Kolonialmacht Deutschland: Als Telegrafenbauer in Deutsch-Südwest
Kolonialmacht Deutschland Als Telegrafenbauer in Deutsch-Südwest
Am 9. Mai früh um acht Uhr gingen wir ca. zwei bis drei Kilometer vor Swakopmund zum Ausbooten vor Anker. Hier war die See stürmisch und unruhig, die Landungsbrücken wurden immer wieder von der Brandung in Trümmer geschlagen. Es kamen verschiedene große Leichter, das sind klotzige Kähne, mit einer Barkasse in fünf bis sechs Meter Entfernung vom Dampfer. Wir stiegen zu zehn bis zwölf Köpfen in einen großen Korb, der an einem sich weit über den Leichter neigenden Mast befestigt war und wurden dann vermittelst einer Winde schwebend nach unten befördert, ähnlich ging es mit dem Gepäck und dem, was sonst noch ausgeladen wurde (...)
Bei der Etappenkommandantur musste ich mir erst die schriftliche Genehmigung für einen Karabiner mit Patronengurt und 120 Patronen holen, dann musste ich mit meinem Gepäck auf einen offenen Güterwagen klettern. Dort war ich nicht allein, da waren auch Offiziere und Gouvernementbeamte, die mitfuhren, sie hatten es ebenso eilig wie ich. Um zehn Uhr früh sollte ein Provinzzug nach Windhuk abgehen, der sich endlich auch um zwei Uhr in Bewegung setzte. (...)
Auf Pad bis zum Oranje
Vom Reichspostamt war inzwischen die Genehmigung eingetroffen, die Telegrafenlinie Windhuk, Rehoboth, Kub, Gibeon, Keetmanshoop und Warmbad, Ramansdrift bis zum Oranje, der Grenze gegen die Kapkolonie, herzustellen. Das war eine Strecke von rund 900 km. Bei der Strecke Rehoboth-Kub waren die ersten 200 km durch eine Baukolonne unter einem Bauführer Hoffmann und meinem Freund, dem Leitungsaufseher August Ordelheide aus Düsseldorf, in Angriff genommen. Nun sollte der Bau beschleunigt werden, und ich bekam den Auftrag, von km 300 (Gibeon) dieser Kolonne entgegen zu bauen. Zu diesem Zweck wurde eine Kolonne mit den nötigen Geräten, Materialien und Proviant zusammengestellt. Das Material für 50 km bekam ich mit, das waren 1000 sieben und acht Meter lange Telegrafenstangen sowie Mannesmann-Endlosrohre mit je einem Gelenk und Stütze. Diese wurden am Kopfende in einem Verschluss mit Gewinde angeschraubt. Dazu gehörten auch stark 3000 kg Bronzedraht und die nötigen Apparate für die Stationen, die ich berührte. Am 29. August stand die Kolonne mit zehn Ochsenwagen, je zwanzig Stück, fertig gepackt und abmarschbereit vorm Postamt Windhuk. (...)
Im Allgemeinen fuhren wir unter militärischer Bedeckung und mitunter mit bis zu fünfzig Wagen. Die Gegend wurde immer unsicherer, je näher wir Gibeon kamen. In den Bergen saß der berüchtigte Kapitän der Hottentotten, Hendrik Witbooy, der erst kurz vor Weihnachten 1905 durch den alten Römer, Major von Esstorf, geschlagen wurde. Seine Banden wurden versprengt. 50 km vor Gibeon, an der Wasserstelle Seskamelbaum, fing ich an, das Material zu verteilen. Alle 50 bis 60 m eine Stange und zu 500 m ein Ring Draht und die nötigen Isolatoren. Ich kam in Gibeon an und hatte noch zehn Stangen übrig, also hatte alles famos geklappt.
