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Kalenderblatt: 10.7.1976: Der Horror von Seveso

Foto: FORNEZZA/ AP

Kalenderblatt: 10.7.1976 Der Horror von Seveso

Vögel fielen tot vom Himmel: Bei einem verheerenden Chemieunfall im norditalienischen Seveso entwich am 10. Juli 1976 Dioxin ins Freie - eine tödliche Giftgaswolke breitete sich in der Umgebung aus. Aber es gab weder Warnsysteme noch Alarmpläne.
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Der Inhalt der 41 Fässer: hochgiftig, 2,2 Tonnen Erde, durchsetzt mit rund 200 Gramm TCDD, im Volksmund Dioxin genannt, 1000 Mal giftiger als Zyankali. Würden 200 Gramm Dioxin in eine Wasserleitung eingeführt, so reichte dies, um Millionen von Menschen zu töten.

Die Fässer stammten aus dem norditalienischen Seveso. Dort war das Dioxin entwichen bei einem verheerenden Unfall in einer Chemiefabrik: Am 10. Juli 1976 entstand bei der Überhitzung eines Reaktors Dioxin, durch ein defektes Ventil gelangte es ins Freie. Es gab weder Warnsysteme noch Alarmpläne. Die Giftgaswolke breitete sich in der Umgebung aus.

Erst 27 Stunden nach dem Unfall informierten die Verantwortlichen den Bürgermeister und die Polizei. Dass es sich bei dem Gift um Dioxin handeln könnte, das wurde nicht erwähnt.

Katastrophales Ausmaß

Vögel stürzten vom Himmel und verendeten elend am Boden. Die ersten Kinder kamen mit Durchfall, Übelkeit und Hautjucken in die Kliniken. Erst neun Tage später fiel erstmals das Wort Dioxin. Das Gebiet rund um die Fabrik wurde abgesperrt, in der Umgebung waren insgesamt knapp 30.000 Menschen betroffen von der Giftgaswolke. 1800 Hektar Land waren verseucht, 75.000 Tiere starben oder mussten getötet werden.

Das Erdreich des verseuchten Gebietes wurde abgetragen und in zwei Wannen - so groß sind wie ein Fußballstadion - einbetoniert. Nur das Allergiftigste, nämlich der Inhalt des Reaktionsgefäßes, der wurde in 41 Fässer gepackt. Die galt es nun zu entsorgen.

Auf einem gewöhnlichen Lastwagen passierten die Fässer im September 1982 die italienisch-französische Grenze, beschriftet mit dem den Zollbeamten scheinbar unbekannten Chemiekürzel TCDD. Kein Wort von Dioxin und auch der Herkunftsort Seveso standen nicht in den Papieren. Wenig später wurde die Fracht zum letzten Mal gesehen, in St. Quentin, nördlich von Paris - dann verschwandt der Giftmüll spurlos.

Verschwundene Fässer

Verantwortlich für den Transport war der Schweizer Chemiekonzern Hoffmann-La Roche, denn das Gift stammte aus einer seiner Firmen. Doch die Schweizer beauftragten Mannesmann Italia mit der Entsorgung des brisanten Stoffes. Mannesmann stellte zwar umgerechnet 90.000 Euro in Rechnung, gab den Auftrag aber an zwei andere Firmen weiter. Die hießen Vadir und Spelidec, waren nicht im Handelsregister eingetragen und bestanden jeweils aus einem Briefkasten und aus einem Mitarbeiter.


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Als die Fässer verschwunden waren, fühlte sich keiner mehr verantwortlich. Hoffmann-La Roche verwies auf Mannesmann, Mannesmann verwies auf Spelidec. Angeblich nur der Besitzer des beauftragten Transportunternehmens Spelidec, ein gewisser Bernard Paringaud, wusste, wo der Giftmüll war.

Er stellte Hoffmann-La Roche eine notariell beglaubigte Erklärung aus, demnach war der Müll ordnungsgemäß endgelagert. Wo das Gift war, dazu allerdings schwieg Paringaud. Schließlich wurde er verhaftet, doch auch die Beugehaft brachte ihn nicht zum Reden. Auch Hoffmann-La Roche und Mannesmann gaben sich verdächtig schweigsam.

Fieberhafte Suche

In halb Europa suchte man acht Monate lang fieberhaft nach den Fässern. Mal sollten sie auf einer Müllkippe in der damaligen DDR sein, mal in einer Deponie in Münchenhagen in Niedersachsen. Die wurde geschlossen und durchsucht - ergebnislos.

War das Gift auf einem deutschen Spezialschiff verbrannt oder gar ins Meer geschüttet worden? Privatdetektive ermittelten, der BND suchte, Hellseher und Wahrsager boten ihre Hilfe an. Gleichzeitig stieg der Druck auf Hoffmann-La Roche, viele Ärzte verschrieben keine Produkte der Schweizer Firma mehr.

Gefunden wurden die Fässer nur, weil Bernard Paringaud von der Transportfirma Spelidec im Mai 1983 endlich auspackte. Er hatte die Fässer in einem 300-Seelen-Dorf in Nordfrankreich abgestellt. In einem alten Schuppen standen sie, nur 60 Meter entfernt von einer Schule.

Furchtbare Folgen

Der Giftmüll wurde 1985, also neun Jahre nach der Katastrophe, in Basel verbrannt. Zu diesem Zeitpunkt lagen auch Erkenntnisse über die Folgen des Unfalls für die Menschen in Seveso vor: Die Zahl der Herz- und Kreislauftoten war drastisch gestiegen, die Zahl der Leukämie-Todesfälle hatte sich verdoppelt, die der Gehirntumore verdreifacht. Fälle von Leber- und Gallenkrebs wurden zehnmal öfter erfasst als sonst, und auch die Zahl der tödlich verlaufenden Hautkrankheiten stieg um ein Vielfaches.

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