Kriegsende in Franken - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Kriegsende in Franken: Inmitten des Grauens

Foto: AP

Kriegsende in Franken Inmitten des Grauens

Gemeinsam mit seiner Schwester schlug sich Waldemar Maile im März 1945 von Münnerstadt in Unterfranken über Würzburg bis in seine Heimatstadt Nürnberg durch. 150 Kilometer unter Tieffliegern, zwischen Trümmern und Leichen - hautnah erlebten die Geschwister die Schrecken der letzten Kriegstage mit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es muss ungefähr der 13. März 1945 gewesen sein. Ich war zwölf Jahre alt und lebte im Schulheim Münnerstadt rund 150 Kilometer von meiner Heimatstadt Nürnberg entfernt. Die Kinderlandverschickung hatte mich hier vor den Bombardements in Nürnberg in Sicherheit gebracht. Vor der Machtergreifung war die Schule ein renommiertes katholisches Gymnasium gewesen. Danach wurde sie Schritt für Schritt in eine Vorzeige-Nazi-Schule umgewandelt, die die Schüler vor allem für einen späteren Einsatz in der Wehrmacht oder der Waffen-SS vorbereitete.

An diesem 13. März hatte die stellvertretende Heimleiterin meine Klasse mal wieder zu einer Geländeübung in den Wald zitiert und triezte uns mit militärischem Drill. Natürlich trugen wir die Uniform des Jungvolkes. Plötzlich tauchte meine damals 22 Jahre alte Schwester auf und bat die Heimleiterin inständig, mich mit nach Hause nehmen zu dürfen.

Meine Mutter hatte sie geschickt, weil sie krank vor Sorge um ihre drei Söhne war. Der Krieg neigte sich dem Ende zu. Die Amerikaner standen kurz für Schweinfurt und Würzburg. Und ihre Söhne waren in alle Himmelsrichtungen verstreut. Mein ältester Bruder lag verwundet in einem Lazarett in Würzburg, war aber schon wieder für den Einsatz an der Westfront rekrutiert. Mein zweiter Bruder war im Rahmen der Kinderlandverschickung in einem Internat in Überlingen am Bodensee gelandet. Da er Jahrgang 1930 war, hatte er bereits den Einstellungsbefehl zum Volkssturm erhalten und konnte nicht nach Hause kommen. Nun wollte sie wenigstens mich, den Jüngsten, unter ihre Fittiche nehmen.

70 Kilometer Fußmarsch

Zum Glück war Schulleiter Herrmann Schneider, ein überzeugter Nazi, nicht da. Die stellvertretende Heimleiterin hatte Erbarmen und ließ mich mit meiner Schwester gehen - allerdings auf eigene Verantwortung. Mein ältester Bruder hatte meiner Schwester geraten, in das nahe Würzburg gelegene Örtchen Kist zu laufen, da er dort eine Bauerfamilie kannte, bei der wir einkehren und übernachten konnten.

Wir liefen also immer die Bahnstrecke entlang Richtung Würzburg und Kist. Diesen Marsch werde ich nie in meinem Leben vergessen. 70 Kilometer mussten wir zurücklegen. Immer wieder wurden wir von Tieffliegern angegriffen, die es auf die Bahnlinie abgesehen hatten und dabei zwangsläufig auch auf die vielen Flüchtlinge schossen, die sich an der Bahnlinie orientiert: Bauern, Frauen, Kinder. Mehrmals mussten wir uns in den Straßengraben in Deckung schmeißen. Einmal sah ich direkt über unseren Köpfen einen Güterzug stehen, der zum Glück nicht bombardiert wurde. Wahrscheinlich hatten die Jagdbomber ihre Munition schon verschossen.

Nach zwei Tagen war ich völlig entkräftet, ausgehungert und übermüdet. Meine tapfere Schwester zog mich mehr, als dass ich lief. Ich bewundere sie dafür heute noch! Sie war Ende 1944 nach einmonatiger Ehe bereits Kriegerwitwe geworden. 15 Kilometer vor Würzburg verließen uns dann doch sämtliche Kräfte. Vor Erschöpfung schliefen wir im Straßengraben ein.

Ausgeschalteter Verstand

Am 17. März kamen wir endlich im zerstörten und vollkommen ausgebrannten Würzburg an. Über 500 britische Bomber hatten innerhalb von 25 Minuten die Stadt fast vollkommen zerstört. Wir kletterten über Trümmer und Leichen und bahnten uns, so gut es eben ging, den Weg nach Kist. Bei mir hatte sich der Verstand ausgeschaltet, da ich sonst sicherlich verrückt geworden wäre. Jahrzehnte später erzählte mir meine Schwester, dass es in den Ruinen furchtbar nach Leichen gestunken hatte.

Schließlich erreichten wir nach weiteren zehn Kilometern die Bauernfamilie in Kist. Dort konnten wir uns einige Tage erholen und bekamen auch gut zu essen. Dann brachen wir erneut auf - ins 30 Kilometer entfernte Kitzingen, weil nur von dort Züge nach Nürnberg fuhren. Netterweise begleitete uns die Tochter des Bauern mit ihrem Fahrrad. Weil sie Mitleid mit mir hatte, nahm sie mich einen Teil der Strecke auf dem Gepäckträger mit.

Die Zugfahrt war abenteuerlich. Ein Tieffliegerangriff jagte den anderen. Ständig hielt der Zug deswegen an. Irgendwann erreichten wir schließlich Nürnberg-Hauptbahnhof - und mussten gleich in den Bahnhofsbunker, weil schon wieder Fliegeralarm war. Vom Bahnhof marschierten wir los ins acht Kilometer entfernte Laufamholz. Meine Mutter empfing uns freudestrahlend. Wenigstens uns hatte sie nun in dieser unsicheren Zeit an ihrer Seite.