Kriegsende Schutzbefohlene des Barons von Ardenne
Manfred Baron von Ardenne (1907 - 1997), Deutscher Physiker, in seinem Labor in Berlin
Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Hanns HubmannNach meiner Entlassung aus dem Reichsarbeitsdienst kehrte ich Mitte April 1945, nach einer dreitägigen, immer wieder von Bombenangriffen unterbrochenen Zugfahrt in meine Heimatstadt Berlin zurück. Ein Telegramm, das mein Vater mir ins Lager geschickt hatte und in dem er mich aufforderte, statt in das viel zu gefährliche Berlin zu ihm nach Thüringen zu fahren, wo er im "Amt für Ausland / Abwehr" des Oberkommandos der Wehrmacht das Kriegsende erlebt hatte, erreichte mich nicht mehr.
Ich konnte daher zuerst nicht verstehen, warum meine Mutter und mein Bruder so entsetzt waren, als ich bei ihnen in Lankwitz, einem Ortsteil im Süden von Berlin, eintraf. Sie wollten gerade mit den Fahrrädern Richtung Westen flüchten und wähnten mich längst in Sicherheit bei meinem Vater. Ich schlug ihnen vor, zu dritt zu fahren, doch meiner Mutter erschien es sicherer zu sein, in Berlin zu bleiben und auf meinen Vater zu warten.
Am 24. Mai 1945 kamen die Sowjets nach Lankwitz. Ein Leutnant, der perfekt Deutsch sprach, und drei Soldaten klingelten bei uns. Sie gingen durchs Haus und in den Keller, sahen sich alles an und verschwanden wieder. Wir dachten: "Das ist ja gut gegangen, jetzt haben wir Ruhe." Aber vier Tage später klingelten sie erneut. Ich versteckte mich zusammen mit der Tochter unserer Untermieter hinterm Haus im Splittergraben, der zum Schutz vor Fliegerangriffen in unserem Garten angelegt worden war. Der Splittergraben war ein gutes Versteck, sein Eingang lag verborgen hinter Sträuchern.
Eine tödliche Verwechslung?
Zwei Soldaten durchsuchten lautstark das ganze Haus. Da sie Russisch sprachen, konnte keiner verstehen, was sie wollten. Vielleicht hatten sie gehört, dass hier zwei junge Mädchen wohnten und suchten uns? Sie griffen sich schließlich meinen Bruder und einen Freund von ihm, der uns gerade besuchte, stellten sie an den Zaun und erschossen beide mit gezielten Genickschüssen. Im Splittergraben konnten wir nichts sehen, aber wir hörten die Schüsse. Danach verschwanden die Soldaten. Meine Mutter und ich trugen den Leichnam meines Bruders ins Wohnzimmer. Der Leichnam des Freundes wurde von seinen Angehörigen abgeholt.
Weil meine Mutter und ich nicht wussten, was wir mit meinem toten Bruder tun sollten, ließen wir ihn einfach auf dem Sofa liegen. Nach einigen Tagen wurde der Leichengeruch unerträglich. Ein Nachbar half uns, ein Grab im Garten zu schaufeln, in dem wir meinen Bruder in Bettlaken gehüllt begruben. Erst Monate später, im Oktober, wurden alle Opfer des sowjetischen Einmarsches auf den Langefriedhof umgebettet. Wir haben nie erfahren, warum sie meinen Bruder erschossen. Vielleicht handelte es sich um eine Verwechslung? Er war erst 23 Jahre alt, als er starb.
Man riet meiner Mutter, die große Angst um mich hatte, mich zu Baron Manfred von Ardenne zu schicken. Er wohnte nur wenige hundert Meter entfernt von unserem Haus und war ein bekannter Physiker. Die Sowjets waren an seinen Forschungsergebnissen sehr interessiert. Aus diesem Grund genossen er und seine Familie besonderen Schutz. Für den Baron war es selbstverständlich zu helfen. So kam man überein, mich als Dienstmädchen auszugeben. Täglich brachte ich das Bad und das Schlafzimmer des Hauses in Ordnung, das so gut wie leer stand. Nur ein französisches Ehebett aus Nussbaumholz gab es, das am Kopfende mit einer Freiherrenkrone verziert war.
