Karrieren: Flammender Flaneur
Karrieren Flammender Flaneur
"Wo soll das stehen? Das steht da nicht drin! Zeigen Sie mal her!" Oskar Lafontaines Kopf ist auf einmal rot geworden. "Ist das überhaupt das Wahlprogramm?" Er schlägt die markierte Seite zu und schaut ungläubig auf das Deckblatt. Da steht: "Arbeit, Innovation und Gerechtigkeit - SPD-Programm für die Bundestagswahl 1998". Sein Programm. Und auf Seite 27 steht, dass die SPD den Spitzensteuersatz senken möchte. "Das müssen die mir da hinterher reingeschrieben haben, das haben die ja dauernd so gemacht", sagt Lafontaine. "Fragen Sie mal den Schwarzer."
Dazu ist eine kleine Reise vonnöten. London, Exchange Square, Bankenviertel direkt an der Liverpool Station, von wo die Zugansagen in feinstem Miss-Marple-Englisch herüberschallen. Hier arbeitet Joachim Schwarzer seit fast drei Jahren als deutscher Exekutivdirektor in der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Es ist sein neues Leben.
Der Besuch gilt seinem früheren. Wo die Eulenbrille von Joachim Schwarzer einst auftauchte, war Oskar Lafontaine nicht weit. Schwarzer war dessen Statthalter in der Landesvertretung in Bonn, er leitete sein Büro in der Parteizentrale, und er folgte Lafontaine nach dem Wahlsieg 1998 als Haushaltsdirektor ins Bundesfinanzministerium. Der stets ruhige, freundliche und immer etwas distanziert bleibende Mann war Lafontaines Stratege, Sachbearbeiter und Majordomus, alles in einer Person. Schwarzer wusste, was Lafontaine dachte, und Lafontaine dachte, was Schwarzer wusste. "Die Reden, die er mir aufschreibt, die kann ich halten, ohne sie vorher gelesen zu haben", hat Lafontaine damals manchmal gesagt.
Und heute? Was will Lafontaine jetzt, wo will er hin, was ist sein strategisches Ziel?
"Ja ...", sagt Schwarzer sinnend, "... was will er eigentlich?"
Im Leben des Oskar Lafontaine schließt sich in diesen Tagen ein Kreis. Am 11. März ist es zehn Jahre her, dass Oskar Lafontaine in einem Anfall von Wut seinen Posten als Finanzminister und den Vorsitz der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands niederlegte, Gerhard Schröder sein Kündigungsschreiben ins Kanzleramt faxte und sich in Bonn ins Auto setzte, um nach Hause ins Saarland zu fahren. Der Tag hat sich als Trauma ins kollektive Gedächtnis der Partei eingenistet. An der Oberfläche war es das Ende eines Machtkampfs zwischen zwei außerordentlichen Männern, die einen Pakt geschlossen hatten, der an diesem 11. März zerbrach und der Gerhard Schröder als alleinigen Sieger in Bonn zurückließ.
Vor zehn Jahren endete damit die politische Karriere des Oskar Lafontaine, der in seinem Leben mehrmals vielleicht hätte Kanzler werden können. Und in diesem Sommer könnte es sein, dass Lafontaine auf den Posten als saarländischer Ministerpräsident zurückkehrt, von dem aus er seinen Angriff aufs Kanzleramt begonnen hatte. Erst hat er sich ins Private zurückgezogen, Bücher geschrieben und Kolumnen in der "Bild"-Zeitung, ein Haus gebaut und sich eingeredet, dass er glücklich sei. Aber das war wie ein Methadon-Programm. Kein Vergleich zu echtem Stoff. Er musste wieder ran und brauchte ein Vehikel - obwohl er anderes behauptet hatte.
"Haben Sie mal daran gedacht, die SPD zu verlassen?", hat ihn in dieser Phase der "Stern" gefragt.
"Nie", erwiderte Lafontaine.
"Es gibt Genossen, die sehen Sie bald bei der PDS."
"Jetzt werden Sie albern!"
