Köln im Bombenhagel: Rauchfahnen über der Domstadt
Köln im Bombenhagel Rauchfahnen über der Domstadt
Mit unserer Hausangestellten soll ich mit dem Zug in die ländlichen Gebiete fahren, um Obst und Gemüse zu beschaffen. Die meisten Geschäfte sind zerstört, und die Lieferanten haben keinen Sprit mehr. Ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Tour. Wir sind etwa bei Hürth angekommen, zehn Kilometer westlich von Köln, als die Bahn auf freier Strecke stehen bleibt. Fragende Gesichter rundherum. Der Schaffner gibt die Anweisung, den Zug sofort zu verlassen und Schutzräume aufzusuchen. Aber wo? Kein Haus weit und breit. So weit das Auge sehen kann nur Ackerland.
Es dröhnt in der Luft. Über uns im seidigen Blau des Himmels fliegen mehrere hundert Bomber in Richtung Stadt. Die Vibrationen der Flugzeugmotore erschüttern meinen Körper. Ich spüre, wie mein Magen sich selbstständig macht. Übelkeit kommt auf, wird aber durch den Anblick, der sich uns bietet, verdrängt. Von den Höhen des Vorgebirges herab kann man die Silhouette der Stadt gut erkennen.
Und dann erleben wir ein Schauspiel besonderer Art. Mitten in den Pulks fliegt ein schwarzer Flieger. Aus seinem Rumpf löst sich ein kleiner schwarzer Punkt, der eine nebelgraue Rauchfahne hinter sich herzieht. Viele Punkte folgen gleichzeitig aus den anderen Bombern hinterher. Tausende Rauchfahnen senken sich wie ein Vorhang auf die Stadt hinab. Zehntausende Bomben fallen hinterher. Ein Geräusch wie das Schreien eines tödlich getroffenen Tieres dringt von der Stadt zu uns herauf. Entsetzen bei den Menschen neben mir. Namen werden gerufen. Weinen, Wehklagen und Flüche rundherum.
Gemetzel an der Zivilbevölkerung
Die Druckwellen des Bombardements dringen bis zu uns hin. Die Augen tränen vom aufgewirbelten Staub. Mir wird übel. Übel vor Wut. Wut über meine Wehrlosigkeit. Sie dehnt sich unbewusst auf den Personenkreis aus, der diesen tausendfachen Mord befahl und ausführte. Ich werde Augenzeuge eines bestialischen Gemetzels an der Zivilbevölkerung und sehe zum ersten Mal die Methoden, mit der man dieses ausführte. Die Stadt war mit päpstlichen Segen und zum Schutze des Domes für offen erklärt worden. Also unbewaffnet. Warum dieser Mord an Tausenden wehrloser Menschen?
Sorgen um meine Familie brauchte ich mir nicht zu machen. Sie sind in Sicherheit. Hoffe ich. Aber was müssen sie sich Sorgen um uns machen. Eine Bahn später, und wir hätten voll in der Scheiße gehangen. Ob wir das überlebt hätten wäre fraglich gewesen. Mein Instinkt hatte mich schon vorher gewarnt. Voll bepackt mit Grünzeug erreichen wir die Stadtgrenze an der Militärringstrasse. Ein Gewirr aus Mauertrümmern, Drähten und Schienen der Straßenbahn und Bombentrichter blockieren den Heimweg. Absolute Vorsicht ist geboten.
Einstürzendes Mauerwerk und Blindgänger gefährden die Wegstrecke. Feuer flackern überall. Feuerwehren, Sicherheitshilfsdienst-Mitarbeiter und Krankenwagen flitzen im Slalom durch die Mondlandschaft. Verletzte und Tote liegen auf Bahren am Straßenrand. Zivilisten versuchen unter Lebensgefahr und per Hand die Keller der Verschütteten zu erreichen. Jede Sekunde ist kostbar. Auch in unserer Strasse herrschen chaotische Zustände. Ein Bombentrichter neben dem anderen. Bekannte, Freunde und Kollegen haben den ersten Tagesangriff der Alliierten nicht überlebt oder sind schwer verletzt worden.
Familie im Brauereikeller
Das Faktotum der Brauerei ist auch unter den Opfern. Ein netter älterer Mann. Genannt Et Piefje. Ständig trug er eine Pfeife im Mundwinkel. Kurz vorher sah ich ihn im Garten arbeiten. Er sägte einen Ast ab, an dem er auch die Leiter angestellt hatte. Es kam wie es kommen musste. Der Ast brach ab und er fiel samt Ast und Leiter zu Boden. Er lachte noch über seine Dummheit.
Meine Familie hatte die Katastrophe im Tiefkeller der Brauerei wohlbehalten überlebt. Ein Volltreffer aber in die Nebenkeller, und sie wären in einem Meer aus französischem Wein ersoffen. Die Brauerei ist ein Trümmerfeld, aber noch darf der Luftschutzkeller benutzt werden. Aber wie lange noch? Wenige Tage später muss das Gelände aus Sicherheitsgründen geschlossen werden.
Im Oktober 1944 werden wir zwangsweise evakuiert. Eine Welt bricht für uns zusammen. Das, was Mutter vorher gesagt hatte, trifft ein. "Mir jonn all zo Foos üver dr Rhing". Und nicht freiwillig.
Anmerkung der Redaktion: Der Text ist ein leicht bearbeiteter Auszug aus: "Jahrhundertbrief an unsere Nachkommen"