Deutsches Bier im Wüstensand
Gibeon war die Etappenkommandantur unter Major Pierre, mit Lazarett und Magazin sowie einer größeren Fahrtelegrafenstation. (...) Elberfelder Küppers Bier und Münchener Flaschenbier bezahlte man in Windhuk mit 1.50 Mark, dagegen kostete es in Gibeon schon 5 bis 6 Mark, das machten die enormen Frachtkosten, da alles ja mit Ochsenwagen mühselig herangeschafft werden musste. Ich will nur ein Beispiel anführen. In den Läden gab es Papierbeutel à 100 Gramm trockene Zwiebel, Breitlauch, Sellerie, Schnittbohnen, weißen und roten Kappes und dergleichen schöne Sachen mehr, à 100 Gramm nur 2 Mark. Lieferant war eine Firma aus Münsterberg in Schlesien, kurzerhand schrieb ich der Firma, mir ein 1.,5 Kilo Paket mit 48 Beuteln einschließlich Verpackung zu schicken. Nach einem Vierteljahr, als mich das Paket erreichte, kosteten mich die 48 Beutel 9 Mark und ein paar Pfennige, ein Zeichen, welche Preise damals genommen wurden.
Dieses wunderhübsche Trockengemüse habe ich mir die acht Jahre immer wieder schicken lassen und gleichzeitig gedörrte Kartoffel. Ich habe manchen alten Afrikaner, der zufällig zum Abendessen bei mir an der Pad Rast machte, mit geschmortem Rot- oder Weißkraut überrascht, oder mit gebratenen Kartoffeln, und in der Fleischsuppe schwammen sogar Sellerie und Breitlauch. Kochen, Backen und Schmoren musste ich draußen im Gelände Jahr aus und Jahr ein selbst. (...)
[D]ie Arbeit begann, vom Militär war die allergrößte Unterstützung zugesagt, da es das größte Interesse hatte, dass die permanente Reichstelegrafenleitung fertig wurde, da das bestehende Feldkabelnetz der I. u. II. Feldtelegrafenleitung vielfachen Störungen unterworfen war. Major Pierre stellte mir vier Reiter als Bedeckung zur Verfügung. Als Arbeiter hatte ich von Windhuk zehn schwarze, gefangene Hereros mitgebracht. Leider hatten sie niemals eine Pike, Spaten, Schaufel, Stoßeisen, Bohrstahl und Hammer geschweige denn Dynamit in den Händen gehabt. Eine Linie nun anzusetzen und auszurichten war auch mit Hilfe der Soldaten furchtbar schwer.... Es war am 06. Dezember 1905, da stieß ich mit der Kolonne Hoffmann in Höhe der Feldtelegrafenstation Geitsabis zusammen. Endlich wurde es für mich auch etwas gemütlicher. Hoffmann hatte täglich für seine Kolonne drei Ochsenwagen mit 60 Ochsen sowie zwei große Wassertanks à 500 Liter zur Verfügung. Ich hatte mich seit Gibeon beim Militär mehr durchgebettelt, und Wasser wurde, wenn wir nicht an einer Wasserstelle lagen, groß geschrieben. Wir rückten dann geschlossen fünf Kilometer hinter Seskamelbaum ins Gelände und bauten unsere drei Zelte auf, Hoffmann seine dazu und meine Soldaten ein paar weitere. Daneben errichteten die beiden Arbeiterkolonnen ihre Pontoks, das sind bienenkorbähnliche Unterkünfte. Nun hatte sich das Lager mächtig vergrößert, denn Hoffmann hatte dreißig Familien mit Mann, Weib und Kindern mit dabei. ...
Leitungen ziehen bei 55 Grad
Am 04. Januar 1906 zogen wir hinter Gibeon auf km 14 raus. Nachdem wir die Höhe hinter Gibeon erreicht hatten, bot sich uns ein großartiger Anblick, 50 km Fläche vor uns, tellergleich, weit am Horizont die so genannten Tafelgebirge, vor uns auf 4 bis 500 km die kleinen und die großen Karasberge. Ganz weit entfernt erblickte man den Schimmer der Oranjeberge. Wenn mir da im Januar 1906 bei 55 bis 60 Grad Celsius jemand gesagt hätte, dass ich die Gegend bis zum Herbst 1913 noch so und so oft zu durchreisen hätte, den hätte ich damals ausgelacht, es war ja kein Gedanke daran, dass wir schon 1910 die Gegenden mit dem Dampfross der Eisenbahn durchquerten. Wo wir z. Zt. wochenlang mit dem Ochsenwagen reisten, erledigten wir später dieselbe Tour in einfachen Tagesreisen. Unsere Tour klappte, und wir machten die 50 km bis zur nächsten Telegrafenstation Gründorn bis zum 27. Januar, Kaisers Geburtstag. Ab 05. Juni war ich dem Postamt Keetmanshoop bis zum 08. Juli zur Telegrafie zugeteilt. Gleichzeitig fungierte ich als Störungsreiter bei gestörten Leitungen und organisierte das Instandsetzen der Handwerkszeuge für die Strecke Keetmanshoop-Warmbad bis zum Oranje, der Grenze zur englischen Kapkolonie. Dort war inzwischen die Anweisung zum Weiterbau eingegangen. (...)
