Kriegsgefangenschaft Gleis zum geheimnisvollen Hügel
Gedächtnisskizze des Lagers Kolomea: Die Anlage wurde von Häftlingen auf einem ehemaligen Gut errichtet.
Foto: Kurt MönchAnfang Juni 1945 war ich unter den 300 Kriegsgefangenen, die aus dem galizischen Lager Stanislau in der heutigen Ukraine in das Nebenlager Kolomea verlegt wurden. Wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt lag eine verlassene Gutsanlage, die wir zu Unterkünften ausbauen mussten. Nachdem wir das Gelände mit Stacheldraht eingezäunt hatten, begannen die Arbeitseinsätze. Technische Maschinen hatten wir nicht, nur einfache Werkzeuge und vor allem unsere eigene Muskelkraft.
In einem Kommando von 20 Gefangenen sollte ich im August auf dem Bahnhof Schienen verlegen. Die Strecke wurde bis zu einem kleinen Hügel auf der Südseite des Bahnhofes abgesteckt. Ob die mit Unkraut bewachsene Erhebung etwas mit der Gleisverlegung zu tun hatte, wussten wir nicht. Der Hügel war ungefähr 20 Meter lang, 15 Meter breit und fünf Meter hoch. Wir alle spürten, dass ihn ein Geheimnis umgab.
Der zuständige Eisenbahner entschied, dass wir das Gleisbett mit Schlacke auffüllen sollten. Der Platz, an dem die Aschekästen der Lokomotiven entleert wurden, lag aber auf der Nordseite des Bahnhofes. Zunächst schoben wir mit vereinten Kräften einen leeren Waggon an diese Stelle. Er war oben offen und hatte etwa 1,50 Meter hohe Seitenwände. Nun sollten alle 20 Mann gleichzeitig die Schlacke in den Waggon schaufeln. Da wir uns dabei auf engem Raum gegenseitig behinderten, machte ich den Vorschlag, dass zehn Mann im Wechsel eine Viertelstunde schaufeln und die anderen sich ausruhen sollten.
Schwerstarbeit
Wie sollte der beladene Waggon nun auf die Südseite des Bahnhofes gelangen? Wir mussten ihn vor- und rückwärts von Weiche zu Weiche und von Gleis zu Gleis schieben. Anfangs bediente der Eisenbahner die Weichen, später sollten wir es selbst tun. An der Südseite mussten wir den Waggon wieder umständlich mit Schaufeln leeren, bevor wir ihn zurück bis zum Ascheplatz rangierten.
So ging das eine Woche lang. Was es mit dem Hügel auf sich hatte, war uns zu dem Zeitpunkt immer noch nicht klar. Um die Schienen verlegen zu können, erhielten wir eine spezielle Eisensäge. Man mag es nicht glauben, aber nach kurzer Zeit schafften zwei Mann einen Schnitt durch eine Schiene. Alles war Schwerstarbeit, auch das Tragen von Schwellen, Schienen, Weichenteilen und Zubehör.
Unerwartetes Mitgefühl
Als Gefangener in einem Land, dem wir im Krieg hohe Verluste und große Zerstörungen zugefügt hatten, erwartete ich von der Bevölkerung keine Zuneigung. Wir wurden jedoch immer korrekt behandelt, und offener Hass ist mir nie begegnet. Nur der Hunger begleitete mich ständig. Doch der russischen Bevölkerung ging es nach dem Kriegsende auch nicht viel besser.
Umso mehr fühle ich Dankbarkeit für Zeichen des Mitleids, die ich dort erfuhr. Einmal hielt neben der Gleisbaustelle ein Zug mit entlassenen russischen Soldaten, die auf der Heimfahrt waren. Wir Gefangenen hatten uns bei einer Pause neben dem Gleis niedergelassen. Viele Soldaten stiegen aus, vertraten sich die Beine oder standen rauchend in Gruppen beieinander.
Da kam ein junger Soldat auf mich zu und schüttelte einen braunen Stoffbeutel wie zufällig neben mir aus, bevor er in einem Bogen zurück zum Zug ging. Seine Kameraden sollten das offensichtlich nicht mitbekommen. Vor mir auf dem Boden lagen das Randstück eines Kastenbrotes und mehrere Brotreste. Für meinen ausgehungerten Körper war das ein köstliches Mahl.
Überraschendes Ende
Als die Gleisstrecke fertig war, schob eine Lokomotive Kühlwaggons der Bahn bis vor den Hügel. Der wurde geöffnet und entpuppte sich als eine Eismiete. Im Winter hatte man dort Eisblöcke gestapelt, mit Strohballen abgedeckt und darüber Erde geschüttet. Die Kühlwaggons wurden nun mit den konservierten Eisblöcken beladen. Deswegen hatten wir also zwei Wochen lang schuften müssen! Hätte man die Eismiete gleich näher an einem Bahngleis angelegt, wäre uns viel Arbeit erspart geblieben.
Bei ausreichendem Essen hätte mir die Arbeit am Bahnhof nichts ausgemacht. Die Verpflegung kam zwar regelmäßig, war aber nicht leistungsgerecht. Meine Kräfte verfielen zusehends. Anfang September wurde ich daher zusammen mit anderen Kameraden in das Hauptlager Stanislau zurückgeschickt.