Jugend in West-Berlin - DER SPIEGEL
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Jugend in West-Berlin: Film voll im falschen Moment

Jugend in West-Berlin Schulausflug auf die Mauer

Das Bild ging in die Geschichtsbücher ein - und mit ihm Roland Pietsch: Der Schüler war einer der West-Berliner, die am 10. November 1989 die Mauer vor dem Brandenburger Tor erklommen. Heute ist er Geschichtsdozent in London und muss seinen Studenten erklären, warum er auf dem symbolträchtigen Foto so verzweifelt dreinschaut.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Sir, wir wussten gar nicht, dass Sie schon so alt sind!", erwiderten meine Studenten, nachdem ich ihnen im Oktober 2009 in meiner Veranstaltung zur Einführung in die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein Foto in einem Geschichtsbuch gezeigt hatte. Auf einmal waren die Studenten hellwach. Selbst diejenigen, die sonst nie etwas gesagt hatten, meldeten sich zu Wort und redeten mich noch dazu mit "Sir" an. Mir wurde schlagartig bewusst, dass der gesamte Hörsaal erst nach dem Mauerfall vor zwanzig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Und jetzt war er Thema meiner Vorlesung. Inzwischen sind die Bilder von damals zu Ikonen des 20. Jahrhunderts geworden. Jeder kennt sie, auch hier in England. Aber was meine Studenten in diesem Moment vor allem in Aufregung versetzt hatte, war der junge Mann auf dem Foto im Geschichtsbuch. Es zeigte die Menschenmassen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Auf den jungen Mann hatte ich mit den Worten gedeutet: "Der da, das bin ich."

Ich bin in West-Berlin aufgewachsen. Während meiner ganzen Jugend war ich von der Mauer eingeschlossen. Ich kannte nichts anderes. "Sir, haben Sie nie gegen die Mauer protestiert?" Nein, haben wir nicht. Denn die Mauer war für uns junge Leute selbstverständlich. Sie wurde nicht in Frage gestellt. Fremden gegenüber waren wir damals sogar etwas stolz. Die Mauer war eine Art bunte Narbe, die uns internationale Bedeutung verlieh. Zu Gesicht bekommen haben wir gebürtigen West-Berliner die Mauer kaum. Bei den Verwandten in Rudow, am Rande der Stadt, dort wo kinderreiche Familien in Gartensiedlungen lebten, diente die Mauer als Fußballtor. In meinem Alltag dagegen kam sie nicht vor. Was sich hinter ihr verbarg, interessierte mich wenig. Etliche meiner Klassenkameraden hatten noch nie einen Fuß in die DDR gesetzt, es sei denn, sie waren mal auf der Transitautobahn am Rastplatz pinkeln gewesen. Durch den Osten musste man einfach nur durch.

Ich selbst hatte ein etwas genaueres Bild von der DDR als viele meiner Altersgenossen. Meine Mutter hatte sich kurz vor dem Mauerbau nach West-Berlin abgesetzt und ihre Familie an der mecklenburgischen Küste zurückgelassen. Ein paar Mal im Jahr besuchten wir die Verwandten. In Ost-Berlin dagegen war ich nie gewesen. Für uns Jugendliche war West-Berlin groß genug. Ein Dorf, das sich einbildete, Weltstadt zu sein. Das Berliner Nachtleben war schon damals berühmt-berüchtigt. Wer aber als Teenager in die üblichen Indie-Diskos ging, der konnte sicher sein, stets die gleichen Gesichter zu sehen, wie in jeder Kleinstadtdisko auch. Auch unsere Eltern und Großeltern fanden sich mit dem Inseldasein einfach ab. Freunde meiner Eltern pilgern noch heute wie zu West-Berliner Zeiten zu den gleichen Ausflugszielen am Wannsee, so als wäre ihnen das Umland nie als alternatives Ausflugsziel in den Sinn gekommen.

"Im Rückblick ein Rätsel"

West-Deutschland brachten wir die gleiche Arroganz und Ignoranz wie der DDR entgegen. Mitschüler, die nach West-Deutschland zogen, waren für immer verloren, andere, die von dort nach West-Berlin kamen, wurden auf Jahre abfällig als Wessi bezeichnet. Bei Fußballturnieren in West-Deutschland waren immer alle gegen uns Berliner Großmäuler, einschließlich der Schiedsrichter und Platzwarte. West-Deutschland zu besuchen, hieß für mich verreisen. Bis heute ist mir der Gedanke fremd, für nur einen Tag in eine andere Stadt zu fahren und am selben Tag wieder zurückzukommen.

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Jugend in West-Berlin: Film voll im falschen Moment

1989 ließ unsere Gleichgültigkeit dem Osten gegenüber nach. In unserem Schulfach Politische Weltkunde unterrichtete der Lehrer trotz der täglichen Sonderberichterstattungen angesichts der dramatischen Ereignisse in Osteuropa weiter unbeirrt den Systemvergleich zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Dass letzterer vor unseren Augen dabei war, zusammenzubrechen, schien ihn wenig zu kümmern. Der 9. November 1989 schließlich war ein Donnerstag. Am Abend reagierte Günter Schabowski bei einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz etwas unsicher auf die Nachfrage zur Reisefreiheit für DDR-Bürger. Seine Antwort ließ den Schluss zu, dass sie ab sofort in den Westen reisen durften.

