Krieg auf dem Land - DER SPIEGEL
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Krieg auf dem Land: Großer Bahnhof

Foto: Hanno Krusken

Krieg auf dem Land Großer Bahnhof

Einquartierungen gehörten bald zum Alltag: Nachdem im Herbst 1939 der Krieg begonnen hatte, musste sich Karl Winand Krüsken als Knirps daran gewöhnen, den Bauerhof seiner Eltern mit Wehrmachtssoldaten, Flüchtlingen und Zwangsarbeitern zu teilen. Letztere wuchsen ihm über die Jahre ans Herz - erst recht, weil sie der Familie schließlich das Leben retteten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wohl behütet wuchs ich auf einem Bauernhof in der Nähe des Dörfchens Schöller ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Wuppertal und Düsseldorf auf. Der nächste größere Ort hieß Mettmann. Hier bin ich 1931 geboren worden und hier ging ich zur Schule. Als im Herbst 1939 der Krieg ausbrach, nahm unser ruhiges, beschauliches Landleben ein abruptes Ende. Regelmäßig wurden deutsche Soldaten bei uns einquartiert, 1940 kamen die ersten Zwangsarbeiter und zum Kriegsende US-Soldaten und etliche Flüchtlinge. Teilweise ging es auf unserem Hof zu, wie auf einem Bahnhof.

Die ersten, die kamen, waren deutsche Soldaten. Es handelte sich um einen Verpflegungstrupp einer Kompanie, die zuvor im Polenfeldzug im Einsatz und nun auf dem Weg nach Frankreich war. Am ersten Abend trugen sie einen großen Bottich herbei, der die Rumration für die ganze Kompanie enthielt. Am nächsten Morgen war kaum noch etwas übrig, sodass der Rest der Kompanie die gesamte Woche auf Rum verzichten musste. Jeden Morgen fuhr der Trupp nach Mettmann oder Gruiten, um Nachschub zu holen. Doch statt die Rationen direkt beim Koch in Schöller abzuliefern, zweigten sie große Stücke Fleisch, reichlich Wurst, Kaffee und Butter für sich ab und feierten abends mit den ergaunerten Lebensmitteln bei uns fröhliche Gelage. So versorgten sie sich selbst am besten.

Diese Einquartierung dauerte den ganzen Winter 1939/40. Sie ließen noch nichts von der Grausamkeit des Krieges erahnen. Reihenweise wurde nach dem Polenfeldzug Soldaten, Tiere und Material mit der Bahn von Osten nach Westen für den Frankreichfeldzug gebracht. Viele der Züge hielten auch in Mettmann. Die Menschen liefen herbei und bejubelten die Helden, die uns Kindern Schokolade und Süßigkeiten zuwarfen. Noch waren alle im Siegestaumel.

Nach dem Frankreichfeldzug fuhren ähnliche Transporte in entgegen gesetzter Richtung - nach Russland. Aber da ließ der Jubel zusehends nach. Die anfängliche Kriegseuphorie war längst verflogen. Spätere Einquartierungen waren daher lange nicht mehr so fröhlich. Vor allem wachten die Soldaten mit Argusaugen über die Verteilung der Lebensmittel. Oft behandelten sie ihre Pferde schlecht. Sie wurden nicht einmal abgeschirrt, obwohl sie aufgescheuerte Haut und eiternde Wunden hatten. Verstanden sie nichts von Tieren? Oder waren sie einfach nur müde vom Krieg? Ich habe es nie herausgefunden.

Ein fast freundschaftliches Verhältnis

Der ersten Zwangsarbeiter, der zu uns kam, war der Franzose Ange. Er war im Kriegsgefangenenlager in Schöller untergebracht. Etliche der dort internierten Häftlinge arbeiteten bei den Bauern und Handwerkern in der Umgebung. Jeden Morgen musste mein Vater Ange aus dem Lager abholen und ihn abends wieder zurückbringen. Irgendwann durften die Kriegsgefangenen dann bei ihren Arbeitgebern wohnen. Auch Ange zog bei uns ein. Voraussetzung war, dass sein Zimmer durch feste Gitter an den Fenstern gesichert war, damit er nicht fliehen konnte. Mein Vater gab Ange daraufhin ein Stück Hühnerdraht und befahl ihm, es an sein Fenster zu nageln. Ich, der zwölfjährige Knabe, wurde zu seinem "Bewacher" ernannt. Ganz offensichtlich vertraute mein Vater Ange blind. Später bekamen wir noch einen zweiten Zwangsarbeiter dazu. Er hieß Roger.

