Ketzer – damals und heute - DER SPIEGEL
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Flammentod: Lange verteidigten Anhänger der Katharer-Bewegung die Bergfestung Montségur. Nach der Kapitulation 1244 verbrannten katholische Truppen viele von ihnen als Ketzer (Illustration von 1893)

Flammentod: Lange verteidigten Anhänger der Katharer-Bewegung die Bergfestung Montségur. Nach der Kapitulation 1244 verbrannten katholische Truppen viele von ihnen als Ketzer (Illustration von 1893)

Foto:

Look and Learn / Bridgeman Art Library

Hausmitteilung Ketzer – damals und heute

• aus SPIEGEL Geschichte 3/2023

Wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten wirkt heute der Begriff »Ketzer«. Man denkt wohl an Mittelalter, an Folter und Scheiterhaufen im Auftrag der katholischen Kirche. Mit der Reformation oder spätestens mit der Aufklärung endete der Spuk – so die gängige Annahme.

Schaut man genauer, ist die Sachlage komplizierter. Das erste Todesurteil wegen Ketzerei wurde früh vollstreckt: Schon 385 n. Chr. ließ ein römischer Kaiser in Trier einem Laienprediger den Kopf abschlagen . Und die Verfolgung der Abweichler überdauerte das Mittelalter: Noch 1747 erwürgte man den Schweizer Bauern Jakob Schmidlin als Ketzer. Autor Oliver Das Gupta hat sich in Luzern die Akten des Falls angesehen .

Auch waren es nicht allein Katholiken, die Ketzer verfolgten. Reformator Martin Luther empfahl die Todes­strafe für Wiedertäufer. Im Genf des Johannes Calvin richtete man 1553 einen humanistischen Gelehrten hin .

Das soll die Päpste jedoch nicht entlasten. Die Frei­briefe für fanatische Inquisitoren wie Konrad von Marburg  und die Kreuzzüge gegen Katharer  im heutigen Südfrankreich zählen zweifellos zu den finstersten Kapiteln der Kirchengeschichte.

Kein Wunder, dass in Italien Hunderttausende die Kirchensteuer lieber an die Waldenser zahlen. Die Glaubensgemeinschaft hat Jahrhunderte der Verfolgung überstanden, und viele von ihnen schlossen sich dem Partisanenkrieg gegen Hitler an. Italienkorrespondent Frank Hornig hat im Piemont zwei Überlebende getroffen . Andersgläubige waren in der Geschichte nicht nur Opfer, sondern oft eine treibende Kraft.

Vielleicht auch deshalb erfährt der Begriff des Ketzers derzeit eine überraschende Renaissance. Konservative Schriftsteller wie libertäre Unternehmer setzen sich so als Rebellen gegen eine vermeintliche linksliberale Meinungsdiktatur in Szene. Was es damit auf sich hat, ergründet der Publizist Wolfgang Ullrich in seinem Essay .

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mpz
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