In sieben Schritten - DER SPIEGEL
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In sieben Schritten Wie Thomas Jeffersons Liebe zu Paris die Katastrophe von Fukushima auslöste

Per Wikipedia durch die Weltgeschichte: Jeden Monat wühlt sich Danny Kringiel durch die uferlose Online-Enzyklopädie - und entdeckt auf einer absurden Zeitreise, dass absolut alles mit absolut allem zu tun hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

1. Teil: Export einer Revolution

Foto: AP

Das Seine-Ufer hinunterschlendern, die Rosettenfenster der Kathedrale Notre-Dame bestaunen, dann auf einen Milchkaffee ins Café Procope - für viele war und ist Paris die schönste Stadt der Welt. Zum Beispiel für Thomas Jefferson, der 1785 als amerikanischer Botschafter in die französische Hauptstadt kam. Mit Haut und Haaren verfiel er der Architektur, dem französischen Wein - und der (verheirateten) Pariser Malerin Maria Cosway.

Vor allem aber begeisterte er sich für die Werte der Französischen Revolution, und ganz in diesem Geiste wurde er zu einem der prominentesten Unterstützer der amerikanischen Bill of Rights, die 1789, im Jahr seiner Heimkehr nach Amerika, in Kraft trat. Sie sollte als Zusatz der amerikanischen Verfassung die Rechte des Einzelnen sichern - und bestimmt bis heute mit ihren Regelungen etwa zur Meinungsfreiheit, zur Religionsfreiheit oder dem Recht auf das Tragen von Waffen die amerikanische Kultur. Besonders prägend für das amerikanische Selbstverständnis sollten jedoch die Verfassungszusätze zur Presse- und Meinungsfreiheit sein, die rund 50 Jahre nach der Entstehung der Bill of Rights...

Pfarrer an der Druckerpresse

Foto: Getty Images

...im Jahr 1837 Schande über den Bundesstaat Illinois bringen sollten. Dort hatte in jenem Jahr der presbyterianische Geistliche Elijah Parish Lovejoy im Städtchen Alton den "Alton Observer" gegründet - eine Zeitung, die sich dem Kampf gegen die Sklaverei verschrieben hatte. Ein Affront, den sich die örtlichen Sklavereibefürworter nicht gefallen lassen wollten: Und so attackierte ein wütender Mob am 7. November 1837 das Lagerhaus, in dem Lovejoys Druckerpresse stand. Lovejoy und seine Gegner lieferten sich eine Schießerei, bei der der Geistliche ums Leben kam.

Lovejoy wurde unter Sklavereigegnern überall in den USA zum Märtyrer erhoben. Noch im Jahr seines Todes veröffentlichten Elijahs Brüder Owen und Joseph seine Memoiren. Der skandalöse Akt von Lynchjustiz schadete dem Ruf von Illinois nachhaltig. Und so reagierte die Bevölkerung des Bundesstaates extrem empfindlich, als nur sieben Jahre später...

Die Frauen des falschen Propheten

Foto: Library of Congress PD

...im Jahr 1844 der nächste Presserechtsskandal passierte: Am 10. Juni 1844 wollte nämlich der Bürgermeister der Kleinstadt Nauvoo in Illinois, Joseph Smith jr., die Druckstöcke und Druckerpresse der "Nauvoo Expositors", der örtlichen Zeitung, zerstören lassen.

Smith, der nicht nur Bürgermeister, sondern auch Begründer der Mormonen-Bewegung war und zu der Zeit für die US-Präsidentschaft kandidierte, war erzürnt. In ihrer ersten (und einzigen) Ausgabe hatte die Zeitung es gewagt, ihn als "falschen Propheten" zu beschimpfen und seine polygame Lebensweise anzuprangern. Zwischen 1840 und 1844 hatte er - je nach Quelle - 34 bis 40 Frauen geehelicht.

Doch Smiths Angriff auf die Zeitung ging nach hinten los: Er landete im Gefängnis von Carthage, Illinois. Die Wut der Bürger darüber, wie das Presserecht in Illinois erneut mit Füßen getreten worden war, brachte sie so sehr auf, dass der wütende Mob schließlich am 27. Juni 1844 das Gefängnis stürmte und den Präsidentschaftskandidaten lynchte.

