Jugend im Nationalsozialismus: Angsttraum Kinderheim
Jugend im Nationalsozialismus Angsttraum Kinderheim
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war ich acht Jahre alt. Meine Eltern und Großeltern versuchten damals, mir die Schrecken des Krieges klarzumachen, hatten sie ein solches Inferno doch schon einmal miterlebt. Meine Oma sagte: "Der Hitler lässt schon die Kinder auf das Soldatentum vorbereiten, nur damit sie für unbegreifliche Eroberungen totgeschossen werden."
Ich verstand das damals nicht und widersprach. Überhaupt glaubte ich den Erwachsenen in der Familie vieles nicht und fühlte mich ständig belehrt. Dass mein Vater und auch mein Opa nie den Arm zum Hitlergruß erhoben - das war ihr geheimer Widerstand - war mir unangenehm und ich schämte mich.
Vorsichtige Warnungen, mich nicht allzu sehr politisch beeinflussen zu lassen, empfand ich als Bevormundung. Erst bei der Erziehung meiner eigenen Kinder stellte ich später fest, dass gut gemeinte elterliche Ratschläge weniger fruchten als die der gesellschaftlich geprägten Umwelt oder die eigenen Erfahrungen.
Auf ins Jungvolk!
So war die häusliche Einflussnahme meist wirkungslos gegenüber den Darlegungen der geschickt agierenden Lehrer in der Schule, denn der Schulunterricht war, wie das gesamte öffentliche Leben meiner ersten Schuljahre ab 1938, sehr stark von der NS-Propaganda beeinflusst.
Vom Titelbild unserer Lesefibel für die ersten beiden Schuljahre etwa grüßten uns zwei Kinder mit zum Hitlergruß erhobenen Händen und auf der Seite über den Buchstaben J konnten wir lesen, wie gern Jochen Jungvolkpimpf werden wollte und was er dafür brauchte.
Deshalb konnte ich es damals kaum erwarten, zehn Jahre alt zu werden, denn so alt musste man sein, um in das Deutsche Jungvolk eintreten zu können. Zwei Erlebnisse aber hätten das in jener Zeit fast verhindert - sie sind mir deshalb bis heute in heilsamer Erinnerung.
Die nackte Wahrheit
Als Neunjähriger nutzte ich jede Gelegenheit, den Nachbarshund Senta, eine französische Dogge, auszuführen. In der Regel hielt ich mich daran, das Tier immer an der Leine zu führen. Warum ich bei diesem Spaziergang im Hochsommer Senta freiließ, weiß ich nicht mehr. Kaum hatte ich den Hund losgemacht, sauste er auch schon davon. Er missachtete mein Rufen und war schnell im Gebüsch am Waldrand verschwunden. Ich hörte Senta bald aggressiv bellen und wusste sofort: Sie hatte etwas entdeckt und gestellt.
Bei Senta angekommen sah ich etwas für mich als Kind sehr Schreckliches: Auf einer kleinen Lichtung standen zwei nackte Menschen, ein Mann und eine Frau, vor sich den Hund, der auf dem Sprung war, zuzubeißen. Ich hatte noch nie in meinem Leben nackte Erwachsene gesehen, sexuelle Aufklärung kannten wir nicht. In meiner Naivität verstand ich gar nicht, was die beiden ausgezogen im Wald wollten. Hinzu kam, dass es sich hier um einen mir wohlbekannten Mann handelte, der ein einflussreiches NSDAP-Mitglied war. Die junge Frau neben ihm kannte ich auch: Sie war aus unserem Ort - und beide im Adamskostüm!
Der Herr brüllte: "Was streichst du in meinem Pachtwald herum und scheuchst das Wild auf! Nimm sofort den Köter an die Leine und verschwinde, wir werden uns noch sprechen!" Um seinen Befehl auszuführen musste ich näher heran und sah erstmals ganz deutlich den Unterschied zwischen Mann und Frau.
Du kommst ins Erziehungsheim!
Ich bekam den Hund an die Leine und konnte ihn fortziehen. Während ich den beiden den Rücken zukehrte, musste ich eine Schimpftirade über mich ergehen lassen. Der Mann drohte mir die härtesten Strafen an, wenn ich von dieser Begegnung etwas erzählen würde und warnte mich: "Wenn ich erfahre, dass du nicht dicht gehalten hast, dann darfst du auch kein Pimpf werden und kommst ins Erziehungsheim."
