Meine US-Kadettenausbildung: Brüllen, spitzeln, Schuhe wienern
US-Kadettendrill in den Fünfzigern Salutieren vor dem Wasserspender
Es war wohl der größte Moment in meinem bisherigen Leben, als ich im September 1956 die fliegerische Auswahlschulung bestanden hatte. Im Mai war ich in die gerade erst gegründete neue deutsche Luftwaffe eingetreten, um Pilot zu werden. Und nun flogen wir Offiziersanwärter zur Ausbildung bei der US-Luftwaffe nach Amerika. Unsere erste Station war die texanische Lackland Air Force Base bei San Antonio, wo wir an einem dreimonatigen Sprachkurs teilnahmen.
Die Vorfreude auf das Abenteuer bekam jedoch gleich einen gewaltigen Dämpfer: Da wir noch Offiziersanwärter waren, mussten wir uns ebenso wie unsere amerikanischen Mitschüler der US-Air-Force-Kadettenausbildung unterziehen. Sie diente offiziell dazu, uns im Sinne militärischer Tugenden umzuerziehen. Dazu gehörten "unverzüglicher Gehorsam, tadelloses Verhalten, grenzenlose Höflichkeit und uneingeschränkte Ehrenhaftigkeit". Für uns Aviation Cadets (A/C) galt der "Honor Code": "Wir werden nicht lügen, stehlen oder betrügen, noch irgendjemanden unter uns dulden, der dies tut." Jeder Kadett war danach verpflichtet, Regelverstöße Vorgesetzten zu melden, falls sich der "Sünder" nicht selbst anzeigte. Dieses "Whistleblowing" sollte offiziell dazu beitragen, eine von "Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein getragene Atmosphäre" unter den Kadetten zu schaffen. Ich frage mich, ob die Verantwortlichen tatsächlich selbst daran glaubten.
Während der kommenden 21 Monate hielt ich meine Erlebnisse in der Militärausbildung in 80 Briefen fest. Briefe, die ich erst 55 Jahre später wieder hervorholen würde - angestoßen durch den Abhörskandal der NSA und den Whistleblower Edward Snowden. Ich erinnerte mich, welch hohen Stellenwert Whistleblowing früher im Pflichtenkatalog der Kadetten hatte. Doch was uns damals als militärische Tugend anerzogen werden sollte, wird bei Snowden nun als Straftat verfolgt.
Mittagessen mit dem Winkelmesser
Regelverstöße während der Kadettenausbildung wurden mit Strafpunkten belegt, sogenannten "Gigs". Eine Liste schrieb vor, mit welcher Punktzahl etwa ein nicht vorschriftsmäßig gebautes Bett, ein unverschlossenes Spind, nicht hochglänzend geputzte Schuhe zu bestrafen waren. Hatte ein Kadett in einer Woche mehr als zehn Punkte gesammelt, musste er am Wochenende für jeden Strafpunkt über zehn eine "Tour" laufen, sprich: eine Stunde entlang eines vorgezeichneten, 30 mal 76 Meter großen Rechtecks marschieren. Bei Temperaturen über 45 Grad Celsius wurde dabei jeder Schritt zur Folter. Einmal wurde ein deutscher Kamerad zu 57 Stunden Tourenlaufen und sieben Wochen Ausgehverbot verknackt - er hatte gegen das Verbot verstoßen, in den ersten sechs Wochen Auto zu fahren.
Überall lauerte die Gefahr, "Gigs" verpasst zu bekommen. Vor unseren Unterkünften standen Pappkameraden in Offiziersuniform zum Üben des militärischen Grußes. Aus den Wasserspendern in den Unterkünften durften wir nur trinken, wenn wir den "Blechkameraden" in militärischer Haltung gebeten hatten: "Mister watercooler please give me water". Nach dem Trinken hatte man sich bei ihm entsprechend zu bedanken und abzumelden. Zivile Essgewohnheiten waren unerwünscht: Kadetten hatten die Speisen in Form des sogenannten "square meal" einzunehmen. Die Hand, die die Gabel oder den Löffel hielt, musste vom Teller senkrecht bis in Höhe der Unterlippe und von da an waagerecht zum Mund geführt werden. Immerhin konnten wir Deutschen uns gegen diesen Hokuspokus wehren.
Ende Dezember 1956 war der Sprachkurs abgeschlossen. Die erste Station der fliegerischen Ausbildung fand in North Carolina statt, wo wir in Holzbaracken untergebracht wurden, in denen es keine Innentüren gab. Selbst der Waschraum, in dem sich auch die Toiletten befanden, war zum Gang hin offen. Es gab keine Trennwände oder gar Kabinen zwischen den WCs, Duschen und Waschbecken. Nichts für empfindliche Gemüter.