Weder Ange noch Roger hatten Grund zu fliehen. Im Vergleich zu jenen Gefangenen, die im Steinbruch im nahe gelegenen Dornab schuften mussten, ging es ihnen gut. Sie trugen Zivilkleidung, hatten stets genug zu essen und zu rauchen. Meine Mutter brachte ihnen regelmäßig Zigaretten und Tabak mit, die sie am Kiosk von "Oma Melles" - so nannten wir Kinder die Besitzerin - in Mettmann kaufte. So entstand über die Jahre ein fast freundschaftliches Verhältnis, was sich im letzten Kriegsjahr nur allzu deutlich zeigte. Als mein Vater 1944 bei einem Unfall mitten in der Erntezeit starb, trommelten Ange und Roger alle Zwangsarbeiter in der Gegend zusammen. Innerhalb eines Tages holten sie die gesamte Ernte ein.

Einmal stach mich allerdings der Hafer. Aus Gewehrpatronen holte ich Schiesspulver, drehte schöne Zigaretten, präparierte sie mit dem Pulver und gab sie den beiden Franzosen, die gerade Ebbe in ihrem Vorrat hatten. Nachdem die Glimmstengel explodiert waren, war unsere Freundschaft eine Zeit lang getrübt. Vertrimmt haben sie mich aber nicht, das besorgte meine Mutter.

Xenia und Natascha

Die erste russische Zwangsarbeiterin, die uns zugewiesen wurde, war Xenia aus Weißrussland. Sie bandelte bald mit Ange an und wurde schwanger. Ange hatte die feste Absicht, seine Xenia zu heiraten. Da aber Eheschließungen unter Zwangsarbeitern verboten waren und die Nazis mit drakonischen Strafen drohten, wenn man sich nicht daran hielt, entschlossen sich die beiden schweren Herzens zur Abtreibung. Alle Bemühungen meiner Mutter, einen Weg aus diesem Dilemma zu finden blieben erfolglos. Die Behörden ließen nicht mit sich reden.

Eine andere Zwangsarbeiterin war eine kleine schwarzhaarige, immer vergnügte Russin, die - soweit ich mich erinnere - Natascha hieß. Als sie bei uns abgeliefert wurde, trug sie nichts weiter am Leib, als eine weiße Bluse, einen bunten Rock und zerschlissene Gummischuhe. Sie lebte sich schnell ein und lernte Deutsch. Durch die Mädchen erfuhren wir viel über Russland. Was sie erzählten, passte so gar nicht das Bild, das die Nazis uns über die "unzivilisierten russischen Halbmenschen" vermittelt hatten. Meine Eltern sorgten dafür, dass sie gut gekleidet waren. Sonntags konnten sie ausgehen und sich mit ihren Landsleuten treffen. Und so entwickelte sich über die Jahre zwischen den Mädchen und meiner Mutter ein herzliches Verhältnis.

Das Kriegsende begann für uns mit einem einmaligen Schauspiel. Im Forst Osterholz unweit von Mettmann lagerte im Frühjahr 1945 eine Kraftfahrzeug Reparaturkompanie, zu der auch Kompanien mit Pferden gestoßen waren. Offensichtlich hatte man angesichts der vorrückenden Alliierten beschlossen, die Einheiten aufzulösen und die Pferde freizulassen. Jedenfalls bevölkerten plötzlich Hunderte von Pferden die Felder in der Umgebung und fraßen dort das Getreide ab.

Die ersten Amerikaner

Es dauerte nicht lange, bis sich die Zivilbevölkerung aufmachte, um die Pferde einzufangen. Teils waren sie zum Schlachten, teils für die Bauern als Zugpferde gedacht. Besonders begehrt waren die schweren Belgier, die für landwirtschaftliche Zwecke besonders geeignet sind. Ich bekam eine Stute, einen Schimmel samt Sattel und Geschirr und hatte damit plötzlich ein Reitpferd! Ein oder zwei Zugpferde bekam meine Mutter für die Landarbeit.

Kurz danach tauchten bei uns die ersten Amerikaner auf. Den Militärkolonnen vorweg fuhren Panzer, die ihre Kanonen hin und her schwenkten. Dann kamen Jeeps mit Maschinengewehren bestückt, danach Lastwagen voller Soldaten, ebenfalls schwer bewaffnet. Da niemand Widerstand leistete, wurde auch nicht geschossen. Damals sah ich zum ersten Mal Afroamerikaner, die als Soldaten ihren Dienst taten. Wir fürchteten sie sehr. Zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte.