Das Material für die 400 km lange Strecke wurde nun wegen der Frachtkostenersparnis nicht mehr in Swakopmund gelandet, sondern in einem kleinen Hafen der südlicher gelegenen englischen Küste, Port Nolloth, zwischen Lüderitzbucht und Kapstadt. Von Swakopmund bis Ramansdrift am Oranje waren es stark 1200 km, und die Entfernung von Ramansdrift nach Port Nolloth betrug stark 400 km. Eine englische Firma schaffte das gesamte Material laut Kontrakt über den Oranje auf deutsches Gebiet. Am 08. Juli in Keetmanshoop abgereist, trafen wir am 02. August in Ramansdrift ein. Das war eine gefährliche Reise. Die Gegend war unsicher, die Truppe wurde viel überfallen und niedergemetzelt, und schon waren die Hottentotten in den unübersichtlichen Klippen und Schluchten wieder verschwunden. Wir gelangten mit unserm kleinen Transport am 09. zur Telegrafiestation Hans. Sie bestand außer den zehn Mann Besatzung der II. Feldtelegrafenabteilung noch aus einem Pferdeposten des Hauptquartiers. Abends blieben wir zwischen Hans und der nächsten Wasserstelle namens Warmbackies nachts im Sande stecken und kamen erst los, nachdem wir einen großen Teil des Materials ein paar 100 Meter vorgetragen hatten. (...)
Drei Brunnen, kein Wasser
Am 14. gelangten wir zur Station Wasserfall am Fuße der großen Karasberge, besetzt mit einem Leutnant und vierzig Mann, einem Magazin und einem Feldlazarett. Es gab dort drei Brunnen, die aber nur wenig Wasser führten, gewöhnlich stand ein Posten am Brunnen, der die Ausgabe des Wassers kontrollierte. Die Pferde gingen die 28 km lange Strecke zum Tränken nach Guigatsis, der letzten Station, die wir passierten. Wir verblieben in Wasserfall bis zum 17. Juli, da wir ohne Bedeckung nicht bis zur Station Kanus auf der anderen Seite der großen Karasberge weiter durften. Die Entfernung betrug 90 km ohne Wasser in den Bergen.
Am 17. hatten sich noch einige Proviantkolonnen eingefunden, und da ging es unter Oberleutnant Graf von Stülpnagel in drei Tagen durch bis Kanus, dort lag die Kompanie Ritter. Von Stülpnagel gehörte zum Feldvermessungstrupp und trug nebenher ein Monokel. Am 19. sind wir in Kanus gelandet. Da uns die Kolonnen zu lange ruhten, zogen wir am 20. bereits 50 km weiter nach Kalkfontein-Süd und trafen am 21. abends ein. Dort gab es den Etappenkommandanten, das Lazarett, einen großen Kirchhof von der Truppe und den Kommandeur Graf von Kageneck, ein alter Schutztruppler, der überall im Lande bekannt war. Er konnte furchtbar saufen und ist in späteren Jahren in Ostafrika dem Fieber erlegen. (...)
Schmuggel über den Oranjefluss
Am 04. August um fünf Uhr lagerten wir an einer Wasserstelle, wo auch die Feldkompanie Hauptmann von Treskow lag. In der Nacht trieben die Hottentotten 150 Pferde ab und erschossen von der Pferdewache drei Soldaten. In Ramansdrift trafen wir am 06. August ein und verblieben dort bis zum 16. August. Diese Zeit wurde mit der Übernahme des Materials ausgefüllt, tausende Mannesmannrohre nebst Zubehör und cirka 30.000 kg 3-mm-Bronzedraht. Bauführer Mehl ging ins Englische zum Anwerben der Kolonne und brachte 20 Basutos und Zulus nebst einem Vormann in einigen Tagen zurück. Sie bekamen 100 Mark monatlich bei freier Station, täglich 1 Pfund Mehl, ein halbes Pfund Reis, 1 Pfund Büchsenfleisch, sonntags für die Woche 565 Gramm Fett, 350 Gramm Kaffee oder 70 Gramm Tee, 280 Gramm Zucker, 2 Dosen Streichhölzer, 3 Platten Tabak und einen halben Liter Schnaps. Letzteres war verkehrt, denn hat ein Eingeborener Schnaps gerochen, so ist er unberechenbar.
