In Francos Spanien: Plötzlich staatenlos
In Francos Spanien Plötzlich staatenlos
Als mir die Liebe Flügel verlieh, blühte in Deutschland das Wirtschaftswunder. Zahlreiche Gastarbeiter strömten ins Land, um am Aufschwung teilzuhaben. Mich dagegen zog es 1963 in das Heimatland der Frau meines Herzens, die ich kurz zuvor in Deutschland geheiratet hatte. Damals war Spanien eine Diktatur, in der nicht nur General Franco herrschte, sondern auch die Arbeitslosigkeit. Liebe macht wagemutig.
Als junger Übersetzer mit guten Spanischkenntnissen fand ich wider Erwarten schnell Arbeit. Es dauerte nicht lange, bis mein Alltagsleben landestypische Züge angenommen hatte: Freunde und Bekannte trafen sich in geselliger Runde, wie alle Männer in Spanien seinerzeit, in der Bar ums Eck. Mein Nachbar, der mich oft begleitete, war pensionierter Angehöriger der Guardia Civil. Die paramilitärische Polizeitruppe war von Franco nach dem spanischen Bürgerkrieg gegründet worden. Sie sorgte für totale und ständige Überwachung, gegebenenfalls für Repression.
Ein Freund und ehemaliger Kollege meines Nachbarn begleitete uns häufig in die Bar. Man kannte uns. Ich bekam schnell den Eindruck, dass die Vergangenheit meiner Begleiter uns zu respektierten, wenn nicht gar zu gefürchteten Gästen machte. Keinem streitsüchtigen Trunkenbold wäre es auch nur im Traum eingefallen, uns gegenüber aus der Rolle zu fallen. Die pensionierten Zivilgardisten repräsentierten ein System staatlicher Autorität, mit dem nicht zu spaßen war.
Böse Überraschung
Die spanische Lebensart, so wie ich sie kennenlernte, war von Gegensätzen geprägt. Obwohl im Alltag Lebenslust und Genuss nicht zu kurz kamen, war der Respekt und die Furcht vor der staatlichen Autorität und ihren Repräsentanten allgegenwärtig. Angesichts der beliebten Stierkämpfe kam mir das alte Rom in den Sinn. Solange es Brot und Spiele gab, solange Vergnügen und leibliches Wohl nicht zu kurz kamen, beschwerte sich niemand. Ganz so einfach war es sicher nicht.
Eines aber war sicher: Damals in Madrid kam es niemandem in den Sinn, in der sonst so redseligen Kneipenatmosphäre kritisch über Politik oder Religion zu reden. Es war schlicht zu riskant. Vertrauliche Gespräche wurden auf diskretere Art geführt. Man hatte etwas zu verlieren.
Als noch im Jahr unseres Umzugs die Personaldokumente meiner Ehefrau verlängert werden mussten, erwartete sie eine böse Überraschung: Die spanischen Behörden waren der Ansicht, dass sie die Heirat mit mir automatisch zu einer Deutschen gemacht habe. Eine Verlängerung ihrer spanischen Papiere wurde abgelehnt. Die deutsche Botschaft erklärte uns, dass nach der gültigen Rechtslage meine Frau nach wie vor Spanierin sei und wies darauf hin, dass sie jederzeit einen Antrag auf Einbürgerung stellen könne.
Späte Genugtuung
Ein weiterer Versuch, die spanischen Behörden umzustimmen, blieb erfolglos. Meine Frau war also weder Deutsche noch Spanierin. Bis sie die Konsequenz zog und sich wenige Monate später einbürgern ließ, blieb sie staatenlos. Wir gingen zurück nach Deutschland. Wir hatten nicht den Eindruck, erwünscht zu sein in General Francos Spanien.
Einige Jahre gingen ins Land, bis Franco, "El Caudillo", am 25. November 1975 starb. Die ersten demokratischen Wahlen fanden 1977 statt. Ein letzter Versuch, die franquistischen Zustände wiederherzustellen, scheiterte mit dem Putschversuch von Antonio Tejero, dem Oberstleutnant der Guardia Civil, am 23. Februar 1981. Tejero wurde festgenommen und zu 30 Jahren Haft verurteilt. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, König Juan Carlos, hatte sich in der Krise als unbeugsamer Republikaner erwiesen und seinen aufmüpfigen Truppen befehligt, wieder einzurücken.
2002 brachte Spanien ein Gesetz auf den Weg, das es Betroffenen wie meiner Frau ermöglichte, durch die Abgabe einer entsprechenden Willenserklärung die spanische Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen. Wie viele andere Menschen, denen ihre Staatsbürgerschaft willkürlich aberkannt worden war, machte meine Frau davon Gebrauch. Es war eine späte Genugtuung.