Interview mit Paul Simon: "Für eine Karriere als Sportler war ich zu klein"
Interview mit Paul Simon "Für eine Karriere als Sportler war ich zu klein"
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Paul Simon: Ich träumte von Baseball, und das tue ich immer noch. Aber für eine Karriere als Sportler war ich leider zu klein. So klein, dass die Mädchen einfach über mich hinwegschauten. Eines Tages sah ich in der Schule eine Band spielen. Die Jungs sahen nicht toll aus, aber alle Mädchen himmelten sie an. Ich wusste, dass ich das auch kann, also besorgte ich mir eine Gitarre. Kaum hatte ich die, bemerkten mich auch die Mädchen.
KulturSPIEGEL: Waren Sie nicht 17, als Ihre erste Single erschien?
Paul Simon: Ich war 16, als ich mit Artie Garfunkel den Song "Little Schoolgirl" verfasste. Das war unsere erste Single und gleich ein Hit. Wir nannten uns "Tom & Jerry", wohnten in Queens, New York, und Artie kannte ich aus der Schule. Damals schrieb ich bereits sehr viele Songs. Mit denen fuhr ich oft zum "Brill Building" am Times Square in New York, denn dort hatten viele Musikverleger ihre Büros. Wenn ich nicht meine eigenen Songs vorstellte, sang ich auf den Demos anderer Songwriter. Ich wurde pro Song bezahlt und muss auf Hunderten solcher Aufnahmen zu hören sein.
KulturSPIEGEL: Auf Ihrem neuen Album "So Beautiful or So What" sind Sie vor allem mit Ihrer Gitarre zu hören. Zurück zu den Wurzeln?
Paul Simon: Musik nur mit meiner Gitarre zu machen, war mir eine Zeitlang zu öde geworden. Aber nach all den musikalischen Experimenten der vergangenen Jahrzehnte, von afrikanischen Rhythmen bis hin zu Elektronik, habe ich dieses Album wieder so geschrieben wie meine ersten Songs als Teenager, nur mit Gitarre.
KulturSPIEGEL: Gab es für Sie eine Alternative zur Musik?
Paul Simon: Nein, mal abgesehen vom Sport, mein Kopf war schon immer voll mit Musik, seit ich denken kann. Ich träumte als Teenager von Doo Wop, Gospel, Rock'n'Roll und Bo Diddley. Mein neuer Song "Dazzling Blue" klingt so, als hätte ich ihn vor 50 Jahren geschrieben, wie Folk-Pop von Simon & Garfunkel. Aber weil ich nun alt bin, verfasse ich auch Songs wie "So Beautiful or So What". Da grübele ich über ein Leben nach dem Tod, ein Thema, für das man sich in jungen Jahren kaum interessiert.
KulturSPIEGEL: In Ihrem neuen Song "Love is Eternal Sacred Light" singen Sie: "Check out the radio, pop music station / That don't sound like my music to me." Finden Sie moderne Musik so schrecklich?
Paul Simon: Popmusik interessiert mich einfach nicht besonders. Aber es gibt Ausnahmen. Mein 18-jähriger Sohn spielte mir kürzlich das Debütalbum eines jungen Briten namens James Blake vor. Eine ganz tolle Platte und sehr elektronisch, aber eher leise. Ich mochte vor allem den reduzierten Sound, der ist sehr individuell. Ich wollte das James-Blake-Album umgehend ein zweites Mal anhören, und genau darum geht es bei Musik.
KulturSPIEGEL: Ist Musik besser, die schneller zugänglich ist, oder die, in die man mehr Zeit und Konzentration investieren muss?
Paul Simon: Ich persönlich bevorzuge Musik, für die man sich Zeit nehmen muss. Die Natur eines Popsongs aber ist, dass er schnell zugänglich sein muss. Das Handwerk des Pop besteht aus der Verbindung von schlichten Botschaften mit eingängigen Melodien. Ich weiß, wie schwierig es ist, simple Songs zu schreiben.
KulturSPIEGEL: Mit Simon & Garfunkel sangen Sie: "Hello darkness my old friend" und auf Ihrer letzten Platte: "Who's gonna love you, when your looks are gone?" Das klingt nicht so, als wären Sie mit dem Alter glücklicher geworden.
Paul Simon: Erstens: Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich habe eine Familie, bin gesund, fühle mich auf der Höhe meiner künstlerischen Kräfte. Zweitens: Natürlich denke ich darüber nach, dass ich vermutlich in nicht allzu ferner Zeit sterben könnte, und das ist kein Gefühl, das einen vergnügt auf und ab springen lässt. Andererseits ist meine Mutter 97 geworden. Wenn mir das auch gelingt, habe ich noch 27 Jahre!
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 27. Juni 2011.