In Ramansdrift war für viel Geld alles zu haben, und die braven Engländer schmuggelten recht viel über den Oranje, unter anderem auch unsere gute Kartoffel. Ich hatte nämlich seit der Landung im Mai in Swakopmund keine Kartoffel mehr gerochen, geschweige denn gegessen. Sie waren in Kisten wie unsere Frühkartoffeln verpackt und kamen wohl auch aus derselben Gegend von Las Palmas und Teneriffa. Das Kistchen kostete 45 Mark mit 28 Pfund Inhalt, nebenbei gesagt hätte ich sie auch gekauft, wenn das Stück 1 Mark gekostet hätte. (...)
Am 24. August begann der eigentliche Bau mit den neuen Basutos und Zulus. Drei Hereros nahmen wir ab Keetmanshoop mit, einer davon, der Jim, war uns auf der Tour durch die Reiser gegangen. Die beiden anderen, Pit und Elias, machten Lagerarbeiten und verrichteten Arbeiten zu unserer persönlichen Bedienung. Sie kümmerten sich um die Feuerstelle und leerten die großen Dreifüße nach den frugalen Mahlzeiten aus. Jim war ein ganz Schlauer. Er kam nachts in den Karasbergen nach einer Pause zu mir und machte mir verständlich, seine Komparsen, das waren seine Schlafdecken, wären auf der holprigen Pad verloren gegangen, und er wollte sie "hasta", das hieß eilig, in der Zeit, da wir schliefen, wiederholen. Ich ließ ihn zurückgehen, und mein Jim soll heute noch wiederkommen. Möglich, dass er durch die Berge zum Oranje und zur Kapkolonie ausgebüxt ist. Fragte ich später Pitt und Elias nach dem Jim, so grinsten sie sehr vergnügt, ich glaube, sie lachten über mich, weil ich soviel Interesse an ihm hatte, sie sagten aber weiter nichts wie "uda", das heißt: ich weiß nichts. (...)
Mit Karabiner und Patronengurt
Bis zum 17. September verblieben wir in Warmbad, dann gingen wir auf unser Drängen beim Kommando Süd mit 25 Gewehren wieder ins Gelände hinaus. Wir bauten bis zum 22. September 130 Stangen ein, und da kam abermals der Befehl von Estorff, unverzüglich nach Kalkfontein-Süd zu kommen, und wir trafen am Sonntagabend bei dem gastlichen Graf von Kageneck ein. Montag früh fingen wir aber gleich wieder an zu bauen, und zwar ab Kalkfontein in Richtung Bauspitze. Es ging auch ohne Bedeckung, immerhin war der Revolver immer untergeschnallt, und Karabiner und Patronengurt mit 120 Patronen blieben umgehängt. Am 09. Oktober waren die ersten 50 km Warmbad-Kalkfontein, wenn auch mit Schwierigkeiten, fertig gestellt. Die II. Feldtelegrafenstation nahm sie mit Dank in Betrieb und baute ihr Feldkabel ab.
Am 10. Oktober ging es weiter in Richtung Kanus am Fuße der großen Karasberge, und am 29. Oktober waren die 30 km Kalkfontein-Süd bis Kanus fertig, wenn auch mit allerhand Schwierigkeiten. Es war heiß, das Wasser war von Kalkfontein bis Kanus knapp, und vor uns lag die 100 km lange Strecke völlig wasserlos durch die großen Karasberge bis Wasserfall. Auch dort gab es aber nur wenig Wasser. Wir waren täglich mit 30 Köpfen einschließlich Treibern und dem Wagen mit 20 Ochsen unterwegs, die unseren Proviant und das Gepäck und Handwerkszeug beförderten. In erster Linie hatten sie Wasser ranzuschaffen. Am 30. Oktober mussten wir die Arbeit abermals wegen der Unsicherheit im Gelände bis zum 08. November 1906 einstellen. Die Truppe konnte und wollte uns auch keine Bedeckung durch die großen Karasberge stellen, da Wasser auf cirka 150 km gänzlich fehlte.
