Hobbyflieger: Vorsicht, Flugzeug im Rückspiegel!
Hobbyflieger Vorsicht, Flugzeug im Rückspiegel!
Ab wann wird man Zeitzeuge? Ist es denn wirklich erzählenswert, eine fast nichtige Begebenheit, die einen im Leben gestreift hat, anderen zu erzählen? Mit etwas zeitlichem Abstand sind Emotionen abgeflacht und geglättet, so dass fast nur noch Fakten zählen.
Die Wiedervereinigung im Jahre 1990 hat auch im Osten Deutschlands Flugzeuginteressierten die Möglichkeit gegeben, historische Fakten zu erfragen, Die alte und neue Flugzeughistorie sind der Klebstoff, der Gemeinsamkeiten zwischen Traditionsgemeinschaft des Jagdbombergeschwaders 31 "Boelcke" der Bundeswehr und des ehemaligen Dessauer Nachrichtenregiments der Nationalen Volksarmee bis heute festigt.
Am 26. März 1999 war wieder mal ein Treffen angesagt. Der ehemalige Kommodore des JaBoG 31 Boelcke, Oberst a. D. Gert Overhoff, lud mich ein, mit ihm zusammen nach Köthen zu fliegen. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, zu einem netten Überlandflug eingeladen zu werden - ich sagte zu.
Ein herrlicher Flug
Start war an einem Freitagmorgen in Nörvenich, dem Standort des JaBoG 31 bei Kerpen. Ein herrlicher Flug in einer zweisitzigen Sportmaschine, die sogar fünf Propellerblätter hatte - für mich als ehemaligen Lokomotivführer ein tolles Erlebnis. Die Landung in Kölleda auf dem ehemaligen russischen und NVA-Flugplatz mit den vielen Schutzunterständen war für mich etwas ganz Neues. Es folgte ein interessantes Arbeitsgespräch mit unseren Freunden über die musealen Aktivitäten und unsere Unterstützung der Flugzeugmuseen Bernburg-Strenzfeld und Dessau.
Am folgenden Tag starteten wir nach dem Mittagessen zum Rückflug. Über Magdeburg und Goslar sollte er quer über das Ruhrgebiet und dann bei Leverkusen über den Rhein führen. Wir überflogen den Rhein in einer Höhe von etwa 1100 Metern; ich sprach mit dem Piloten darüber, dass ich gegen 17 Uhr mit meiner Frau und Freunden beim Griechen in Neuss zum Abendessen verabredet sei. Ich zeigte nach rechts, wo in der Ferne die Bayer-Werke Dormagen mit den Schornsteinen zu sehen waren. Unter uns lagen der Rhein und die Autobahn Köln-Neuss.
Da war auf einmal schlagartig Stille. Der Motor hatte sich verabschiedet. Ruhiger Kommentar des Piloten: Sie schauen nach rechts und ich nach links nach einem Landeplatz aus. Den Flugzeugmotor Richtung Erde, denn Geschwindigkeit war nun das halbe Leben. Jetzt kam es darauf an, so runter zu kommen, dass der Schaden an Mensch und Maschine möglichst gering blieb - die Reihenfolge war natürlich klar.
Straßenschild abrasiert
Der erste angepeilte Landeplatz war eine Straße, die aber Telefonmasten hatte. Zum Glück war es sonnig, und der Schatten der Masten wurde rechtzeitig erkannt. Wir kamen zwangsläufig immer tiefer. Beim lautlosen Schwenk über Köln-Widderdorf Richtung Pulheim sah ich ein Auto auf der Kreisstraße und keinen Gegenverkehr. Dies könnte passen, meinte Pilot Overhoff. Vorher noch über die Hochspannungsleitung, dann einmal darunter und hinter dem Auto her zur Landung.
Die Straße hatte eine leichte Steigung, aber es gab Verkehrsschilder. Das erste konnten wir mit dem letzten Schwung noch überspringen - die Straße war so eng, dass sie nicht einmal einen Mittelstreifen hatte - das zweite Verkehrsschild rasierten wir ab, und beim dritten blieben wir mit unserer geringen Auslaufgeschwindigkeit in einer Kurve hängen. Ein Flügel war 20 Zentimeter kürzer. Mein erster Gedanke war: Fotoapparat! Kabinenhaube zurück, ausgestiegen und Bilder geschossen. Dann schoben wir das Flugzeug rückwärts in einen Feldweg, damit die Straße frei wurde (50°58`32.32" N und 6°48´59.21" O).
Der Gedanke, dass wir in Gefahr schwebten, war mir kurioserweise überhaupt nicht gekommen. Die technischen Fragen der Landung - Wie kommen wir überhaupt runter? - waren viel zu aufregend und führten wohl dazu, das Vieles verdrängt wurde. Jeder Gedanke war sachlich. Überall war freies Feld und eine Bauchlandung ohne Fahrwerk immer möglich, aber eben mit großem Schaden am Flugzeug. Dass wir uns auch hätten überschlagen können, habe ich überhaupt nicht in Erwägung gezogen.
Ein Flugzeug im Rückspiegel!
Jedenfalls waren wir gut gelandet. Der Autofahrer, der auf einmal im Rückspiegel direkt 50, 100 Meter hinter sich ein Flugzeug sah, erschrak zwar dermaßen, dass er wild Zickzack fuhr, zum Glück aber nicht bremste. Die Feuerwehr war sehr fix da, aber brauchte nicht einzugreifen. Der Bereitschaftsdienst des Luftfahrtaufsichtsamts erschien etwa 45 Minuten später. Die erste Frage galt dem Füllstand des Tanks. Sprit aber hatten wir genug. Was war die Ursache? In der Bedienungs- und Wartungsanleitung hatte man einen Filter vergessen. Höchst ärgerlich.
Nachher fragte man mich andauernd, ob ich denn Angst gehabt hätte. Aber der Pilot hatte über 7000 Flugstunden auf dem Starfighter hinter sich - wenn einer fliegen konnte, dann er. Seine sachliche Einschätzung der Situation hatte in keiner Sekunde Zweifel aufkommen lassen, dass die Situation zu meistern war. Ein erneutes Anlassen des Motors etwa hätte uns - hätte ein Kolbenfresser mit daraus resultierender Unwucht - vorgelegen in massive Schwierigkeiten gebracht. Die das versuchen, sind meist unerfahrene Hobbyflieger, die dann schwarz umrändert in der Zeitung stehen.
Und wie ist mein Tag ausgegangen? Als ich endlich mit erheblicher Verspätung endlich in der Taverne ankam, war ich natürlich der Letzte. Meine geliebte Frau fragte lachend, warum ich denn so spät käme, ob ich denn abgestürzt sei?
Was soll man darauf antworten.