Kindheit in den Sechzigern - DER SPIEGEL
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Kindheit in den Sechzigern: Mulgatol und Milchmädchen

Foto: Jan-Peter_Kasper/ dpa

Kindheit in den Sechzigern Mulgatol und Milchmädchen

Wilde Ehe, Teflonpfanne, Dosenravoli: In einer Zeit, da die ersten Menschen zum Mond flogen, zog der Fortschritt auch in den Alltag ein. Mit den Auswirkungen hadert Katja Weiß bis heute.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Ernährung meiner Kindheit baute auf vier Säulen auf,

1. Ravioli aus der Dose (Kohlehydrate)

2. Mulgatol aus der Tube (Vitamine)

3. Milchmädchen aus der Tube (Calcium)

4. Tri-Top Mandarinensirup zum Verdünnen (Flüssigkeit)

Menschen, die wie ich in den frühen Sechzigern geboren wurden, werden sich an diese Produkte erinnern oder wurden vielleicht selbst damit groß gezogen. Dass sie weder besonders wertvoll noch gesundheitsfördernd sein konnten, ahnte man schon. Doch es herrschte damals eine gewisse Hörigkeit gegenüber denaturalisierten Lebensmitteln.

Kein Wunder, flog man doch bereits Richtung Mond, was die Mitnahme von Kohlköpfen, Kühen und ähnlich sperrigem Ernährungsgut kategorisch ausschloss. Überhaupt: Alles wurde mobil. Die Hausfrau löste sich von Heim und Herd, sie verdiente ihr eigenes Geld und ließ sich dann endlich scheiden. Soll sich der Alte doch selbst die Ravioli heiß machen.

Was das betraf, lebte ich als Siebenjährige in einem extrem fortschrittlichen Haus. Mir schien, meine Mutter war die erste geschiedene, allein erziehende und berufstätige Frau überhaupt. Lange war ich das einzige Scheidungskind in meiner Klasse. Der soziale Stellenwert eines Scheidungskindes, das zudem als Einzelkind bei einer berufstätigen Mutter aufwuchs, lässt sich mit einem Wort beschreiben: bemitleidenswert!

Wilde Ehe

Dass meine Mutter keiner Religionsgemeinschaft angehörte und in "wilder Ehe" mit einem Mann zusammenlebte, der nicht nur äußerlich von der gängigen Norm abwich (man stelle sich ihn als den ungepflegten Bruder Ivan Rebroffs vor), waren nur noch weitere Steinchen im Mosaik meines gesellschaftlich vorbestimmten Scheiterns. Aus DEM Kind konnte nichts werden! Entgegen aller Prognosen wurde ich dann aber weder kriminell noch drogensüchtig.

Was "Die kleine Ohrfeige zwischendurch" betrifft, wird ja retrospektiv immer gern behauptet: "Und? Hat es uns irgendwie geschadet? Nein!" Ich kann da nicht mitreden. Ohrfeigen gab es bei uns so häufig wie geregelte Essenszeiten, nämlich gar nicht. Unverzeihlich fand ich allerdings, dass ich, so sehr ich auch bettelte und flehte, weder ein Pferd noch ein Pony bekam. Auch weigerte sich meine Mutter beharrlich, mir eines dieser Pressspanjugendzimmer aus dem "Quelle"-Katalog zu kaufen (grün-beige oder orange-beige).

Richtig schlimm fand ich, dass meine Mutter aus Faulheit zum Monatshygieneartikelkauf den Tante-Emma-Laden an der Ecke aufsuchte, anstatt einfach in eine andere Stadt zu fahren, nachdem ich mit 13 zum ersten Mal meine Tage bekommen hatte. Die Nachricht, dass die Kleine von der Lehrerin nun auch "ihre Sache" hat, verbreitete sich in einem derart unerhörten Tempo, dass es die Nachbarin bereits wusste, BEVOR meine Mutter vom Einkauf überhaupt zurück war. Und? Hat es mir irgendwie geschadet? Nein!

Unverzeihlich

Aus heutiger Sicht absolut unverzeihlich war der mangelhafte Umgang mit meiner Zahnhygiene. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich meine Mutter auch nur ein Mal zum Zähneputzen angehalten hätte. Wohl besaß ich eine Zahnbürste, wusste aber nicht wozu. Einmal an Tubennahrung gewöhnt, aß ich die "Blendi"-Zahncreme mit dem Himbeeraroma und dem lecker Zucker darin direkt aus der Tube. Zum Zahnarzt ging es erst, wenn nichts mehr ging. Auf wie vielen Stühlen Sonntagsdienst leistender und deswegen schlechtgelaunter Zahnärzte ich saß, weiß ich nicht mehr. Dass ich überhaupt noch originales Zahnmaterial besitze, grenzt an ein Wunder.

Man hatte es damals einfach nicht so mit der gesundheitlichen Aufklärung. Es gab "Betthupferl", wenn man anstandslos ins Bett ging und sich abends nicht mehr blicken ließ. Wenn aber Cassius Clay boxte, durften wir Kinder unter der Woche auch mal länger aufbleiben und vom Eierlikör naschen.

Bei der kleinsten Erkältung wurde man mit Penicillinsaft abgefüllt, so dass für Monate alles bakterielle Leben in einem vernichtet war. Danach noch eine Wurmkur. Auf dem CD-Duschmittel prangte stolz der Hinweis "mit Formaldehyd" - und keiner wusste, was das überhaupt war. Als Krönung fällt mir die Teflonpfanne meiner Mutter ein, deren Beschichtung so zerkratzt war, dass von Antihaftwirkung eigentlich keine Rede mehr sein konnte. Trotzdem wurde sie lange, sehr lange nicht ausgemustert. Und? Hat es uns irgendwie ...?

Mal sehen, ob ich alt genug werde, um das herauszufinden.