Einige US-Soldaten kamen auch zu uns. Einer davon hatte in seinem Helm Kaffeebohnen, die er meiner Mutter anbot und mit Füßen und Händen nach frischen Eiern fragte. Das Geschäft kam zustande, wir freuten uns über den Bohnenkaffee, die Soldaten zogen überglücklich mit den frischen Eiern ab und bedankten sich überschwänglich.

Reger Tauschhandel

Zuerst waren wir erstaunt über den Wunsch der Soldaten, später merkten wir, warum sie frische Eier haben wollten. Ihre Verpflegung bestand nämlich aus Fertignahrung in Büchsen. Offensichtlich schmeckten diese Fertiggerichte furchtbar. Unsere Russinnen witterten sofort ein gutes Geschäft. Schon am nächsten Tag stellten sie sich mit Milch, Butter und Eiern an die Straße und boten sie als Tauschware gegen Kaffee feil, der bei uns eine absolute Rarität war.

Kurz nach ihrem Einzug verhängten die Amerikaner eine Ausgangssperre, die um 18 Uhr begann und von Militärpatrouillen kontrolliert wurde. Eines Abends war eines unserer Kälber aufs Feld gelaufen. Meine Mutter und die Russinnen versuchten es einzufangen und verletzten damit zwangsläufig die Ausgangssperre. In genau diesem Moment kamen zwei Amerikaner vorbei. Wir befürchteten schon das Schlimmste. Als die beiden Soldaten aber sahen, dass die Frauen in Not waren, liefen sie sofort hinterher, um ihnen zu helfen.

Ihre Karabiner ließen sie bei mir am Haus stehen, ebenso die Helme. Nachdem das Kalb eingefangen war, kamen sie zurück und unterhielten sich mit uns. Sie trugen gefährlich aussehende Patronengürtel, die allerdings nicht mit Patronen sondern mit Schokolade, Süßigkeiten und Zigaretten bestückt waren, die sie uns schenkten.

Plünderer

Am größten war unsere Angst vor nächtlichen Plünderungen der Russen und Polen, die nun plötzlich frei waren und sich als Herren und Sieger aufspielten. Denn nicht überall waren sie gut behandelt worden. Der Großteil von ihnen kam in dem etwa drei Kilometer entfernten Gutshaus Benninghof unter. Fast jede Nacht plünderten sie einen der Höfe in der Umgebung. Einige Bauern, die sich zur Wehr setzten, erschossen die marodierenden ehemaligen Gefangenen kurzer Hand. Auch wir hatten Angst und verbarrikadierten Fenster und Türen. Bei uns wurde jedoch nur einmal eingebrochen, den Spuren nach zu urteilen aber nicht von Ausländern, sondern von anderen Dorfbewohnern.

Unsere Russinnen hatten erfahren, wer hinter den Plünderungen stand. Sie besprachen sich mit meiner Mutter und gingen dann zum Benninghof. Sie machten den Anführern klar, dass bei uns nichts zu holen sei und meine Mutter unter ihrem persönlichen Schutz stehe. Offensichtlich hatte das gewirkt. Bei uns kam es nie zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen oder Russen. Jeden Abend kamen eine Reihe von Deutschen und Ausländern aus der Umgebung und vom Benninghof zu uns ans Küchenfenster, wo meine Mutter frische Milch und Eier möglichst gerecht verteilte.

War einmal ein Russe oder Pole aufdringlich oder wollte bevorzugt behandelt werden, wurde er von den Russinnen und meiner Mutter zurechtgewiesen und an seine Stelle der Warteschlange verwiesen. So regelte sich das Zusammenleben zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern allmählich - dank der Tatkraft unsere beiden Russinnen. Während Ange und Roger im Frühsommer tränenreich Abschied von uns nahmen, blieben Xenia und Natascha noch bis Herbst 1945 bei uns, wobei ihr Abschied nicht weniger schmerzhaft war. Als 1990 der Eiserne Vorhang fiel, kamen sie mich sogar besuchen. Offensichtlich hatten sie die Zeit bei uns genauso positiv in Erinnerung wie ich.

Veröffentlicht von Hanno Krüsken aus dem Nachlass seines Vaters Karl Winand Krüsken.