Keine sechs Jahre später wurde Lafontaine selbst albern und zimmerte sich mit der Linken eine neue Plattform. Jahrelang hat er gemahnt, gewarnt, geteufelt, jetzt ist es mit der Weltfinanzkrise so gekommen, wie er immer gesagt hat. Die Linke wirkt, heißt ihr Slogan, und ist der so falsch? Erst kam Lafontaine und zog das Land nach links, dann kam die Krise und zog das Land hinterher.
Es könnte Zahltag sein für Lafontaine, aber die Krise zahlt bei ihm nicht ein. Die Leute laufen zu Westerwelle und nicht zu Lafontaine.
Die Walderfingia-Halle in Wallerfangen ist eines dieser Gebäude aus den Siebzigern, die man Zweckbauten nennt, um sie in ihrem Waschbeton-Charme nicht beschreiben zu müssen. Als Lafontaine am Pult steht, ohne Jackett, nur im Hemd, da sagt er: "Ich möchte natürlich den nächsten Aschermittwoch als Ministerpräsident mit euch begehen!" Natürlich? Tatsächlich könnte es so ein, dass Lafontaine ein Opfer seines Erfolgs wird. Ursprünglich war die Kandidatur nur geplant, um das Ergebnis für die Linke hochzuziehen, ein paar Bonuspunkte einzuspielen. Aber jetzt wird es ernst. Lafontaine empfindet keine große Leidenschaft bei dieser Aussicht.
Wieder das machen, was er schon vor einem Vierteljahrhundert gemacht hat, 13 Jahre lang Ministerpräsident des Saarlands, besserer Bürgermeister von einer Million Menschen? Es sieht aus wie ein Trostpreis, der da bereitsteht, und der Auftritt von Lafontaine in der Walderfingia-Halle hat etwas von einem Revival-Konzert von Deep Purple: Natürlich gehen alle mit beim Riff von "Smoke on the Water", und natürlich klatschen sie sich auf die Schenkel, wenn er Ministerpräsident Peter Müller, den er "Pittche" nennt, nachäfft. Aber wie früher ist es nicht mehr.
In der Geräteecke, in der sonst die Turnmatten und Böcke verstaut sind, hat sich ein Grüppchen Arbeiter um einen fröhlichen Saar-Türken geschart. Sie lassen sich Bierchen kommen und haben viel Spaß. Einmal wird die Stimmung etwas gedämpfter, als die Rede auf einen offenbar ernsthaft erkrankten Kollegen kommt. "Deshalb musst du machen wie Oskar!", sagt der fröhliche Wortführer, "Lebben genießen!"
Leben genießen, ganz aussteigen, einen alten Bauernhof kaufen. Das war immer schon der Gegenentwurf zu Lafontaines realem Leben. Jetzt hat er sich in einem Dasein irgendwo dazwischen eingerichtet. Er macht die Auftritte, auf die er Lust hat, und die anderen lässt er weg.
Lafontaine lebt ein Leben als Flaneur, der manchmal entflammt. Er genießt Kommentare in Zeitungen, wenn diejenigen zu Kreuze kriechen, die ihn einst verteufelt haben. Aber er genießt still. Öffentlich hält er sich zurück. Mal kommt er, mal bleibt er weg. Der Kalender eines Wahlkämpfers, der alles will, sieht anders aus in einem Jahr, das sich Superwahljahr nennt. Er pflegt seine Steckenpferde, zieht mit seinem Freund Peter Gauweiler vors Verfassungsgericht gegen den Lissabon-Vertrag, geht vor die Werkstore in Bochum. Und genießt, dass es noch geht. Er könne nach wie vor Säle in seinen Bann ziehen, hat er unlängst jemandem, den er gut kennt, stolz gesagt. "Es geht immer noch."
In Lichtenberg ist Berlin noch Ost-Berlin. Im Foyer der Max-Taut-Schule steht ein Verkaufstisch. Es gibt CDs wie "Ostrock Klassik" und "Jubellikör"-Fläschchen mit DDR-Fahne: "1949-2009 beinahe 60 Jahre DDR". "Wie werde ich Kommunist?", fragt ein Buchtitel. Viele Männer tragen längsgestreifte Pullover in gedeckten Farben und darunter Hemden, deren oberster Knopf geschlossen ist.
Es ist ein bisschen wie in "Good Bye, Lenin!". Lafontaine kommt, etwas verspätet, mit diesem langsamen Wackelgang, der ein wenig an einen Bären erinnert.