Im Bunker des Erfinders
Auf dem Grundstück befanden sich drei große Bunker. Einer davon war für den Privatgebrauch bestimmt und mit den Möbeln des Barons ausgestattet worden. Offenbar hatten er und seine Familie während des Krieges auch in diesem Bunker geschlafen und die nun eingetretene Ruhe dazu genutzt, wenigstens das Bett wieder im Haus aufzustellen. Wenige Tage nach meiner Ankunft wurde damit begonnen, den Privatbunker zu räumen und die Möbel nach und nach wieder in das Haus zu schaffen. Verblüffenderweise hatte der Baron neben wichtigen Dingen auch Unmengen von Papierservietten, Strohhalmen und Strohhüten in Sicherheit gebracht. Ich wunderte mich sehr, als diese Dinge aus dem Bunker getragen wurden.
In den ersten Nächten schlief ich im sogenannten "Tiefbunker", in den man über 38 Stufen gelangte. Unten befand sich Ardennes Laboratorium, zahlreiche Geräte und Instrumente, darunter ein riesiger Magnet, der in einem etwa drei mal vier Meter großen Raum untergebracht war. Ich schlief nicht allein in diesem Bunker, sondern zusammen mit einigen anderen Personen, die dort schon länger hausten. Darunter ein Ehepaar, das einige Häuser weiter ein Restaurant besaß. Nach etwa einer Woche gaben meine Mitbewohner ihre Schlafstätte auf und zogen zurück nach Hause. Ich blieb, zog aber in das Gartenhaus um.
Der Baron spazierte jeden Tag um die Mittagszeit über sein Grundstück und unterhielt sich mit allen, denen er begegnete. Er verteilte mit Schokolade überzogene Pfefferminzplätzchen aus einer Umhängetasche. Eines Tages erzählte er uns voller Freude, dass er mit den Russen ins Geschäft kommen und am Wochenende nach Moskau fliegen würde, um Einzelheiten einer zukünftigen Zusammenarbeit zu besprechen. Es war ein offenes Geheimnis, dass er seine Versuche und Arbeiten auf dem Gebiet der Atomphysik gerne fortsetzen wollte und von den Sowjets Unterstützung erwarten durfte. Dass es für ihn eine Reise mit später Rückkehr werden würde, ahnte er nicht.
Abtransport von Wasserhähnen und Mitarbeitern
Unsere sowjetischen Beschützer bekamen wir übrigens nie zu Gesicht. Sie hielten sich auf dem vorderen Teil des Grundstücks auf und bewachten den Haupteingang. Sie ließen uns völlig unbehelligt. Nur einmal fiel um Mitternacht ein Schuss. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass der Wachsoldat sich auf dem Rasen hingelegt hatte und eingeschlafen war. Bei der Wachablösung hatte ihn sein Kamerad auf seine Weise geweckt - durch einen Schuss in die Luft.
Es war Freitag vor Pfingsten, als der Baron abreiste. Seine Frau und seine beiden kleinen Kinder begleiteten ihn. Ich kehrte an diesem Tag zu meiner Mutter zurück. Es war inzwischen ruhiger geworden. Aber ohne den Baron trauten wir dem Frieden nicht mehr. Am Pfingstsonnabend erschienen etwa hundert sowjetische Soldaten und transportierten alles ab, was sie vorfanden, nicht nur die Geräte und Instrumente, sondern auch die Möbel, sämtliche Kleidung und das Geschirr. Sogar die Wasserhähne wurden abmontiert und die engsten Mitarbeiter des Barons wurden auch gleich mitgenommen. Alles wurde in die Sowjetunion geschickt.
Auf Umwegen gelangten später einige Nachrichten über Baron von Ardenne zu uns. Es hieß, er lebe auf der Krim und es gehe ihm gut. Viele seiner persönlichen Sachen seien nicht bei ihm eingetroffen, und von dem, was angekommen war, sei vieles durch schlechte Verpackung und rohen Umgang in miserabler Verfassung. Ansonsten fühle er sich in der Sowjetunion wie in einem Käfig. Vor seiner Rückkehr 1954 in die DDR - nur dort durfte er seine Messgeräte und Experimentieranlagen behalten - war Ardenne 1953 mit dem höchsten zivilen Staatspreis der Sowjetunion, dem "Stalinpreis", für seinen Beitrag zur Erfindung der Wasserstoffbombe ausgezeichnet worden.