Das Hobby der Vorgesetzten schienen Stubendurchgänge zu sein. Immer gab es etwas zu beanstanden. Das Bett musste auf den Inch genau von den Wänden abstehen. Die Wolldecke musste so stramm gespannt sein, dass eine Münze nach dem Fallenlassen mindestens zweimal hochsprang. Unsere Toilettenartikel hatten in der obersten Schublade der Kommode schnurgerade in Reih und Glied auf einem weißen Handtuch zu liegen. Zahnpasta, Zahnbürste und Rasierwasser durften jedoch nicht benutzt sein, weshalb wir einen zweiten, gebrauchsfähigen Satz in unseren Spinden versteckten - dem einzigen Ort, der vor den Kontrolleuren geschützt war. Wie die US-Geheimdienste heute waren auch unsere Vorgesetzten damals nicht zimperlich im Umgang mit Persönlichkeitsrechten. Der Zweck heiligte die Mittel.
Verfehlungen wurden lautstark gerügt. Mit grimmiger Miene, die vom tief in die Stirn gezogenen Mützenschild halb verdeckt war, baute sich der Zuchtmeister bedrohlich dicht vor dem Übeltäter auf. Die Nasenspitzen berührten sich fast. Dann schrie der Zuchtmeister den Delinquenten an, als spräche er zu einem Schwerhörigen. Der Abgekanzelte hatte zu erklären, dass es für sein Versagen keine Entschuldigung gibt. Wichtigster Bestandteil jeder Äußerung gegenüber einem Offizier war dabei die Anrede "Sir", sicherheitshalber vor und hinter dem Satz: "Sir, no excuse, Sir!" Körpersprachliche Entgleisungen dieser Art hatte ich bisher nur auf Fußballplätzen gesehen. Oder zwischen rivalisierenden Gockeln.
Nach Abschluss meiner fliegerischen Grundausbildung ging es im August 1957 zurück nach Texas, wo wir auf einem Militärflughafen nahe Houston die fortgeschrittene Pilotenausbildung auf dem Jet-Schulflugzeug T-33 durchliefen. Ende August war ich dann endlich erlöst: Ich wurde zum Leutnant befördert. Eine zehnmonatige, qualvolle Zeit der Erniedrigung durch sendungsbewusste, übereifrige Vorgesetzte ging zu Ende. Mir will bis heute nicht einleuchten, warum man bei der US-Luftwaffe Offiziersanwärter demütigen muss, damit aus ihnen später selbstbewusste und gesellschaftlich hoch angesehene Offiziere werden.
Mit der Erhebung in den Offiziersstand erlebten wir einen sozialen Aufstieg, mit dem umzugehen wir erst lernen mussten. In den US-Streitkräften schien der Mensch beim Offizier zu beginnen. Ab jetzt hatten uns alle im Dienstgrad niedrigeren Soldaten militärisch zu grüßen, mit "Sir" anzureden und mit höchstem Respekt zu behandeln.
Das hatte mein amerikanischer Stubengenosse John, ein hundertprozentig korrekter und strebsamer Kadett, in meinem Fall noch nicht auf dem Plan. Als ich gegen Mitternacht nach der Beförderungsfeier auf unsere Stube zurückkehrte, sprang John aus seiner Koje auf und empfing mich aufgeregt: "Mr. Willing, I have to report you for being late". Als Kadett hätte ich spätestens um 22 Uhr auf der Stube sein müssen. Deshalb fühlte er sich nach dem Honor Code verpflichtet, mich bei unserem Vorgesetzten anzuzeigen. Ich deutete nur auf den "Pickel" (Leutnantsstern) auf meiner linken Schulterklappe. John erstarrte vor Schreck. Er riss die barfüßigen Hacken zusammen, legte die Hand zum Gruß an die Stirn und konnte nur noch stammeln "Oh, Sir, excuse me, Sir. I am so sorry, Sir." John schlief in dieser Nacht sehr unruhig, denn Insubordination gegenüber einem Offizier wurde in den amerikanischen Streitkräften hart bestraft. Von einem pflichtbewussten Kadetten hätte man gemäß Honor Code allerdings erwarten müssen, dass er sich wegen seines Fehlverhaltens selbst anzeigt. Das tat John aber nicht.
Im März 1958 schulten wir zum Abschluss unserer Pilotenausbildung in den USA auf den einsitzigen Jagdbomber vom Typ F-84F um. Drei Monate später war es schließlich so weit: Wir flogen zurück nach Deutschland. Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass ich das fliegerische Handwerk nirgendwo besser hätte erlernen können als mithilfe der professionellen Ausbildung der US Air Force. Gute Erinnerungen verbinden mich auch mit den vielen freundlichen, hilfsbereiten und offenen Menschen, die ich in den USA kennenlernen durfte.
An den Methoden der Kadettenausbildung hat sich indes bis heute nichts Wesentliches geändert.
Erwin Willing:
Von einem, der auszog, das Fliegen zu lernen
Erlebnisse, Eindrücke und Erkenntnisse im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
neobooks Self-Publishing; 98 Seiten.