Hausmitteilung Kein Titel
Mohr, Klußmann, Pyta in Stuttgart
Foto: RAINER KWIOTEK / ZEITENSPIEGEL»Das alte Morsche ist zusammengebrochen«, rief der SPD-Politiker Philipp Scheidemann am frühen Nachmittag des 9. November 1918 vom Balkon des Berliner Reichstags den aufgewühlten Massen zu. »Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik!« Ein österreichischer Journalist stenografierte die Worte mit, die Geschichte schreiben sollten. Zwar stellte sich später heraus, dass der Kaiser formal da noch gar nicht abgedankt hatte, aber das änderte nichts mehr, die neue Ära hatte begonnen.
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wurden die Deutschen demokratisch regiert, Frauen bekamen das Wahlrecht, Arbeiter den Acht-Stunden-Tag. Doch es folgten dramatische, blutige Zeiten mit bewaffneten Aufständen, politischen Morden, Inflation und Massenelend, bis sich nach den Krisenjahren ab 1924 der Rausch der Goldenen Zwanziger Bahn brach. Es war eine Epoche atemberaubenden wirtschaftlichen und technischen Fortschritts und kultureller Blüte. Aber das deutsche Wunder währte nur 14 Jahre, bis es im Faschismus endete. Über die Ursachen des Scheiterns sprachen die SPIEGEL-Redakteure Uwe Klußmann und Joachim Mohr, die diese Ausgabe konzipiert haben, mit dem Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta (zum Artikel ). Einen wesentlichen Grund für das Ende der Republik sieht Pyta weniger in der materiellen Not der Weltwirtschaftskrise, sondern darin, »dass die Wähler den erklärten Feinden der Demokratie Schlüsselstellungen eingeräumt hatten«.
Dieses Heft zeichnet den Weg von Weimar nach, beschreibt die Erfolge, die Krisen und Niederlagen. Klußmanns Vater, Jahrgang 1922, hatte die letzten Jahre der Republik als Kind erlebt. Nach dem Börsenkrach 1929 musste die Unternehmerfamilie in ein kleines Arbeiterhäuschen umziehen, auf den Straßen geriet der Zehnjährige in Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten; er trat 1932 der Hitlerjugend bei. »Viele Deutsche erlebten die Weimarer Republik am Ende als Staat, der ihnen keinen Schutz mehr bot«, so Klußmann. Seinen Kollegen Mohr hatte schon im Studium der Zeitgeschichte die Frage umgetrieben, warum ein großer Teil der Deutschen trotz der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und des Versagens des Kaiserreichs die Republik schließlich ablehnte.
Philipp Blom
Foto: SMEETS/HOLLANDSE HOOGTE/LAIF?Wie traumatisiert die Gesellschaft aus dem verheerenden Krieg in die neue Zeit startete, analysiert der Schriftsteller Philipp Blom in seinem Essay über die »Träume und Albträume« der Weimarer Republik (zum Artikel ). Er beschreibt die Sehnsucht nach dem neuen Menschen. Die Frauen trugen Hosen und Bubikopf, der aus Amerika importierte Jazz »lieferte einen ausgelassenen Soundtrack für die Abkehr von einer schlechten alten Zeit«, schreibt Blom. Der in Wien lebende Autor, der sich zuvor mit dem Europa vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigt hat, nimmt sich in seinem jüngsten Buch »Die zerrissenen Jahre« (Verlag Hanser) die Zeit von 1918 bis 1938 vor.
Ein Schwerpunkt dieses Heftes ist neben der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung die enorme künstlerische Kreativität der Weimarer Republik, die mit Monumentalwerken wie »Metropolis« von Fritz Lang bis heute als beste Zeit des deutschen Films gilt. Auch Architektur und Design des Bauhauses waren epochemachend, in der Literatur entdeckten Schriftsteller wie Alfred Döblin und Hans Fallada den kleinen Mann als Helden.
Vielleicht lässt sich die Tragik dieser Zeit zwischen Glanz und Versagen schon an ihrem ersten Präsidenten Friedrich Ebert ablesen (zum Artikel ). Er war kein Adliger, kein Militär und kein Intellektueller, sondern ein einfacher Sattlergeselle, der sich hochgearbeitet und sich für die Demokratie entschieden hatte. Dass er ein wirklicher Staatsmann war, will ihm so mancher Historiker bis heute nicht zugestehen.