[Der Bautruppführer] Ernst Mehl und meine Wenigkeit zogen mit den zwei Hereros und dem Ochsenwagen wieder nach Keetmanshoop, unserem Ausgangspunkt vom Sommer. Wir trafen dann am 17. November 1906 früh um sechs Uhr beim Postamt Keetmanshoop wieder ein und wurden dort im so genannten Feldpostpaketzelt weiterbeschäftigt. (...) Hier war es heiß von November bis Februar, und ich verblieb dort bis 04. Februar. Inzwischen waren ein paar Gewitter mit viel Regen niedergegangen. Die Truppe drängte auf den Weiterbau und stellte mir zum 04. Februar 1912 Hererofamilien mit 8 Weibern und 5 Kindern zur Verfügung. Farmer Klukowsky auf Tses stellte gegen 30 Mark Vergütung täglich den bekannten Ochsenwagen mit 20 Ochsen und kam persönlich mit 2 Treibern.
Das Material wurde von Wasserfall bis Warmbackies verteilt, und ich setzte am 07. Februar in Warmbackies am fließenden Löwenfluss die ersten Stangen. (...) 4 km von mir, etwas unterhalb am Löwenfluss, lag die II. Maschinengewehr-Abteilung. Die Herren Offiziere staunten nicht schlecht, dass ich so mutterseelenallein mit den Hereros, zwei Treibern und Klukowsky mit zwei Gewehren in den Klippen saß und munter drauflosbaute. In Narubis lagerte die II. Gebirgsbatterie unter Hauptmann Pech, der angewiesen war, mir ein paar Mann Bedeckung und einen Schmied zum Schärfen der Handwerkszeuge und Bohrstähle zu stellen. Holzkohlen brannten wir uns selbst aus Dornbäumen. Sprengen war an der Tagesordnung. (...)
Sintflut in der Wüste
Mein Tagebuch berichtet folgendes: "13., 14. und 15. April ein unheimliches Regenwetter, das Kuhrivier kam in 300-400 m Breite, kleine Höhen überschwemmend, ins Fließen und Laufen." Wir gerieten mit dem Ochsenwagen, drei Zelten und sämtlichen Utensilien ins treibende Wasser, ein Zelt trieb, nachdem es eben geräumt war, ab, und wir saßen zuletzt mit Proviant, Dynamit, Gepäck und allem möglichen auf dem Ochsenwagen, der den Fluten, weil er schwer beladen war, standhielt. Unsere Jungens lagen am gegenseitigen Ufer etwas höher auf dem Trockenen und gaben uns alle möglichen Ratschläge zur Rettung. Gegen Mitternacht war die Gefahr vorüber und früh morgens fand man alles versackt, mein Zelt hing ein Stück weiter am Ufer im Dorngestrüpp. ...
Am 25. waren wir abends in Warmbackies am Löwenfluss, Sonnabend in Uckanaris, Sonntagabend vor Narubis, am 29. April in Guigatsis. Dort konnten wir buchstäblich wegen niedergegangener Heuschrecken nicht weiter, der Wagen und die Ochsen kamen ähnlich wie die Autos auf nassen Asphaltstraßen ins Schleudern, bloß etwas langsamer. Die Heuschreckenschwärme kamen so dicht, dass die Sonne kaum mehr zu sehen war, sie konnten aber weiter nicht schaden, weil es in den Klippen nichts zu fressen gab. Die Nächte waren inzwischen Ende April empfindlich zu spüren. Die Heuschrecken gingen deshalb in der ersten Nacht alle ein, die Kälte hatte sie wohl auch zur Erde gedrückt.
