Die Kinder vom Kamper See: Ein Wrack als Grab
Kinder vom Kamper See Das Grab im Wasser
Wie Sterne funkeln die kleinen Wellen auf dem Kamper See im abendlichen Sonnenlicht. Im Hintergrund rauschen die großen Wellen der Ostsee an den schmalen Küstenstreifen, der den See vom Meer trennt. Die Idylle hier im äußersten Norden Hinterpommerns könnte schöner nicht sein. Und dennoch stehe ich traurig und bewegt am Seeufer.
Mitten in dem Gewässer liegt ein Flugzeug am Grund - rund 950 Meter von meinem Standort aus. Dort ist es etwa 1,50 Meter tief, die Maschine liegt zusätzlich unter drei Metern Schlamm begraben. Im Innern des Flugboots vom Typ "Dornier 24" liegen die Leichen von 76 Kindern und vier Besatzungsmitgliedern, deren Bergung bis heute nicht erfolgt ist.
Ich hätte nicht hierher kommen müssen. Doch der Respekt nötigte mir die Reise ab. Seit Jahren geht mir dieses Flugzeug durch den Kopf, sein Absturz mit den Kindern, ihr Grab unter Wasser.
Mit dem Heck voran in den See
Im November 1944 wurde die nahegelegene deutsche Stadt Kolberg zur Festung erklärt, erbitterte Kämpfe führten Anfang März 1945 zu einem gewaltigen Flüchtlingsstrom Richtung Westen, hierher, an den See. Unter den Flüchtlingen waren Tausende Kinder, die sich im Rahmen der Kinderlandverschickung in der Gegend aufgehalten hatten.
Bereits Mitte der Dreißigerjahre hatten die Nationalsozialisten am Kamper See eine Militärbasis für Wasserflugzeuge zur Seenotrettung eingerichtet, weshalb im März 1945 einige Maschinen auf Anweisungen warteten - die nicht mehr erfolgten. Stattdessen kamen, bei Temperaturen um minus 19 Grad, die Flüchtlinge mit den Kindern auf der Suche nach Hilfe.
Ein Hauptmann namens Karl Born war von dem Anblick so erschüttert, das er spontan eine Luftbrücke ins Leben rief, der möglicherweise über 10.000 Menschen ihr Leben zu verdanken haben. Im Halbstundentakt flogen die Piloten die Flüchtlinge in völlig überfüllten Maschinen Richtung Rügen und Schleswig-Holstein aus. Doch eine Maschine, die am 5. März 1945 abhob, hat es nicht geschafft.
In 80 Metern heulte sie plötzlich auf, stellte sich senkrecht und stürzte mit dem Heck voran in den See. An eine Bergung war in der Hektik der Flucht nicht zu denken. Nur eine der Betreuerinnen wurde aus dem Wrack gespült und überlebte das Drama. Warum die Maschine abgestürzt ist? Darüber rätseln die Spezialisten bis heute. Eigentlich waren die Flugzeuge nur für 16 Besatzungsmitglieder gedacht. Die hoffnungslose Überfüllung könnte den Absturz verursacht haben.
Angst vor der Sowjetunion?
In einem Hangar unweit des Sees befinden sich ein kleines Militärmuseum sowie die "Stiftung für Militärkunde Fort Rogowo ". Ich treffe ihren Gründer und Vorsitzenden, Miroslaw Huryn, der sicher ist, dass das Flugzeug damals von sowjetischen Panzern abgeschossen wurde. Zum Beweis zeigt er mir vom Wrack geborgene Blechteile, die tatsächlich von Granatsplittern durchlöchert sind. Überfüllung oder Gewichtsverschiebung hält er als Ursache für ausgeschlossen. Die Flugzeuge waren im Inneren mit Trennwänden ausgestattet, die jede Verschiebung der eingezwängten Kinder unmöglich gemacht hätten.
Später gab es auch Aussagen von Zeugen, die damals sowjetische Panzer auf den umliegenden Feldern gesichtet haben wollen. Doch der Nachweis eines Abschusses könnte möglicherweise erst mit der Bergung des Wracks geliefert werden. Das Erschießen von Zivilisten war nach Kriegsrecht jedenfalls verboten - und wäre zudem ein Verbrechen, das nicht verjährt. Die Frage, ob dann noch Ermittlungen angestellt werden könnten und müssten, stünde im Raum.
Seit Jahren setzt sich Huryn, der selbst eine Pilotenausbildung abgeschlossen hat, dafür ein, das Wrack mit den Leichen aus dem See zu bergen. Bei einer Maschine mit knapp sechs Metern Höhe und 28 Metern Spannweite kein leichtes Unterfangen. Aber nicht unmöglich. Huryn erzählt mir, dass bereits 1987 sowjetische und polnische Pfadfinder zu dem Wrack vorgedrungen sind und jene Teile bargen, die er später aus Warschau zurückgeschickt bekam und die er mir heute gezeigt hat.
Darüber geredet hat damals niemand, zu groß war die Angst vor der möglichen Anschuldigung gegenüber der Sowjetunion, dass ihre Soldaten damals auf Zivilisten geschossen hätten. Später führte Huryn selbst Tauchexpeditionen durch, doch die Bedingungen wurden aufgrund der Verschlammung immer schwieriger. Mittlerweile sieht man unter Wasser nur noch sehr wenig, eine Bergung würde sich trotz der geringen Tiefe extrem schwierig gestalten. Die möglichen Kosten für die Bergung sowie die anschließende Konservierung des Wracks schätzt Huryn auf ungefähr 200.000 Euro.
Ein ordentliches Grab
Doch die Hoffnung bleibt. In den letzten Jahren gab es verschiedene Versuche, durch Spendensammlungen und politische Verhandlungen das Flugzeug zu bergen. Bislang noch ohne Erfolg. Doch die Planungen laufen weiter. Jetzt hofft man, mit einem neuen Spendenaufruf bald einen weiteren Anlauf für die Bergung starten zu können. Die wenigen bekannten Familienangehörigen der Kinder sind bereits in hohem Alter und haben kaum oder gar keine Erinnerung an ihre toten Geschwister.
Für Miroslaw Huryn wäre die Bergung des Flugzeugwracks die Erfüllung eines Traumes. Seit mehr als zehn Jahren engagiert er sich für die Vermittlung der Regionalgeschichte. Die Hebung des Wracks im Kamper See stand dabei von Anfang an im Zentrum seiner Bemühungen, die Vergangenheit aufzuarbeiten.
Bis zur Bergung bleibt der "Jezioro Resko Przymorskie", wie der See heute heißt, ein Naherholungsgebiet für jene, die seine Geschichte nicht kennen oder sie ignorieren.
Wer für das Projekt spenden möchte, findet hier die nötigen Angaben .
Matthias Kneip (*1969) arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt sowie als freier Schriftsteller, Publizist und Polenreferent. Für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung erhielt er 2012 das Kavalierskreuz der Republik Polen vom polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski. Kneip lebt in Regensburg und Darmstadt. Zuletzt erschien sein Sammelband "Polen. Literarische Reisebilder" sowie sein Gedichtband "Keiner versteht mich, klagte das Gedicht und wurde berühmt..." (beide Lektora-Verlag). Gerade ist sein neues Buch "111 Gründe, Polen zu lieben" (Schwartzkopf & Schwartzkopf Verlag) erschienen.