von einer besitzergreifenden Mutter eifersüchtig von anderen Kindern ferngehalten.

Unterrichtet wird der begabte und sprachgewandte Junge daheim von einem Privatlehrer. Er interessiert sich für nordamerikanische Indianerkulturen und Sprachen, verschlingt Berge an Fachliteratur, korrespondiert mit Fachwissenschaftlern, entwickelt sich zum Sprachgenie, beherrscht mehrere indianische Dialekte. Besonders die Dakota-Indianer haben es dem jungen Kalistros angetan.

Wenn Mütter zu sehr lieben

Durch einen Zufall wird der berühmte Schriftsteller Gerhart Hauptmann auf den ungewöhnlich begabten Jungen aufmerksam. Er unterstützt ihn, ermöglicht Kalistros sogar den Besuch eines Internats in Wickersdorf. Die Einrichtung im Thüringer Wald gilt als eines der wichtigsten reformpädagogischen Schulprojekte in Deutschland.

Rasch findet das Kind neue Freunde: Jungen und Mädchen aus christlichen, atheistischen und jüdischen Elternhäusern. Sie stammen aus prominenten Familien, ihre Väter sind bekannte Ärzte, Rechtsanwälte, Politiker, Fabrikanten oder Künstler. Der Maler Lyonel Feininger und der Dramatiker Carl Sternheim, lassen hier ihren Nachwuchs erziehen, ebenso der Grafiker Alfred Kubin, der Architekt und Designer Henry van de Velde und andere prägende Größen der Zeit.

Doch die übermächtige Mutter lässt ihren Sohn auch im fernen Thüringer Wald nicht los. Sie zwingt Kalistros, die Eliteschule zu verlassen. Und die nymphomanisch veranlagte Frau wird immer zudringlicher gegenüber dem eigenen Sohn, versucht den fast erwachsenen Jungen zu verführen. Angewidert bricht der sensible Teenager aus. Aus der einschnürenden Umgebung der Mutter flieht er auf Reisen nach Paris und in die nordamerikanischen Indianergebiete; einflussreiche und vermögende Freunde unterstützen ihn.

Flucht zu den Indianern

Nach seiner Rückkehr spitzt sich der Konflikt zwischen Sohn und Mutter dramatisch zu, als Kalistros Thielecke heiratet. Die Mutter tobt vor Eifersucht, der unkontrollierte Streit gipfelt in einer Katastrophe - dem Mord. Kalistros wird zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.

Nach seiner Entlassung steht der Muttermörder vor einem Scherbenhaufen. Kalistros nimmt Kontakt zu Arthur Nebe auf, jenem Beamten, der ihn fast ein Jahrzehnt zuvor, unmittelbar nach der Bluttat, vernommen hatte. Inzwischen regieren in Deutschland die Nationalsozialisten, und Nebe hat unter ihnen eine steile Karriere gemacht. Als Reichskriminaldirektor ist der SS-Sturmbannführer ranghöchster Kriminalbeamter des "Dritten Reiches", angesiedelt direkt im berüchtigten "Reichssicherheitshauptamt" von SS-Chef Heinrich Himmler.

Kalistros bittet Nebe, sich für ihn zu verwenden und ihm die Rückkehr in ein bürgerliches Leben zu ermöglichen. Auf Empfehlung des SS-Mannes wird Kalistros dem "Sonderkommando Dirlewanger" zugeteilt, einer zunächst aus verurteilten Wilddieben zusammengestellten Spezialeinheit der SS, in die bald auch andere Straffällige aufgenommen werden. Der Muttermörder hofft, sich als guter Soldat zu rehabilitieren. Doch es kommt ganz anders.

Auftragsmörder in Uniform

Die Einheit von Kommandeur Oskar Dirlewanger, einem vorbestraften Kinderschänder, setzt sich überwiegend aus Schwerstkriminellen zusammen. Die sollen sich bei der "Bandenbekämpfung" im Osten bewähren - eine zynische Umschreibung für den Mord an Zehntausenden unbewaffneten Zivilisten. Mordend und marodierend zieht die Truppe durch die okkupierten Ostgebiete und hinterlässt überall eine blutige Spur: 1940 im "Generalgouvernement", ab 1942 in Weißrussland; im August 1944 beteiligt sich die Dirlewanger-Truppe maßgeblich an der brutalen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes.

Überall gehen ihre Männer derart grausam vor, dass selbst die SS-Justiz an ein Einschreiten denkt, ja die Truppe sollte offenbar sogar wieder aufgelöst werden. Einer der Männer ist der hochbegabte und einst so sensible Bohemien Kalistros Thielecke, der erst durch die Umstände zum Muttermörder wurde und dann - auch durch die Umstände? - zum Massenmörder. Doch für diese Taten muss er sich diesmal nicht vor Gericht verantworten. Eine Partisanenkugel trifft Kalistros Thielecke auf der Straße zwischen Blonie und Sochaczew. Am 21. August 1944 stirbt er im Feldlazarett 29, Todesursache: "Kopfstreifschuss mit Gehirnbeschädigung".

Auf einer Karteikarte der Erfassungsstelle für gefallene deutsche Soldaten findet sich als letzte Spur des Kalistros Thielecke der Vermerk für seine Grabstelle: der "Heldenfriedhof" Seroki, nördlich von Lodz.

Zum Autor:

Uwe Dannenbaum, geboren 1942 in Wuppertal-Elberfeld, war ab 1965 Polizeireporter in Berlin, unter anderem für die "Berliner Morgenpost". Mit dem Fall des Kalistros Thielecke hat er sich rund 15 Jahre lang beschäftigt und ihn in seinem aktuellen Roman "MutterMörder" (Shaker Media, Berlin 2009) verarbeitet.

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