Am 22. Juni wurde dort [in Ramansdrift] abgeladen und aufgebaut. Wir statteten dem Oranje einen Besuch ab, berochen einmal die Fluten und badeten. Ramansdrift ist Grenz- und Zollstation und hatte während des Krieges eine große Bedeutung. Der Ort war mächtig hochgekommen, wenigstens in Bezug auf seine Bedeutung für den Verkehr. Vor dem Kriege war Ramansdrift nur mit einem Polizeibeamten besetzt, der hatte Post, Zoll und alles andere unter sich, in erster Linie Sonne, Himmel, Sand und Klippen. Auf der englischen Seite dasselbe Bild, nur dass die Engländer eine so genannte Fähre mit bedienten, die aber recht wenig zum Zuge kam, da kein oder nur wenig Verkehr stattfand. ... Am 24. Juni begannen wir mit dem Bau des letzten Teilstücks und wurden damit am 15. Juli fertig. Zwei Jahre ungefähr waren wir nun auf der ca. 900 km langen Strecke unterwegs gewesen.
Diamanten im Flugsand
Das Reichstelegrafenamt gab mir eine finanzielle Anerkennung von 400 Mark für außerordentliche Leistungen, und später erhielt ich das allgemeine Ehrenzeichen am Bande des roten Adlerordens. Am 15. Juli wurde die Baukolonne aufgelöst... Habe mich dann am 24. Juli den flott treckenden Burenwagen gegen Bezahlung meines Gepäcks angeschlossen. (...) [Dann] erreichte mich die telegrafische Anweisung vom Telegrafenamt in Windhuk, die Postagentur Brackwasser zu übernehmen, bis Ersatz von Lüderitzbucht einträfe. Die Tour Warmbad-Keetmanshoop-Aus war keinesfalls rosig zu nennen. Drei Wochen mussten wir auf den Wagen kampieren, Tag und Nacht ging es weiter, in den Ruhestunden wurde gekocht und gebacken. In Warmbad übernahmen wir zwei Buren und sechs Kapjungens als Treiber, zwei englische Bastards und einen Buschmann. Letzterer kniff den Buren vor Keetmanshoop aus. In Keetmanshoop schloss sich ein Transport heimsendungsbedürftiger Soldaten nach Lüderitzbucht an. Brackwasser wurde von einem Sergeanten der III. Kolonnen-Abteilung geführt. Da die Eisenbahnbauspitze in die Nähe rückte, und es viel Verkehr gab, sollte selbige von einem Assistenten besetzt werden, der mich am 13. September ablöst, (...)
Da inzwischen in Lüderitzbucht ein neues Postamt gebaut worden war, bekam ich Anweisung, dorthin zu reisen, was weiter auch keine Schwierigkeiten mehr machte. In zwei Tagen war ich mit der Bahn dort. Angenehm war, dass dort mal wieder ein geregeltes Leben herrschte, man hatte ein Dach über dem Kopf, war unter Menschen, und man brauchte nicht mehr selbst zu kochen und zu backen. Man empfing das Essen in der Messe, die von Zoll, Post und Polizei gegründet worden war. Eine weiße Köchin stand den ganzen Tag zur Verfügung. Lüderitzbucht stand damals im Zeichen des Diamantenfiebers.
Im April 1908 waren in der Nähe der so genannten Kolmanskuppe im Flugsande durch einen Eingeborenen aus der Kapkolonie Diamanten gefunden worden, er suchte mit bloßem Auge eine ganze Streichholzschachtel voll. Anfangs wurde die ganze Sache als Bluff und Schwindel dargestellt, bis denn Geologen den ganzen Küstengürtel ab Lüderitzbucht, südlich dann über Prinzenbucht und Pomona bis zur Oranjemündung, für abbaufähig feststellten. Jahrelang war der Transport durch die Sandwüste gegangen, die Bahn war direkt durch das reichhaltigste Lager von Diamanten gebaut, Ingenieure und Geologen hatten jahrelang die Gebiete nach Gold und Diamanten erforscht und waren über die Millionen von Diamanten gestolpert. Sie hatten nur nicht erkannt, dass sie direkt auf den Diamanten standen und lagerten, bis der Eingeborene, der in der Kapkolonie in den Kimberleyminen gearbeitet hatte, der Entdecker wurde. Der Aufschwung für Lüderitzbucht war sofort sehr groß, und der Zustrom von Fremden von auswärts sowie vom Inlande her war unbeschreiblich. Alles wollte reich werden.
