Ich war immer Beckenbauer
Wenn alles so gekommen wäre, wie ich es im Alter von acht Jahren minutiös geplant habe, würde man mich heute den zweiten Beckenbauer nennen. Es ist nicht so gekommen, aber ich kann immerhin behaupten, dass Franz Beckenbauer einer der wichtigsten Menschen meines Lebens ist.
Unsere Geschichte begann an einem Samstag im Jahr 1970 oder 1971. Es muss ein Samstag gewesen sein, weil ich bei einem Freund die »Sportschau« gesehen habe. Zu Hause gab es keinen Fernseher. Plötzlich sah ich einen Mann, der so elegant und lässig spielte, dass mir der Atem stockte. Das war nicht die Piefigkeit der Berliner Neubausiedlung, in der ich lebte, das war nicht die Schäbigkeit der Fußballplätze, die ich kannte, wo dicke Männer in laubenpieperhaften Vereinsheimen Buletten fraßen und Biere kippten. Was ich auf dem Bildschirm sah, war ganz großes Dasein, ganz großes Leben, und mein Leben damals war vor allem Fußball. Von da an hatte ich ein Projekt: Ich wollte werden wie Beckenbauer.
Eleganz und Lässigkeit wurden, erst unbewusst, dann bewusst, die Leitwörter meines Lebens. Ich spielte damals bei Wacker 04, einem kleinen Verein, den es heute nicht mehr gibt. Weil ich so groß war, musste ich ins Tor, aber ich war jung und war zuversichtlich, dass ich meinen heimlichen Plan würde umsetzen können.
1972 wurde Deutschland Europameister, 1974 Weltmeister. Ich saß verzaubert vor dem Fernseher und sah nie das ganze Spiel, ich sah immer nur einen Spieler, Beckenbauer. Und in meinem ganzen Leben habe ich nur einen Menschen abgrundtief gehasst, und das ist der Holländer Johan Cruyff, weil ein paar Leute behaupteten, er sei noch besser als Franz Beckenbauer.
Ich lebte mittlerweile in Essen, und die größeren Essener Fußballvereine hatten mich abgelehnt, aber das war nicht weiter schlimm. Rot-Weiß Essen hatte nicht den Ruf, Jahrhunderttalente entdecken zu können. Wenn der FC Bayern München im Georg-Melches-Stadion antrat, saß ich mit meinem Onkel Karl auf der Tribüne und war berauscht von Beckenbauers Eleganz und Lässigkeit.
Ich erinnere mich nicht gern, aber unter den Freunden, mit denen ich in meiner späten Jugend auf den Ruhrwiesen Fußball spielte, hatte ich den Spitznamen »Delze«. Das bezog sich auf Günter Delzepich, der eine Zeit lang für Alemannia Aachen in der zweiten Bundesliga gespielt hat. Er war groß und schwer und, nun ja, ein bisschen ungelenk. Ich kann nur sagen, dass es gar nicht so schwer ist, in sich selbst etwas komplett anderes zu sehen als alle anderen. Die Pässe, die ich damals spielte, kamen mir elegant und lässig aus dem Fußgelenk, nach meinem Gefühl, und das ist ja wohl maßgeblich. Im Verein spielte ich längst nicht mehr.
Im Jahr 1988 war Franz Beckenbauer Bundestrainer, und ich war für ein paar Monate in Sambia, einem armen Staat im Süden Afrikas. Ein deutscher Entwicklungshelfer nahm mich eines Tages mit zum Training einer sambischen Mannschaft, die in der zweiten Liga spielte. Das waren alles athletische Burschen und Könner am Ball. Das Spiel lief weitgehend an mir vorbei, es war heiß, und diese Jungs spielten viel zu schnell und zu gut für mich.
Wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich in 90 Minuten drei Ballkontakte. Der erste wurde zu einer Torvorlage, beim zweiten Mal schoss ich ein Tor und beim dritten Mal auch, eine herrliche Bogenlampe. Eigentlich hatte ich nur versucht, den Ball ganz schnell wieder loszuwerden, weil zwei, drei dieser Athleten auf mich zustürmten.
Nach dem Spiel versammelte der Trainer seine Mannschaft, wies auf mich und sagte, sie hätten ein Beispiel deutscher Fußballschule erleben dürfen, einen Spieler wie Beckenbauer. Alle klatschten.
Ich glaube, es war der glücklichste Moment meines Lebens.
Leider habe ich den Fehler gemacht, in der folgenden Woche wieder zum Training zu gehen. Das Wort Beckenbauer fiel nicht mehr.