Meine nüchterne Reaktion von damals ist mir im Rückblick ein Rätsel. Wie viele andere auch war ich schlicht daran gewöhnt, dass das Fernsehen jeden Tag eine sensationelle Neuigkeit brachte. Historische Ereignisse waren Alltag geworden. Reisefreiheit für die Ossis klang zwar toll, aber im Sinne der DDR-Obrigkeit würde das, wie ich dachte, bestimmt lange Visa-Wartezeiten, strikte Ausreisekontrollen und Einschränkungen bei der Mitreise von Familienmitgliedern nach sich ziehen. Wer konnte denn ahnen, dass die Ossis noch am selben Abend die verblüfften Grenzer einfach überrennen würden, dass die Leute in ihrer Euphorie das Machtvakuum und die Kommunikationsmängel innerhalb der DDR-Führung so wundervoll ausnutzen würden?

Maueröffnung nur für die Ossis

Am nächsten Tag wurde die Geschichtsstunde von zwei Schülern aus der siebten Klasse gestört. Sie wollten meinem Freund und Schulsprecher die Idee unterbreiten, man solle den Direktor fragen, ob anlässlich des historischen Ereignisses die gesamte Schule zum Brandenburger Tor ziehen solle. Die Idee wurde überall begeistert aufgenommen. Warum? Weil es für die Mehrheit der Schüler nichts Verlockenderes gab als einen schulfreien Tag. Eingefunden hatte sich am Brandenburger Tor später nur ein Bruchteil der Schüler. Den Fotoapparat hatte ich noch schnell von zu Hause geholt und aus Sparsamkeitszwecken auf einen Ersatzfilm verzichtet. 36 Fotos vom Mauerfall und 144 Fotos von der Interrail-Reise im Sommer davor. Das spiegelt, in Zahlen ausgedrückt, die relative Bedeutung der historischen Ereignisse für einen Jugendlichen wider.

Am Brandenburger Tor und am Grenzübergang Invalidenstrasse herrschte am Freitagmorgen schon Volksfeststimmung. Entweder war man groß und sportlich genug, um aus eigenen Kräften den Aufstieg auf die Mauer vor dem Brandenburger Tor zu schaffen, half sich gegenseitig per Räuberleiter hinauf oder ließ sich hinaufziehen. Oben angekommen ließen wir die Beine in den Osten baumeln, wo die die Grenzer aufpassten, dass niemand auf das Tor zulief. Einem Grenzer wurde der Hut geklaut. Ansonsten war die Stimmung sehr diplomatisch. Ein Junge schwang eine Deutschlandfahne und wurde sofort von allen aufgefordert, damit aufzuhören. Das sah zu sehr nach Provokation aus. Erst mit den Menschenmassen, die am Abend und übers Wochenende kamen, wurde es so richtig schwarz, rot, gold.

Zunächst wurden nur lautstark freie Wahlen gefordert, nicht aber ein geeintes Deutschland. Der Grenzer zu meinen Füßen sagte, er wisse gar nicht, was wir wollten. Man habe doch bereits mehrere Parteien und demokratische Wahlen in der DDR. Daraufhin schmetterte ich ihm alles entgegen, was ich kurz zuvor im Unterricht über das Wahlsystem der DDR gelernt hatte und erntete dafür die Bewunderung des Mädchens neben mir. Trotzdem wurde es uns nach einer Weile langweilig am Brandenburger Tor. Wir wollten uns lieber in den Osten aufmachen. Am Übergang Invalidenstraße klärten uns die Grenzer freundlich darüber auf, dass die Mauer zwar geöffnet sei - aber nur in eine Richtung. Wir West-Berliner müssten nach wie vor ein Visum beantragen, wenn wir den Ostteil der Stadt besuchen wollten.

Festgehalten für die Ewigkeit

Also kehrten wir ans Brandenburger Tor zurück. Ein paar Leute waren mittlerweile von der Mauer in den Osten hinuntergesprungen. Da standen sie nun vor dem Tor, eingekesselt von Polizisten. Eine friedliche Grenzprovokation. Zwei meiner Freunde befanden sich unter ihnen. Völlig begeistert waren sie nicht etwa deshalb, weil sie sich an der historischen Dimension ihres Handelns berauschten, sondern weil sie unter der Nase und vor den Augen der Grenzer an dem Joint ziehen durften, den die Aufwiegler kreisen ließen. Was in dem Geschichtsbuch meiner Einführungsveranstaltung wie bierernste Geschichte aussieht, machte auf mich damals eher den Eindruck von Klamauk.

Auf dem Foto in dem Geschichtsbuch, das mich vor dem Brandenburger Tor zeigt, ist mein Blick auf meinen Fotoapparat gerichtet. Das Foto musste in dem Moment gemacht worden sein, als mein Film voll wurde. Die 36 Bilder waren verschossen und meine Blödheit und mein mangelndes historisches Gespür festgehalten für die Ewigkeit auf einem Foto, das in die Geschichtsbücher der Zukunft Eingang finden sollte.

Wenn mich die Studenten heute fragen, was der Mauerfall für mich als West-Berliner Jugendlicher bedeutet hat, kann ich nur ehrlich antworten, dass trotz des historischen Einschnitts das Leben weiterging. Dass die Matheklausur am folgenden Montag nicht ausfiel und die Freundin einen verließ, waren gewichtigere Ereignisse. So gewichtig wie viele andere Dinge, die mich mehr bewegten als der Mauerfall. Trotzdem: Wenn ich zum Abschluss der Vorlesung den Hörsaal verdunkle und Ausschnitte einer Fernsehdokumentation der BBC zeige, tut die Macht der Bilder und der Musik ihr Übriges. Ich denke an meine Familie und wie bewegend für meine Mutter der Mauerfall gewesen sein muss, und ich hoffe, dass in der Dunkelheit keiner der Studenten merkt, dass ich feuchte Augen bekommen habe.