Auf Heimaturlaub
Am 18. März 1909 trat ich nach bereits vierjährigem Aufenthalt die Heimreise an. In meinem Tagebuch notierte ich dies wie folgt: "Swakopmund den 17. März 1909. Der letzte Tag auf südwestafrikanischem Boden ist angebrochen, morgen geht es zurück in die Heimat, gesund und munter, froh und frei. Vier schwere und arbeitsreiche Jahre mit sind mit Gottes Hilfe überstanden, ich habe manchen guten und bösen Tag erlebt, der guten gedenkt man, die schlechten hat man schnell vergessen." Am 18. März früh um 8 Uhr ging es in den Leichter, und in 20 Minuten waren wir im bekannten Korb des Dampfers "Feldmarschall" hoch gewunden. An Deck spielte die Kapelle, Bekannte von Lüderitzbucht und aus dem Süden wurden begrüßt, unter anderem die Kollegen Schleuther und Tallius, die sich im August bei der Ausreise je eine Frau mit rausnahmen. (...)
Ich verlebte den Urlaub in der Heimat vom 09. April bis zum 25. August 1909, wo ich ab Hamburg zum zweiten Mal die Ausreise antrat, und zwar mit dem Dampfer "Gertrud Woermann". Mein Tagebuch sagt hier folgendes: "Hamburg, den 25. August 1909. Heute die Ausreise angetreten, Dampfer gut und neu, Verpflegung ausgezeichnet, desgleichen Unterkunft. Alle 3 Klassen besetzt." Am 27. August in Antwerpen eingetroffen, verblieben wir dort bis zum 30. Am 01. September gingen wir in Southampton vor Anker, Post und Passagiere wurden an Bord genommen, und abends ging es weiter. Am 02. September passierten wir Cap Finistère und waren am 06. September in der Frühe in Las Palmas. Am Nachmittag gingen wir in Teneriffa vor Anker, und abends reisten wir bereits weiter. Am 13. September passierten wir wieder den Äquator, dort erfolgte wie immer die große Taufe für die Erstausreisenden. Am 21. September gingen wir vor Swakopmund vor Anker (...)
Ich bekam ein Telegramm, weiter nach Lüderitzbucht zu fahren und landete dort am 22. September um 12.30 Uhr. Die Reise war famos, auch wegen der vielen lieben Bekannten, die wieder mit ins Land der ständigen und heißen Sonne mit hinaus fuhren. (...)
Ich verblieb dann noch weiter beim Bau in Lüderitzbucht, was sich ständig vergrößerte. Als wir 1908 ins neue Postamt umzogen, hatten wir stark 50 Anschlüsse, und im Herbst 1910 waren es schon weit über 100 Stück. Am 09. Oktober 1910 ging ich zur Instandhaltung der Eisenbahnlinie Lüderitzbucht-Keetmanshoop und kehrte am 18. Februar 1911 nach Lüderitzbucht zurück, wo ich bis zum 09. März verblieb. Ich bekam dann Anweisung, wieder nach Ramansdrift zum Oranje zu reisen. Dort hatten die Engländer eine Leitung von Kapstadt her gebaut, die mit der unseren verbunden wurde. Das hatte den Vorteil, dass die vielen Telegramme, die bei uns im Inlande für die Kapkolonie aufgegeben wurden, nicht mehr auf dem Kabel Swakopmund-Kapstadt befördert werden mussten, sondern auf dem Landweg verschickt werden konnten. Welch ein Unterschied: auf dem Kabel kostete jedes Wort 1,60 M und auf dem Landweg nur 30 Pfg. Bei einem Telegramm von Swakopmund nach Deutschland kostete jedes Wort 2,75 Mark. (...)
Bis zum 28. Mai 1911 verblieb ich dann noch in Lüderitzbucht. Ich bekam den Auftrag, von Windhuk dem Tel.-Inspektor Zeller die 1905/06 hergestellte Leitung Windhuk-Keetmanshoop in eine Doppelleitung und die einzelnen Stationen auf Simultanbetrieb umzustellen, das heißt, man konnte dann gleichzeitig telegrafieren und sprechen. (...) Dann war ich zum Überholen der Leitung Lüderitzbucht-Keetmanshoop bis zum 24. März 1913 unterwegs. In meinem Tagebuch habe ich kurz geschrieben: "24. März 1913 in Keetmannshoop: Gehe im Laufe dieser Woche an die Ostgrenze, am Fuße der Wüste Kalahari bis Stolzenfels, am Oranje hoch bis Ramansdrift und über Warmbad durch die großen Karasberge zurück nach Keetmanshoop. Die Tour soll drei Monate dauern." (...)