Hätte er hingegen die Druckerei nicht verwüstet, den Präsidentschaftswahlkampf fortgesetzt und wäre sogar gewählt worden, hätte sich womöglich US-weit die in Smiths Schrift "Word of Wisdom" 1833 festgehaltene Gesundheitsdoktrin "Hot drinks are not for the belly" durchgesetzt - "Heißgetränke gehören nicht in den Bauch". Nie wäre es zu dem glorreichen Siegeszug eines Getränkes gekommen, das schon hundert Jahre später aus den amerikanischen Trinkgewohnheiten nicht mehr wegzudenken war und das eine ganze Industrie beschäftigte. Nämlich...

Das braune Gold von Buffalo

Foto: AP

...der Kaffee, der überall im Land für die mittlerweile nach Koffein förmlich lechzenden Amerikaner hergestellt wurde - unter anderem in den großen Röstereien von Buffalo.

Um die gelagerten kostbaren Bohnen geschmackschonend zu lagern, ließen sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar spezielle Instrumente von dem Ingenieur Willis Carrier herstellen, die ihre Kaffeelager stets bei optimaler Temperatur und Luftfeuchtigkeit hielten. Schon bald kam Carrier auf die Idee, dass solche Maschinen auch außerhalb von Lagerhäusern praktischen Nutzen hätten - und erhielt 1906 das Patent für die erste Klimaanlage der Welt.

Die Idee, mit elektrischer Hilfe heiße Luft zu kühlen, wurde begeistert aufgenommen. Im heißen amerikanischen Süden - aber auch am anderen Ende der Welt. Ganz besonders in...

Eiskalte Liebe

Foto: AP

...Japan, dessen Bewohner sich bald um Klimaanlagen rissen. Bereits seit den dreißiger Jahren bildet Japan mit Südkorea den weltweit größten Markt für Klimaanlagen. Im Land der aufgehenden Sonne wird die Klimaanlage sogar so sehr verehrt, dass sie im Volksmund als eine der "Drei Neuen Kronjuwelen" Japans bezeichnet wird - die drei größten Errungenschaften des japanischen Wirtschaftswunders der Sechziger: Auto, Farbfernseher und Klimaanlage.

Doch leider entpuppte sich das dritte Kronjuwel als ausgesprochener Stromfresser: Vor allem durch die vielen klimatisierten Bürogebäude ging bald ein so erheblicher Anteil des japanischen Stromverbrauchs auf Klimaanlagen zurück, dass die Regierung dazu aufrief, die Temperaturen im Sommer in Büros nicht unter 28 Grad zu senken und in kurzen Hemden und Hosen zur Arbeit zu kommen, um den japanischen Stromverbrauch zu senken. Aber von ihrer Liebe zur Klimaanlage konnten die Japaner sich nie ganz lossagen. Und so kam es...

Falsche Papiere und ein heißer Sommer

Foto: Reuters

...im Jahr 2002 schnell zu Stromengpässen, als Tepco, Japans größter Energieversorger, alle seine 17 Reaktoren für Überprüfungen vom Netz nehmen musste. Ein Drittel aller japanischen Kernreaktoren war damit außer Betrieb. Es war aufgeflogen, dass die Firma seit Mitte der achtziger Jahre Reparaturberichte gefälscht und der Atomsicherheitsbehörde Hunderte kritische Vorfälle verschwiegen hatte.

Doch als der nächste Sommer nahte und die japanischen Klimaanlagen wieder gestartet wurden, drohten ernste Stromausfälle. Der Stromverbrauch während der heißen Monate könne nach Aussagen von Tepco so nicht abgedeckt werden - und die Regierung erteilte die Genehmigung, die Kraftwerke wieder hochzufahren. Und so war nach kurzer Zeit auch...

Die Katastrophe

Foto: dpa

...das Tepco-Kraftwerk Fukushima Daiichi wieder am Netz - und blieb es, trotz Hinweisen auf Konstruktionsmängel und Warnungen vor möglichen Schäden bei Erdbeben und Tsunamis.

Bis schließlich am 11. März 2011 ein Erdbeben einen Tsunami auslöste, der mit voller Wucht auf die ostjapanische Küste prallte und in Fukushima zu einer Nuklearkatastrophe führte. Vier Reaktorblöcke wurden zerstört, eine Kernschmelze trat ein, Luft, Boden, Wasser und Nahrungsmittel in der Umgebung wurden radioaktiv verseucht, etwa 150.000 Menschen mussten aus der Region evakuiert werden, Hunderttausende Tiere verendeten.

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