Zwei Jahre später führte Beckenbauer die deutsche Mannschaft zum WM-Titel in Italien. Ich denke manchmal noch an den Moment, wie er nach dem Schlusspfiff allein über den Rasen ging, in Gedanken versunken, die Hände hinter seinem Rücken verschränkt. Als ich mal einen Journalistenpreis gewonnen habe, habe ich es so ähnlich gemacht.
Es war keine ganz unkomplizierte Weltmeisterschaft für mich, denn 1990 war ich im besten Fußballalter, 27. Aber Beckenbauer hatte mich nicht nominiert für die deutsche Nationalmannschaft. Ich spielte Fußball immer nur donnerstags um 17 Uhr auf der Hamburger Moorweide mit den Kollegen von der »Zeit«, wo ich damals Redakteur war. Es war nicht mehr zu übersehen, dass ich es nicht geschafft hatte und nicht mehr schaffen würde.
Aber ich war glücklich. Weltmeister.
Die nächste Station meines Lebens mit Franz Beckenbauer ist das Jahr 2006. Ich spielte Fußball nur noch mit meinen Kindern. Ich war immer Beckenbauer. Mit meinen Kindern geht das, sie sind milde, verständige Menschen.
Es war das Jahr der Weltmeisterschaft in Deutschland, und ich habe sie als Reporter für den SPIEGEL hautnah erlebt. Es waren drei wundervolle Wochen, ich fuhr von Spiel zu Spiel und sah mein Land, wie ich es noch nie gesehen hatte, fröhlich, ausgelassen, glücklich.
Und ich konnte ganz entspannt im Stadion sitzen. Ich war 43 und musste nicht mehr dort unten auf dem Platz stehen. Niemand konnte das von mir erwarten, nicht mal ich selbst.
Ich will nicht sagen, dass Franz Beckenbauer die deutsche Verzückung bewirkt hat. Aber er hatte die WM nach Deutschland geholt, und der Geist des Gelingens, der über seinem Leben schwebt, hat sich auch dieser Weltmeisterschaft angenommen.
So hat er mir und Deutschland einen WM-Titel als Spieler beschert, einen WM-Titel als Trainer und ein großes WM-Fest als Organisator. Mehr geht wirklich nicht. Die vielen Erfolge mit Bayern München will ich hier gar nicht erwähnen, weil ich ja weiß, wie schrecklich das für andere ist.
Beckenbauer wurde von einem Journalisten gefragt, was er am Tag nach der WM machen würde. »Ich gehe nach Hause«, hat er gesagt. Ich finde, das ist die Antwort eines großen Mannes. Er hat für Deutschland eine traumhafte Weltmeisterschaft organisiert, und danach macht er das, was jeder tut, wenn seine Arbeit erledigt ist. Einfach nach Hause gehen.
Ich bin Franz Beckenbauer nie begegnet. Das ist fast verwunderlich bei meinem Beruf, bei dem man im Lauf der Zeit so ziemlich jeden trifft, der irgendwie auffällig geworden ist. Vielleicht habe ich es nicht gewollt, weil ich Angst habe vor der Entzauberung. Ich weiß, dass er eine Menge nicht allzu kluge Dinge gesagt hat. Aber nie zu mir.
Wobei nicht ganz stimmt, was ich weiter oben geschrieben habe. In Wahrheit bin ich Beckenbauer oft begegnet. Das war auf dem Fußballfeld, ausverkauftes Stadion, Endspiel einer Weltmeisterschaft, gegen Brasilien. Wir Deutschen spielten mit zwei Liberos, Beckenbauer und mir, und das war so erfolgreich, dass ich mich immer noch wundere, warum niemand dieses System aufgreift.
Franz und ich spielten uns den Ball auf eine Weise zu, die man nur glanzvoll nennen kann. Wir passten und flankten aus dem Fußgelenk, bis einer von uns das Tor machen konnte. Das entscheidende Tor habe immer ich gemacht, elegant und lässig nach einem elegant-lässigen Pass von ihm. Schlusspfiff, Riesenjubel.
Ich habe mir das oft ausgemalt, wenn ich als Junge wach im Bett lag und all die Schlitzer und Monster jener Nächte in mein Zimmer schlichen. Später habe ich es mir ausgemalt, wenn die Gedanken an die Mädchen, die mich nicht lieben wollten, zu schmerzlich wurden.
Wenn ich es recht bedenke, ist dies das Beste, was ich über Franz Beckenbauer sagen kann: Er konnte mich retten.
Und wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen: Er kann es immer noch.