Jagdausflug in die CSSR: Staatliche Schweine
Jagdausflug in die CSSR Staatliche Schweine
Unsere Reise beginnt am 4. August 1978 gegen 23 Uhr. Helmut, ein passionierter Jäger, und ich wollen in der Abgeschiedenheit von Mährisch-Schlesien unseren Hobbys nachgehen. Im unbekannten Sozialismus will Helmut Trophäen schießen und ich Motive mit der Kamera einfangen. Unsere erste Station ist der deutsche Grenzübergang Schirnding im Fichtelgebirge. Die Zöllner erklären uns, dass die "Kollegen auf der anderen Seite in Eger (Cheb) sehr genau" sein würden. Wir werden gewarnt: In der letzten Nacht wurde eine italienische Fußballmannschaft nicht abgefertigt. Angeblich wegen rüpelhaften Verhaltens. Die Grenze wurde bis zum Morgen einfach geschlossen.
Auf tschechoslowakischer Seite zieht sich die Kontrolle hin, bis die Beamten endlich das Zeichen zur Durchfahrt geben. Wir sehen Hunde, die unter Transporter geschickt werden, um Flüchtlinge unter der Ladung ausfindig zu machen. Die Durchsicht unserer Visa und die Kontrolle von Helmuts Gewehr und meiner Spiegelreflexkamera dauern unendlich lang. Alles wird in Dokumenten festgehalten, die wir bei unserer Ausreise wieder vorlegen müssen.
Helmut hält sich aus allem raus und lässt mich mit den Zöllnern diskutieren, während er die Hände in seinen Manteltaschen vergräbt. Als wir die Grenze passiert haben, beschwere ich mich bei meinem faulen Mitreisenden. Der grinst verschmitzt und fragt: "Wolltest du lieber in den Knast wandern?" Dabei holt er zwei handvoll Munition für ein altes deutsches Militärgewehr aus seinen Manteltaschen. Die Patronen hat er trotz des Verbotes für seinen tschechischen Jagdfreund mitgenommen. Der hat ein solches Schießeisen, aber keine Munition. Damit die Hülsen nicht klappern, hat Helmut sie die ganze Zeit festgehalten.
Staatliches Futter für staatliche Schweine
Auf der Reise durchs Erzgebirge holen uns Erinnerungen an die Kindheit ein: Die Sagen und Märchen von Rübezahl bekommen eine Heimat. Wir erreichen Karlsbad. Um halb sechs Uhr morgens stehen hier Mütter mit Kleinkindern an Bushaltestellen. Die Kinder kommen in den Hort, die Mütter beginnen bald die Frühschicht. Für uns ein ungewohntes und bedrückendes Bild in dieser grauen Stadt.
Einige Kilometer weiter beobachten wir einen Reifenwechsel. Ein "Wolga" ist liegengeblieben. Einen Wagenheber gibt es nicht. Also wuchten zwei Männer das Chassis auf Kommando nach oben, ein dritter nimmt das Rad runter, an dem vorher die Schrauben schon gelockert wurden. Behände kommt Ersatz auf die Achse. Dies geschieht so nicht zum ersten Mal. An dem Wagen fällt uns eine sonderbare Türkonstruktion auf: Die Fahrertür muss wohl Schaden genommen haben. In Ermangelung einer Originaltür ist ein wesentlich kleineres Ersatzteil verarbeitet worden. Man hat einfach die Scharniere um etliche Zentimeter verlängert. Herausfallen kann so keiner, aber mehr als zugig ist die Konstruktion allemal.
Auf der Weiterreise halten wir an einem riesigen Getreidefeld bei Chomutov. Ein Mähdrescher steht still, Männer sitzen gelangweilt daneben. Ein wichtiges Ersatzteil ist kaputt gegangen. Ein Kollege holt Ersatz in Prag, aber das kann dauern. Wir unterhalten uns mit den Männern und erfahren, dass Wildschweine in jeder Nacht Seile des Getreidefelds zerstören. Aber das sei nicht so schlimm: Schweine sind staatlich und das Getreide auch. So würden sich die Schweine nehmen, was ihnen zum Teil ohnehin gehört, sozialistische Ordnung halt.
Wir genießen unseren Aufenthalt sehr und besuchen am Ende der Reise auch noch Prag. Die goldene Stadt präsentiert sich grau in grau. Als Malermeister habe ich im Geiste viele Fassaden gestrichen. Im Goldmachergässchen, wo 1916 der Autor Franz Kafka im Haus 22 gelebt hat, suchen wir nach einem Andenken. In einem Schaufenster sehen wir zwei Keramikteller. Nachdem wir diese gekauft haben, ist die Auslage leer.