Kinderschreck: Von der Größe der Dinge
Kinderschreck Von der Größe der Dinge
Schon sehr früh in meinem Leben, im Alter von vier Jahren, habe ich mich dazu entschlossen, kein Tagebuch zu führen. Ich will nicht verheimlichen, dass die Entscheidung zum damaligen Zeitpunkt dem Umstand geschuldet war, dass ich noch gar nicht schreiben konnte. Doch auch nach Erlernen der Technik habe ich den Entschluss nie bereut.
Die wenigen, wirklich wichtigen Erlebnisse brennen sich einem ohnehin fotografisch ins Gedächtnis ein. Will ich mich an sie erinnern, muss ich nur das betriebsinterne Bilderalbum durchblättern. Eine Beschäftigung, die manchmal zeit- und nervenraubend, oft vergeblich, aber bestimmt nicht mühseliger ist, als aus etlichen Metern schwedischer Pressspanregale verstaubte Jahrgangskladden zu klauben, in denen man das eigene Leben katalogisiert und vertagebucht hat.
Außerdem bietet einem das nachträgliche schriftliche Niederlegen des Erlebten die vielfältigeren Möglichkeiten: Je größer die Distanz zum Ereignis, desto wichtiger der Einsatz von Fantasie. Je vergilbter die Fotos, je klaffender die Gedächtnislücken, desto zwingender die Notwendigkeit, sich etwas aus- und dazuzudenken. Schon Aristoteles wusste: "Gegenstand der Erinnerung ist eigentlich alles, wovon man sich ein Fantasiebild machen kann."
Der Kinderschreck
Ich war vier Jahre alt und fast alle Dinge um mich herum hatten riesige Dimensionen. Der Sessel, in dem ich sitzen musste, war viel zu groß. Oben an der Rückenlehne war eine Nackenstütze angebracht. Erst, als ich ein paar Kissen unter dem Hintern hatte, kam ich mit dem Kopf hoch genug. Frisöre hatten solche Sessel. Man konnte sie mit einer Fußpumpe höher stellen, damit der Haarschneider sich bei seiner Arbeit nicht soweit runterbeugen musste.
Ich wusste nicht, dass man sich beim Krankenhaus-Doktor auch in diese riesigen Dinger setzen muss. "Die Schwester tut Dir jetzt einen Latz um", brummte der Kinderschreck. So hatten meine Eltern den Arzt mal genannt, als sie leise darüber redeten, dass ich bald ins Krankenhaus müsse, damit er mir die entzündeten Mandeln rausoperiert. Sie dachten, ich bekäme das nicht mit. Ich hatte das aber mitbekommen und seitdem hatte ich Angst vor dem Kinderschreck.
Jetzt stellte sich raus, dass die Angst sehr berechtigt war. Der große weiße Mann hatte Hände wie Bratpfannen. Sie steckten in Plastikhandschuhen und hielten zwei Metallgriffe, an denen eine Schlinge befestigt war. Kinderschreck trat einen Schritt zurück, während seine Gehilfin mir den Umhang umband.
Das Pinguinmonster
Die dicke Frau, die Schreck "Schwester" genannt hatte, war als katholischer Riesenpinguin verkleidet. Bodenlanger, schwarzer Umhang, darüber eine Schürze, Kopfhaube mit weißer Halsbandage, daran baumelte ein goldenes Kruzifix an einer Kette. Das Pinguinmonster roch, als würde es in einem feuchten Kleiderschrank gehalten. Nur, wenn es seinen blutrünstigen Besitzer danach gelüstete, eitrige Mandeln aus Kinderhälsen rauszuschneiden, bekam es Auslauf. Dann durfte es den muffigen Monsterschrank verlassen, dem kleinen Opfer ein paar Kissen unter den Hintern schieben, ein riesiges Laken umbinden und mit grabeskalter Stimme einen Satz sagen: "Schön still sitzen, das tut gleich nicht weh!"
Selbstverständlich hatte Pinguin gelogen. Selbstverständlich tat es ganz scheußlich weh, denn im Interesse dieser Geschichte wurden solche Operationen zu jener Zeit selbstverständlich ohne jegliche Betäubung durchgeführt.
"Ahhh sagen!", schnauzte Kinderschreck, steckte mir die Schlinge in den Hals und riss an den Griffen. Ich wollte brüllen, konnte aber nur würgen. Ich würgte, er riss, ich würgte, er riss. Dabei rückte er mit seiner vom Mundschutz halb verhüllten Bluthochdruck-Visage immer näher an seinen Operationskrater heran. Er riss, ich würgte, ich würgte, er riss und nach ewig langem Reißen und Würgen spie ich ihm mit Gebrüll endlich einen großen Batzen klumpig Rotes auf Mundschutz und Kittel.
Noch ein riesiger Sessel
Kinderschreck entsprach jetzt endgültig auch äußerlich seinem Namen. In diesem Aufzug hätte er bei jeder ernstzunehmenden Geisterbahn eine Lebensstellung antreten dürfen. Danach stand dem Überqualifizierten aber offenbar nicht der Sinn. Angewidert machte er einen Satz rückwärts und schrie ein nur wenig durch den Mundschutz gedämpftes "Scheiße!" in Richtung Pinguin.
