Für wen riskierte man sein Leben?
Jüdische Veteranen der Roten Armee in Berlin Zwischen Sowjetstern und Davidstern
Jakow Kolodisner ist Jude. Er und seine jüdischen Kameraden haben als Offiziere oder Soldaten im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Nationalsozialisten und ihre Helfer gekämpft. Die einstigen Rotarmisten hatten jedoch nicht nur einen Feind vor sich. Alle Juden sollten als Sowjetbürger Patrioten sein und wussten doch, dass sie in der UdSSR diskriminiert wurden. Sie wuchsen in der Sowjetunion unter Stalin auf. Juden hatten hier wenig Chancen, ihrem Glauben und ihrer Kultur nachzugehen. Den antisemitischen Stalin im Nacken traten sie ab 1941 an der Front gegen die Deutschen und damit gegen die Shoa einen verzweifelten Kampf an. Für wen riskierte man sein Leben?
Wer den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte, kehrte heim. Mit dem Tode Stalins 1953 nahm der alltägliche Antisemitismus nicht ab. Dem Krieg folgte ein jahrzehntelanges Leben in der UdSSR, mit deren Niedergang wirtschaftliche Probleme sowie die Diskriminierung von Juden zunahmen. Die Heimat zerfiel. Als Folge hiervon sahen sich viele jüdische Veteranen in den neunziger Jahren gezwungen, zu emigrieren - viele von ihnen kamen nach Berlin.
Jakow Kolodisner ist einer von ihnen. Er wurde 1922 in Belaja Zerkow geboren. Jüdische Bräuche pflegte die Familie nur, soweit es die antisemitische Umgebung und die Repressionen des Sowjetstaates erlaubten. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begann er seinen Dienst als Fallschirmjäger und Dolmetscher in der Roten Armee. Nach dem Ende des Krieges war Jakow Kolodisner als Übersetzer bei der Sowjetischen Militäradministration in Mecklenburg-Vorpommern tätig. Noch heute präsentiert er voller Stolz ein Album mit Urlaubsfotos von der Ostsee aus dem Jahre 1946. Auf einer Fotografie ist er nach einer Verhaftungsaktion gegen Deutsche zusammen mit anderen Offizieren zu sehen.
Im Land der ehemaligen Täter
1948 wurde Kolodisner in die Sowjetunion zurückbeordert, da jüdische Rotarmisten nicht länger ihren Dienst im Ausland versehen durften. Als er in die Heimat zurückkehrte, sah er die schrecklichen Verwüstungen, die die Deutschen hinterlassen hatten und musste sich die Frage stellen, wer aus der eigenen Verwandtschaft noch lebte.
Für wen riskierte man sein Leben?
Es galt, das Leben zu meistern: Kolodisner studierte Deutsch, Spanisch, Jura und Sport. Er gründete eine Familie. Doch mit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs nahmen auch in seinem Umfeld wirtschaftliche Not, Nationalismus und Antisemitismus zu. Schweren Herzens entschlossen sich die Kolodisners zur Auswanderung nach Deutschland.
Ein Leben im Land der ehemaligen Täter? Ein Leben in der Stadt, von der aus der millionenfache Mord an den Juden organisiert wurde? Familie Kolodisner war froh, in Berlin unbeschwert ein Leben ohne allzu große Not führen zu können. Die Eheleute leben bis heute im Wedding. Stolz sind sie auf ihre Kinder, die in der Fremde ihren beruflichen Weg gefunden haben. Und doch, es bleibt neben der Dankbarkeit für die Hilfe in Deutschland ein Gefühl der Einsamkeit. Die russische Sprache beherrschen in Berlin nur wenige.
In der Jüdischen Gemeinde trafen die Kolodisners auf Menschen mit ähnlichen Lebenswegen. Aber auch hier überwog zunächst das Gefühl, noch nicht richtig angekommen zu sein. Allen Bemühungen der Jüdischen Gemeinde um Integration zum Trotz, finden die Alteingesessenen und die erst jüngst nach Berlin gelangten Juden erst schrittweise zueinander.
Eine Stimme für den toten Bruder
Der Direktor der Stiftung Neue Synagoge - Centrum Judaicum Berlin, Dr. Hermann Simon, hatte 2006 die Idee zum Projekt "Zwischen Sowjetstern und Davidstern". Innerhalb dieses Projekts sollte Jakow Kolodisners Lebensgeschichte erzählt werden, als ein Stück deutscher, sowjetischer, ja, europäischer Geschichte.
Betreut von Fachhistorikern und Pädagogen des Geschichtsbüros Culture and more, das Ausstellungen realisiert, Archivrecherchen durchführt und andere Geschichtsprojekte betreut, wurden 13 jüdische Veteranen, Männer und Frauen, in Berlin interviewt. Ihre Erzählungen sowie private Fotos und Dokumente bildeten die Grundlage der Ausstellung, die ab Ende 2006 für einige Wochen im Centrum Judaicum in Berlin zu sehen war. Die Tafeln der Ausstellung sind bis heute auf der Website www.cultureandmore.com zu finden.
Bei einem der Interviewtermine für die Ausstellungsvorbereitung zog Jakow Kolodisner ein Foto aus seiner Mappe: "Dies ist mein Bruder Solomon. Er ist an der Front gefallen und hätte es verdient, dass man sich an ihn erinnert." Aus der Unterhaltung mit Jakow Kolodisner wurde ein Gespräch zu dritt, mit ihm und seinem Bruder. Jakow Kolodisner las einen Briefwechsel aus der Kriegszeit vor. Die Brüder schrieben einander von der Front. Sie reflektierten den Alltag, den Krieg und ihre Existenz als Juden in der stalinistischen Sowjetunion, den alltäglichen Antisemitismus und die große Bedrohung durch die Nationalsozialisten.
Solomon Kolodisner, geboren 1918, arbeitete nach dem Jurastudium seit 1940 für die Militärstaatsanwaltschaft. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kämpfte er gegen die Deutschen. Im Mai 1942 kam er in der Westukraine unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben. Neben den 13 in Berlin interviewten Rotarmisten finden sich auch sein Lebenslauf und das Foto mit Budjonny-Mütze in der Ausstellung. Jakow Kolodisner freute sich hierüber - auch sein Bruder erhielt eine Stimme.