Von der Kalahari nach Köln
Die Kalahari ist eine große Sandwüste zwischen unserem Schutzgebiet und dem britischen Betschuanaland. Interessantes gab es da auch gar nichts, außer dem vielen Wild, in erster Linie Strauße, Gemsböcke und Springbockherden bis zu 10 000 Stück und ungeheuer viel Schakale und Hyänen. Dort trifft man sogar noch den König der Tiere, den Löwen. Dann nicht zu vergessen die vielen kleinen, mittleren und großen Schlangen, allesamt giftig und tödlich, dazu auch Skorpione in größeren Mengen. Selbstredend fand ich die auch anderswo im Gelände, aber nicht in dem Maße wie in der Kalahari. Das ganze Viehzeug ist aber nicht gefährlich, solange man es sich von der Pelle halten kann, das heißt, wenn man nicht zufällig drauftritt oder die Tiere sonst wie belästigt.
Die Eingeborenen, ob Hottentotte, Herero, Klippkaffer, Basuto, Zulu oder Ovambo, hatten alle vor den Schlangen und Skorpionen einen höllischen Respekt und kniffen auf 20 bis 30 m aus, um dann das Tier zu steinigen. Bei jedem Lagerverlegen fanden wir unter dem Zeltfußboden, den Proviantkisten und Reissäcken immer Schlangen und Skorpione. In den Decken und Lagerstellen hielten sie sich mit Vorliebe auf, deshalb war man drüben gezwungen, morgens beim Aufstehen die Decken sofort zu lüften, das heißt, man schmiss sie übers Zelt oder über den Ochsenwagen oder über einen Dornstrauch. Vor dem Nasswerden durch Regen brauchte man im Allgemeinen elf Monate und einunddreißig Tage im Jahre keine Angst zu haben, denn nicht jedes Jahr konnte man im Süden des Schutzgebietes mit Regen rechnen.
(...)
Ab Ramansdrift hatte ich dann die Reichsleitung nach Keetmanshoop instand zu setzen und traf die alten braven Wasserstellen wie ehemals wieder an, nur mit dem Unterschied, dass sie jetzt so ziemlich alle verlassen waren. Oder sie waren mit Polizei besetzt. Am 28. Juni traf ich mit der gesamten Kolonne, ohne ein Tier verloren zu haben, und mit meinem braven Adalbert, dem ehemaligen Pferd des Generalleutnants von Trotha, in Keetmanshoop wieder ein. Der Adalbert hatte sich aber 50 km vor Keetmanshoop in böswilliger Absicht, da er die Heimat roch, ohne mich von der Weide aus in Marsch gesetzt. Als er früh morgens mit den andern Tieren nicht rein kam, meldete der Wächter, Adalbert haste bereits nach Keetmanshoop. Nachmittags fragte ich telefonisch beim Kommando Süd an, und da wurde mir gesagt, dass er schon da sei. Ich kam selbstredend ein paar Tage später auch an.
Mein Tagebuch sagt dann noch folgendes: "Ab 28. Juni bis 14. Juli im Keetmanshooper Ortsnetz gearbeitet, am 14. Juni nach Kuibis zum Abbruch der Postagentur gefahren." Letztere war inzwischen in das massive Eisenbahnstationsgebäude verlegt worden. Die alte Postagentur war eine Wellblechbaracke, man verpackte sie auf die Eisenbahn und baute sie in Keetmanshoop wieder auf, wo ich dann noch bis zum 06. August 1913 verblieb. Am 07. August 1913 reiste ich nach Lüderitzbucht zwecks Abreise ab. Am 15. August musste ich mich an Bord des Ostafrikadampfers "Bürgermeister" begeben und landete dann am 08. September 1913 in Antwerpen. Von dort aus fuhr über Köln in das oberbergische Wahlscheid, meinen Heimatort.
Das Buch "Otto Schiffbauer: Als Telegrafenbauer in Deutsch-Südwest", herausgegeben und kommentiert von Wilhelm R. Schmidt, ist erschienen im Sutton Verlag, Erfurt.