Nicht ins Deutsche Jungvolk zu dürfen wäre für mich wohl das Allerschlimmste gewesen. Ein Erziehungsheim, "Heinrichstift" oder "Rettung" genannt, kannte ich auch. Es befand sich in unmittelbarer Nähe unseres Ortes und war von uns Kindern sehr gefürchtet, denn es musste als Drohkulisse für alle Unfolgsamkeiten herhalten. Ich hatte schon mehrfach beobachtet, dass die Insassen schwer auf den Feldern arbeiten mussten und nur sonntags unter Aufsicht außerhalb des Heimgeländes spazieren gehen durften.
Ich habe Zeit meines Lebens über dieses Erlebnis geschwiegen. Vielleicht hat mir das Ganze damals so große Angst eingeflößt, dass ich selbst nach dem Krieg, als der NS-Mann mir nichts mehr anhaben konnte, nicht wagte, darüber zu reden.
Gut gemeint, doch am Baum gefrevelt
Den spöttischen Spruch "Tue nichts Gutes, widerfährt dir nichts Böses" kannte ich als Kind noch nicht. Als ich ihn als Erwachsener hörte, fand ich, dass er gut das folgende Erlebnis aus meiner Kindheit charakterisiert:
Im Krieg war Brennholz knapp und ich wollte mir durch Holzsammeln ein Lob verdienen. Im Übrigen hatte ich gehört, dass Birkenholz sehr gut brennt und wollte meinen Großeltern das Anzünden des Feuers im Ofen erleichtern. Kurzum, ich begeisterte zwei Schulkameraden zum Mitmachen und wir sägten im nahen Wald zwei mittelgroße Birken ab.
Über Feldwege schleiften wir die Bäume weg, als plötzlich der Ortspolizist vor uns stand und uns zur Rede stellte. Wir waren sicher, er hatte schon auf der Lauer gelegen, um uns zu erwischen. Er schrieb unsere Namen auf und sagte streng: "Ich werde euch mit euren Eltern auf die Wache bestellen. Was ihr getan habt, war Baumfrevel mit großem volkswirtschaftlichem Schaden. Euch erwartet eine hohe Strafe."
Statt Jungvolk die "Rettung"
Er fragte uns, wo wir die Bäume abgesägt hatten. Wir behaupteten, wir hätten sie gefunden. Er entdeckte jedoch die Säge, die ich unter meiner Jacke zu verbergen suchte und sagte, dass er die Baumstümpfe bestimmt noch finden würde. Unsere Mütter waren nach unserer Beichte zuhause sehr bestürzt.
Schon am nächsten Tag kam die Vorladung zum Polizeirevier. Unsere Beteuerungen, wir hätten die abgesägten Bäume gefunden, halfen nichts, denn der Gendarm hatte die Stelle mit den Baumstümpfen inzwischen ausgemacht und wusste auch, welchem Bauern der Wald gehörte.
Er drohte, dass wir in die "Rettung" kämen, wenn der Waldbesitzer unsere Tat anzeigen würde. Außerdem kündigte er an, unsere Verfehlung an die Hitlerjugend zu melden. Er wusste, dass wir zehn Jahre alt geworden waren und wollte uns einen Denkzettel verpassen. Er meinte, dass es mit unserer Aufnahme ins Deutsche Jungvolk zu Führers Geburtstag am 20. April - der kurz bevorstand - nichts würde.
Endlich ein Pimpf!
Im Anschluss an das Verhör zogen wir mit den Birkenbäumen unter Polizeibewachung durch die Stadt zum Bauern, bei dem wir das Holz abliefern sollten. Begleitet wurden wir von einer großen Schar Kinder, die jubelten und frohlockten, nun seien wir verhaftet und würden eingesperrt. Die Bauersfrau empfing uns im Hof und schimpfte uns in Anwesenheit des Polizisten tüchtig aus. Schließlich sagte sie zu ihm, die Sache habe sich erledigt und sie würde keine Anzeige erstatten.
Als der Gendarm weg war, sagte sie: "Schert euch mit den Bäumen nach Hause und tut so etwas nie wieder." Wieder zogen wir durch die Stadt, jetzt begleitet von enttäuschten Kindern, weil wir nun doch nicht verhaftet worden waren. In späteren Jahren erfuhr ich von meiner Mutter, dass sie und die anderen Frauen sich vor dem Polizeiverhör mit dem Waldbesitzer geeinigt und die Bäume bezahlt hatten.
Ins Jungvolk kam ich trotz allem doch. Ich erinnere mich an ein besonderes Privileg, das mit unserer DJ-Mitgliedschaft verbunden war: Pimpfe durften kurze Hosen und Kniestrümpfe tragen. Selbst schlechte Witterung, Sturm und Kälte konnten daran nichts ändern. Zu Hause gab es deswegen immer einen harten Kampf mit der Mutter, die fürchtete, wir könnten uns erkälten. Sie konnte sich aber nie durchsetzen!