Reden von Lafontaine funktionieren wie Symphonien. Ruhig fangen sie an, bauen sich auf, entladen sich hier und da und münden in einem furiosen Finale. Die Mitarbeitergesellschaft sei "das Unternehmen der Zukunft". Die Wirtschaftsordnung sei "grundgesetzwidrig, weil sie auf der Enteignung der Arbeitnehmer beruht", die CSU sei "verfassungsfeindlich, weil sie die Paragrafen der Bayerischen Verfassung nicht umsetzt". Es bleibt unklar, was er meint.
Einen Moment der Satisfaktion gönnt er sich. "Als ich sagte, man muss die Finanzmärkte regulieren, da nannte mich die englische 'Bild' den gefährlichsten Mann Europas. Das war ein Kesseltreiben! Mittlerweile ist die Linke Vorhut!"
Die Rede schwillt an wie seine Halsschlagader. Und dann geht es in Sphären des Irrealen. "Die Agenda 2010 und Hartz IV sind mitverantwortlich für die weltweite Finanzkrise", wettert Lafontaine und behauptet, die Regierung plane, die Renten zu kürzen. Es sind die Versatzstücke, aus denen sich die Reden in Wallerfangen und anderswo in den kommenden Wochen zusammensetzen werden. Er wird den polemischen Scharfmacher geben.
Joachim Schwarzer in London dagegen sagt: "Ich komme ja immer von der Sache her." Dann greift er nach dem Wahlprogramm von 1998 und sagt, darin sei schon alles angelegt gewesen, die Agenda, die Rente mit 67, die Senkung der Sozialabgaben, die Senkung des Spitzensteuersatzes, den Lafontaine jetzt wieder erhöhen möchte, Flexibilität in den Tarifverträgen, strenge Haushaltsdisziplin. Arbeit statt Sozialhilfe. "Wir dürfen nicht länger auf Kosten der kommenden Generationen leben. Deshalb müssen wir heute auch bereit sein, unsere Ansprüche an den Staat zurückzunehmen. Nicht alles, was wünschbar wäre, ist auch finanzierbar."
Schwarzer ist mit dem Finger über die Zeilen gefahren. Jetzt lehnt er sich zurück. "Also, da steht doch alles drin. Hat er alles unterschrieben", sagt er, alles, was er heute verteufelt. Im Übrigen hat Lafontaine beim Parteitag in Bonn nach der Wahl gesagt, es gebe "Korrekturbedarf" bei der Arbeitslosenversicherung, bei der man nach dem Sozialstaatsprinzip vorgehen müsse. "Wir wollen, dass der Sozialstaat seine Leistungen auf die wirklich Bedürftigen konzentriert." Das ist der Geist von Hartz IV.
Schwarzer ist ganz ruhig, er ist ja an der Sache orientiert. "Seine Kritik heute geht an der Sache vorbei. Er hat diese Politik mit beschlossen und eingeleitet. Er hatte das genauso abgenickt wie Schröder. Er hat das voll und ganz mitgetragen."
An jenen 10. März, den Tag vor Lafontaines Flucht, hat Schwarzer eine sehr genaue Erinnerung. Als Haushaltsdirektor eröffnete er Lafontaine, wie es um die Defizite im Bundeshaushalt wirklich steht. "Ihm wurde klar, dass das unangenehm werden würde. Das hätte er ja machen müssen - auch an den Sozialetat rangehen. Das wäre an die Grenzen dessen gegangen, was er vertreten wollte."
Und jetzt? "Ja, was will er noch? Ich weiß es auch nicht. Ich bin ratlos."
Von London nach Saarbrücken. Einen "blöden Blackout" hat Reinhard Klimmt in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" Lafontaines Flucht vor zehn Jahren genannt und sein heutiges Tun ein "Nachblubbern" ohne echtes Ziel. Klimmt war bei Lafontaine in jener Nacht vom 11. auf den 12. März 1999. Über diesen Abend, der sehr lang wurde, sagt er nichts. Nur so viel: Es sei wohl ein physischer und psychischer Erschöpfungszustand gewesen, der Lafontaine zu einer Kurzschlussreaktion verleitet habe.
