Kindheit auf Kuba Ballerina am Küchenstuhl
Tanz hat auf Kuba Tradition.
Foto: JAVIER GALEANO/ APMeinen ersten Ballettunterricht bekam ich mit sechs Jahren auf Kuba, wohin mein Vater als Diplomat an die deutsche Botschaft versetzt worden war. Kuba hatte Tänzer von Weltklasse-Niveau hervorgebracht. Auch ich wollte tanzen. Schon bald nach unserer Ankunft meldeten mich meine Eltern am Cuballet, der Schule des kubanischen Nationalballetts an.
Der Unterricht fand in einem riesigen Gebäude im Kolonialstil statt, mit zerbrochenen Marmorfliesen in verschimmelten Fluren. Der Trainingssaal selbst hatte einen morschen Holzfußboden, Stangen an den Wänden und große Spiegel mit Grünspan in den Ecken. In einer Wand war ein grober Durchbruch zum angrenzenden Saal, in dem die älteren Klassen probten und sich gekonnt um ein aufgebrochenes Loch im Fußboden herum bewegten.
Rosa Trikot mit Rüschen - peinlich!
Die kleinen Kubanerinnen tanzten in verwaschenen Einheitstrikots aus hellgrauer Baumwolle. An den Füßen hatten sie weiße Söckchen, die bis auf den Ballen herunter gerollt und auf dem Spann verknotet waren, so dass Mittelfuß und Ferse barfuß blieben.
Mir waren mein rosa Trikot mit den gepunkteten Rüschen und die neuen weißen Lederschläppchen peinlich. Beim nächsten Mal zog ich das älteste Trikot an, das ich besaß und rollte meine Söckchen ebenfalls in kubanischer Manier. Das war auf dem nur fleckenweise lackierten Fußboden sowieso sicherer.
Bei der Meisterin zuhause
Später hatte ich Privatunterricht bei der Ballettmeisterin und ehemaligen Solistin des kubanischen Nationalballetts Dulce Marquez. Sie unterrichtete Mädchen, die besonders begabt waren und es sich leisten konnten, zuhause in ihrer Wohnung im Vedado-Viertel. Der Platz, an dem Dulces Wohnung lag, glich einer Operettenkulisse: Es war ein weit aufgerissenen Abgrund, ähnlich einem Bombenkrater, umgeben von Ruinenfassaden.
Nach dem Betreten des Hauses gelangte ich in einen winzigen Patio. Der Innenhof war kühl und erschien mir als ein stiller, verwunschener Ort. Eine Wendeltreppe führte um einen großen tropischen Baum nach oben zu den Wohnungseingängen. Am Stamm hingen dicke Lilien, deren lange Blätter und Ableger mich streiften, als ich die Treppe bestieg. In Dulces großem Art-Deco-Wohnzimmer, von wo aus der Blick durch die bunt verglaste Fensterwand weit über den Bombenkrater und die Dächer von Havanna ging, wurde getanzt.
Übungen im Wohnzimmer
Wir machen unsere Übungen zumeist im freien Raum. Wurde doch einmal eine Stange benötigt, dann schleppten wir gusseiserne Küchenstühle heran und legten eine Metallstange zwischen die Lehnen, wodurch die optimale Kinderhöhe entstand.
Dulce, eine weiche, zierliche und jugendlich wirkende Dame um die Vierzig saß auf einem harten kleinen Stuhl vor uns. Sie benötigte weder Schreie noch abwertende Kritik, um uns zu motivieren. Sie besaß die natürliche Autorität einer Profitänzerin und wurde von uns absolut respektiert und bewundert.
Wir standen der Reihe nach vor ihr, ein Bein neben unserem Kopf mit der Hand hoch ziehend, mit kindlichem Eifer hochkonzentriert. Dulce wartete, bis wir alle sicher standen, hob dann den Zeigefinger und rief: "En punto!" Und wir nahmen den anderen Arm in die Fünfte Position und hoben uns, Zungenspitze zwischen den zusammengepressten Lippen, in die halbe Spitze, um dann nach kurzem, wackeligen Verharren lachend umzufallen.
Abschied von Dulce
Das Besondere an Dulces Unterricht war, dass wir gegen Ende immer frei improvisieren durften. Dulce suchte dazu für jeden die passende Musik aus, die von einem scheppernden Radiorekorder abgespielt wurde. Immer, wenn ich heute Tschaikowskys Chinesischen Tanz aus dem "Nussknacker" höre, denke ich daran, wie Dulce mir erklärte, ich solle mir vorstellen, ich sei ein Vögelchen und auf die Musik hören.
In Dulces Wohnung tanzten wir in dünnen Söckchen auf dem kühlen Marmorboden, bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius. Wenn meine Mutter mich abholte, stieg oft Dampf von meinem Kopf auf.
Als wir Kuba nach drei Jahren verlassen mussten, verabschiedete ich mich von Dulce. Ich habe damals ein Foto von ihr bekommen, das sie in meinem Alter während einer Aufführung zeigt. Das Foto und die Erinnerungen sind mir für immer von ihrem Unterricht, den sie mit so viel Liebe gegeben hat, geblieben. Es wäre schön, wenn sie dies wissen würde.