Ripper-Filme: Von Monstern, Schmetterlingen und Dolph Lundgren
Jack The Ripper in der Popkultur Mordsphantasien
Er tötete bei Nacht, im Licht der Gaslaternen. Seine Opfer waren Prostituierte aus dem Armenviertel Whitechapel, die er auf der Straße oder in ihren Wohnungen überfiel und dann bestialisch ausweidete. Dunkler Mantel, Zylinderhut und scharfes Messer, so stellten sich über Jahrhunderte hinweg die Briten den gefürchtetsten Serienmörder des Landes Jack the Ripper vor. Alle bis auf Stephen Knight.
Der britische Journalist hatte eine ganz eigene Vorstellung davon, wer für die Morde im Londoner East End verantwortlich zeichnete, die von August bis November 1888 verübt wurden. Und er war von seiner Theorie so überzeugt, dass er 1976 ein Buch mit dem prahlerischen Titel: "Jack the Ripper. The Final Solution" veröffentlichte. Diese "endgültige Lösung" des Ripper-Rätsels machte Knight über Nacht berühmt. Sein Buch brachte es auf mehr als 20 Auflagen - und zerstörte gleichzeitig seinen Ruf als seriöser Berichterstatter.
Denn was der 25-jährige Autor Stephen Knight in seinem Sachbuch vorzutragen hatte, stellte alle bisherigen Verschwörungstheorien in den Schatten. Nicht ein Täter, sondern gleich drei Herren sollen für die Morde verantwortlich gewesen sein. Alles angesehene Männer der Londoner Bürgerschaft: ein Chirurg, ein Kutscher mit Verbindungen zum Königshaus und ein Maler. Zudem sei es, anders als viele glaubten, bei den Bluttaten gar nicht um sexuelle Befriedigung oder gar um Hass auf Frauen gegangen. Die Morde hätten alle nur ein Ziel gehabt: Sie sollten einen Skandal vertuschen, der in die höchsten Adelskreise bis zu Queen Victoria reichte.
Das uneheliche Kind des Thronfolgers
Knight war nicht der erste Brite, der sich in einfallsreichen Spekulationen um Jack the Ripper verlor. Schon vor 125 Jahren, noch während der Mordserie, regte der mysteriöse Täter die Phantasie der Menschen an. Der Schriftsteller John Francis Brewer veröffentlichte im Oktober 1888 eine Kurzgeschichte mit dem Titel "The Curse Upon Mitre Square", in der er den Mordfall von Catherine Eddowes behandelte - zwei Wochen nach deren Ermordung durch den Ripper. Seitdem hat der Serientäter viele Künstler, Filmemacher und Autoren beeinflusst. Und jeder behauptete, das Geheimnis gelüftet zu haben. Auch Stephen Knight.
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Um seine aufsehenerregende These zu festigen, griff Knight angeblich auf Scotland-Yard-Unterlagen zurück, die offiziell bis zum Jahre 1992 unter Verschluss bleiben sollten. Außerdem sprach er eigenen Angaben zufolge mit einem Mann, der sich als unehelicher Enkel des britischen Thronfolgers bezeichnete. Joseph Gorman hieß dieser Zeuge, und er sollte ein direkter Nachfahre von Königin Victoria sein.
Laut Knights Theorie soll deren Enkel, Prinz Albert Victor, laut Zeugenaussagen eine Affäre mit Gormans Großmutter, einem katholischen Mädchen namens Annie Elizabeth Crook, begonnen haben. Als die junge Frau schwanger wurde, heirateten der Kronprinz und die Katholikin, wenige Zeit später kam die gemeinsame Tochter Alice zur Welt. Als Kindermädchen wurde Mary Jane Kelly erwählt - das letzte Opfer von Jack the Ripper.
Als die Queen von dem unehelichen Kind und der Hochzeit erfuhr, soll sie, so Knight, getobt haben. Sie befürchtete, dass eine katholische Thronerbin das ohnehin schlechte Ansehen von Monarchie und Parlament in der Bevölkerung noch trüben könnte und befürchtete gar eine Revolution.
Deswegen, so habe Gorman ihm erklärt, habe Victoria ihren Premierminister, Lord Salibsbury, gebeten, sich der Affäre anzunehmen. Salisbury ließ angeblich Annie Crook einsperren und alle Zeugen eliminieren. Da Kelly bereits mit anderen Frauen gesprochen hatte, mussten insgesamt fünf Opfer ihr Leben lassen. Die Morde habe Salisbury vertuschen können, weil er Freimaurer war - und Mitglieder seiner Loge auch die Londoner Polizei infiltriert hätten.
Freimaurer, korrupte Politiker, wolllüsterne Adelige - Stephen Knights Sachbuch strotzte vor den üblichen Verschwörungszutaten. Der Autor merkte an, dass die Geschichte "schrecklich unwahrscheinlich" klinge, doch er berief sich immer wieder auf Scotland-Yard-Schriften - und auf seinen Zeugen Joseph Gorman. Der habe vom eigenen Vater die ganze Wahrheit gehört. Ungeschickt nur, dass Gorman wenige Monate nach Veröffentlichung des Buches in einem Interview mit der "Sunday Times" zugab, dass alles erfunden sei. Knights Ruf war zerstört, und er musste seinen Lebensunterhalt mit weiteren Entdeckungsbüchern über Geheimlogen und die Freimaurer verdienen. Doch seine These von den mordenden Adligen hielt sich trotz historischer Gegenbeweise wacker - und fand Einzug in die Popkultur.
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Comic-Held, Filmfigur, Pop-Phänomen
1991 etwa brachten der britische Autor Alan Moore und der Zeichner Eddie Campbell die Graphic Novel "From Hell" heraus, die sich auf Knights Recherchen beruft. In einem Vorwort zur Erstausgabe betonte das Künstlerduo, dass es das Sachbuch als reine Fiktion ansah und einfach eine spannende Geschichte bebildern wollte. Der Schwarz-Weiß-Comic war ein kommerzieller Erfolg und wurde 2001 verfilmt, mit Johnny Depp in der Hauptrolle des Ermittlers und Heather Graham als Mordopfer Mary Kelly.
Bis dahin gab es allerdings schon eine ganze Reihe anderer Verfilmungen und Comic-Serien, in denen Jack the Ripper sein Unwesen trieb. Der Phantasie der Künstler war dabei keine Grenze gesetzt: Mal war der Ripper eine mysteriöse Kraft, die in verfluchten Messern steckte, mal ein Orang-Utan oder gar das Ungeheuer von Loch Ness. Skurrile Geschichten, die dennoch ihr Publikum fanden. Und den Beweis lieferten, dass der bekannteste Unbekannte der Kriminalgeschichte nichts von seiner Faszination eingebüßt hat - auch über Hundert Jahre nach den Greueltaten von London.