Ein "doppelwandiges System" seien sie zusammen gewesen, und das war der Plan: Lafontaine als Parteivorsitzender fest im Sattel und der saarländische Ministerpräsident Klimmt als SPD-Führer im Bundesrat. "Wir hätten den Schröder in die Zange genommen."
Was Lafontaine heute antreibe? Er müsse eben sein Leben leben. Zu Hause sitzen, spazieren gehen und mal was schreiben, das fülle nicht aus. Rache sei jedenfalls nicht mehr das Motiv, die Phase sei vorbei. "Er macht es mit links", sagt Klimmt, der sich bis heute als Freund Lafontaines sieht, und freut sich an dem Wortspiel. "Ja, das können Sie schreiben: Er macht es mit links."
Ist er denn kein Linker? Klimmt lacht. Lafontaine habe es immer verstanden, den richtigen Aufwindkanal zu erwischen. "Wenn er an etwas glaubt, dann am ehesten an sich selbst."
Es ist ein sehr entspannter Oskar Lafontaine, den man in seinem Berliner Abgeordnetenbüro treffen kann. Der Papst steht in einem kitschig gerahmten Bild hinter ihm auf einem Sideboard. Das habe ihm jemand geschenkt, und da habe er es hingestellt, sagt er glucksend.
Erstaunlich frisch und jungenhaft wirkt Lafontaine für seine 65 Jahre, er sieht nicht älter aus als auf den Bildern vor zehn Jahren. Er freut sich, wenn man ihm das sagt. Es ging ihm nicht gut damals. Ja, er laufe viel, fünf Kilometer, mehrmals die Woche, manchmal zehn Kilometer. "Müssen Sie auch machen! Wie alt sind Sie?"
Über die Ereignisse von damals redet er abgeklärt, nicht aufgewühlt, so, als sei das verarbeitet. Er habe gemerkt bei seinen Diskussionen damals, zum Beispiel mit seinem Kollegen Gordon Brown, heute britischer Premierminister, dass die Gesprächspartner immer signalisiert hätten, der Kanzler wolle doch aber etwas ganz anderes.
Und dann sagt er, die Aktienkurse seien um sieben Prozent gestiegen am Tag seines Rücktritts, und die Börsianer hätten Champagner getrunken. "Die haben mich jedenfalls ernst genommen."
Was ist sein strategisches Ziel? Es sei falsch, wenn Leute vermuten würden, er strebe an, Hugo Haase nachzueifern. Hugo Haase spaltete seinerzeit die USPD von der SPD ab und betrieb später wieder die Fusion, die er nur nicht mehr miterlebte, weil er vorher einem Attentat zum Opfer fiel.
"Die deutsche Politik nach links zu korrigieren. Das ist das Motiv", sagt er.
Die Sätze aus dem Wahlprogramm bescheren ihm einen roten Kopf. Die aus der Parteitagsrede auch. Er greift nach den Papieren. Dass der Sozialstaat seine Leistungen auf die wirklich Bedürftigen konzentrieren müsse, das sei ein nicht durchdachter Satz und "so als Satz nicht akzeptabel". Er beruft sich darauf, frei gesprochen zu haben. Das Wahlprogramm, wie gesagt, das hätten "die" hinter seinem Rücken umgeschrieben.
Und heute? Wieder Ministerpräsident im Saarland? Dazu wird es wohl nicht kommen. Die SPD wählt ihn nicht. Wenn die SPD dabei bleibe, ihn nicht zu wählen, werde die Linke auch nicht deren Kandidaten Heiko Maas zum Ministerpräsidenten wählen. "Wir spielen zu gleichen Regeln", sagt Lafontaine. Das Ende vom Lied wäre eine Große Koalition, aber kein Ministerpräsident Lafontaine, und für ihn bliebe alles, wie es ist.
Vor zehn Jahren fragte sich der kluge, inzwischen verstorbene SPD-Denker Peter Glotz, ob "der Oskar" spurlos verschwinde oder irgendwo wieder auftauche. "Für eine gänzlich neue Karriere ist er zu alt", meinte Glotz. Und "für die Rolle des Zausels hinterm Berg ist er zu jung".
Irgendetwas dazwischen ist es geworden.