Hier werden meine farbigen Erinnerungen plötzlich undeutlich. Vergilbte schwarz-weiß-Fragmente mit gezacktem Rand, sich langsam auflösende Schemen. Dann reißen sie ganz ab. Bestimmt fiel ich in einen langen, tiefen und traumlosen Schlaf oder etwas vergleichbar Schundroman-Artiges.
Als ich wieder aufwachte, waren die Schmerzen verschwunden. Dem Himmel sei Dank, denn in Dortmund war soeben die Bundesgartenschau, der spätere Westfalenpark eröffnet worden. Ich hatte mich gerade dazu entschlossen, niemals in meinem Leben Tagebuch zu führen. Die Niederschrift der Geschichte über die brutale Mandelentfernung musste also noch warten, bis sie wirklich reif war. Das würde ihr guttun. Außerdem war es viel vernünftiger, die aufregende Zeit zu nutzen, um Grundlagen für neue Erinnerungen zu schaffen. Ich war vier Jahre alt und fast alle Dinge um mich herum hatten riesige Dimensionen. Der Sessel, in dem ich saß, war viel zu groß für mich.
Hollandgroße Tulpenfelder
Ein Sicherheitsbügel sorgte dafür, dass ich nicht vorne heraus- und hinunterfallen konnte. Der Sessel hing an einem langen Anker, an dessen oberem Ende ein großes Rad befestigt war. Das Rad lief über ein dickes Stahlseil. Das Seil war hoch und weit über den Park gespannt. Wahrscheinlich hundert Meter hoch und zehn Kilometer weit. Die Erwachsenen verboten einem, rumzuzappeln. "Zappel nicht rum, sonst kippsse da raus und dann fliegsse runter und dann bleibt nur noch'n Fettfleck von dir übrig!" Man musste also schon verdammt mutig sein, wenn man da einstieg.
Die riesige Sesselbahn war eine der gewaltigen Attraktionen der Bundesgartenschau 1959. Sowas hatte die Welt, soweit sie in Dortmund wohnte, vier Jahre alt und drei Käse hoch war, noch nicht gesehen. Nach zwei Dutzend Fahrten hatte die Bahn ihren größten Schrecken, nicht aber ihre Faszination verloren.
Von da oben genoss der mutige Weltbewohner einen weiten Blick über hollandgroße Tulpenfelder mit zigmillionen, streng nach Farben geordneten Blüten: eine Million rote, eine Million gelbe, eine Million weiße und so weiter, solange eben, bis es Zigmillionen waren; auf den Turm, den Fernsehturm "Florian", der 1959 das größte Gebäude Deutschlands war; über rasierte Rasenflächen, mehr als alle Aschenplatzfußballfelder der Stadt zusammen; über weite, sanft zu einem See abfallende Hänge.
In der Schwimmtonnen-Schlacht
Aus dem See, den die Erwachsenen Teich nannten, schossen einmal in der Stunde riesige Wasserfontänen, die größer und kleiner wurden, je nachdem, wie die Musik spielte. Das nannten sie Wasserorgel.
Es gab noch einen anderen, auch sehr großen, vor allem aber gefährlicheren, weil sehr tiefen Teich, den Robinson-Teich. Darauf durften die Mutigsten mit Schwimmtonnen fahren. Große Schwimmtonnen, in denen sehr viele Mutige stehen konnten. Die Tonnen bewegten sich fort, wenn die Kräftigsten unter den Mutigen mit sehr langen und sehr schweren Holzbohlen in den tiefen, schlammigen Grund des Teiches stießen, in dem gefährliche Ungeheuer, wahrscheinlich Verwandte von Monsterpinguinen, ihr Unwesen trieben.
Die Schwimmtonnen-Schlachten waren wilde Abenteuer, zumal man ständig gegen die anderen Tonnen-Fahrer bestehen musste, die einen rammen wollten. Viele von uns hätten damals eigentlich verbluten, noch viel mehr ertrinken müssen. Die meisten haben überlebt - ich weiß bis heute nicht, warum.
Phänomenal!
Ich bin 54 Jahre alt und nicht wenige Dinge um mich herum
sind nach und nach kleiner geworden. Robinson-Teiche, Sessel-Lifte und Blumenfelder haben im Laufe der Zeit sogar einen erheblichen Schrumpfungsprozess durchgemacht.
Einige Dinge jedoch haben wunderbarer Weise nichts, aber auch gar nichts von ihrer Größe verloren. Dazu zählt der Florianturm im Westfalenpark, sowie ausnahmslos alle Arbeitsgeräte von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten.
Ach ja - und das sollte nicht unerwähnt bleiben. Eins gibt es, das wird, je älter ich werde und je entschlossener ich kein Tagebuch schreibe, eins gibt es, das wird sogar immer noch größer: mein phänomenales Erinnerungsvermögen.