Krupp-Austellung - DER SPIEGEL
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Krupp-Austellung: Kanonenkönige mit Kamera

Foto: Historisches Archiv Krupp/Klaus Pollmeier

Krupp-Austellung Kanonenkönige mit Kamera

Der Name Krupp steht in Deutschland als Synonym für Stahl - und die Millionen, die der Clan mit Waffen verdiente. Dass die Industriellen-Sippe die Fotografie liebte, zwei Millionen Bilder sammelte und vor allem selber schoss, war bislang kaum bekannt. Jetzt wird ein Teil der Fotos erstmals veröffentlicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der deutsche Kanonenkönig schwieg, als er starb. Letzte Worte sind nicht überliefert. Man weiß bloß, dass sich seine Faust an diesem Sommertag des Jahres 1887 krampfhaft um einen winzigen Gegenstand krallte. Mit dem letzten Atemzug löste sich sodann ein Bleistift, kaum länger als ein Streichholz, aus der Hand und rollte auf dem Marmorfußboden vor die Füße von Kammerdiener Ludger.

Vergeblich hatten die Ärzte den 75-jährigen Misanthropen bekniet, sein Schreibgerät aus der Hand zu legen. Aber "Alfred der Große", wie ihn die Zeitgenossen nannten, konnte nicht aufhören, seine Eingebungen in großer Krakelschrift auf Papier zu bannen. Zeitlebens hatte Krupp seine Umwelt mit Geschriebenem traktiert.

In seinen täglichen Mitteilungen an "die Procura" seines Unternehmens mahnte er etwa, "das Treiben unserer Leute überwachen zu lassen". Den Fabrikarbeitern verbot er, Ziegen zu halten, denn die "haben ja sogar Griechenland kahlgefressen", dafür wies er seine Angestellten an, "dem Staate recht viele treue Untertanen" zu liefern sowie der Fabrik "Arbeiter eigener Rasse". Und: "Wer trotzen will, wird entlassen."

"Würdige Geschenke für Fürsten, Behörden und Private"

Was immer der Mogul, der sich mitunter "dem Wahnsinn nahe fühlte", in seinem Schreibzwang notierte, musste aufbewahrt werden. Dem Sohn trug er auf, "alle meine Schriften zu sammeln, sie zu betiteln nach Inhalt, zu registrieren, um sie immer wieder finden zu können". Alfred Krupp wollte auch nach seinem Tod allgegenwärtig bleiben.

Die Unvergänglichkeit der Bilder war wohl auch, was den Kanonenkönig zur Fotografie brachte. Als einer der ersten deutschen Großindustriellen erkannte Krupp die Möglichkeiten dieses neuen Mediums, das sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa allmählich verbreitete. Und so ließ er schon 1854 den technischen Zeichner Hugo van Werden, mit dem er entfernt verwandt war, in Hannover zu seinem ersten Haus- und Hoffotografen ausbilden. Die Mission Ewigkeit begann. "Nach langen Jahren", prophezeite Krupp, "werden diese Bilder noch interessant sein. Sie sind und bleiben würdige Geschenke für Fürsten, Behörden und Private."

Van Werdens dokumentarisches Meisterwerk war ein acht Meter langes Rundum-Panorama der Essener Stahlfabrik, das 1867 entstand. An einem Sonntag - so hatte es Krupp angeordnet - trommelte der Fotograf Hunderte Arbeiter zusammen, verteilte sie auf dem Gelände und stieg auf den Kanonenturm I des Werks. Von dort schoss er die elf unglaublich präzisen und tiefenscharfen Bilder, die schließlich zu der weltweit einzigartigen 360-Grad-Aufnahme zusammengefügt wurden.

Keine Zuneigung zum legendären Werksfotografen

Die Überblicksserie krönt die Kruppsche Ausstellung, in der aktuell zum 200. Geburtstag des Konzerns rund 400 Fotografien aus dem Firmenarchiv gezeigt werden - erstmals. Öffentlich wird damit auch die Eigenansicht eines Unternehmens, das als Waffenschmiede der Nation groß wurde. Und die Bilder sind das Selbstporträt einer schwerreichen Familie, der ein amerikanischer Psychoanalytiker einmal aus der Ferne eine "neurotische Grundstörung" attestierte, die aber vielleicht gerade aus ihrer Egozentrik und ihrem Narzissmus heraus ein fast intimes Verhältnis zur Fotografie pflegen konnte.

Von dem Foto-Pionier Hugo van Werden indes weiß man nicht viel. Der Mann, der den Grundstock zu der beispiellosen Bildersammlung legte, in der sich heute mehr als zwei Millionen Aufnahmen befinden, ist selbst kaum abgelichtet worden. Es gibt ein Porträt, das einen blassen, kränklichen Mann mit Vollbart und schütterem Haar zeigt. Wie damals üblich lächelt er nicht und schaut seitlich an der Kamera vorbei.

Überliefert sind auch keinerlei lobende Worte des Chefs für van Werden. Im Gegenteil: Als 1878 die Verwaltung bei Krupp nachfragte, ob der Vertrag des Hausfotografen verlängert werden sollte, antwortete der Stahlmogul: "Er hat auf Kosten der Firma das Fotografieren gelernt und als er es konnte, wollte er fort, um mit seinem Wissen sich eine neue, lukrative Existenz zu verschaffen." Krupp weiter: "Eine Zuneigung zu ihm habe ich natürlich nicht. Sein Verdienst wie Leistung wird auch wohl wesentlich darauf zurückzuführen sein, dass ihm alle Mittel zur Verfügung gestellt sind zum Experimentieren und gewiss auch die besten Apparate."

"Ich nehme auf keinen Menschen Rücksicht"

Verächtlicher kann sich ein Vorgesetzter nicht über einen Untergebenen äußern, der Beispielloses geleistet hat. Doch Krupps Devise blieb: "Ich für mich nehme auf keinen Menschen Rücksicht, gehe immer meinen eigenen Weg, frage niemanden, was Recht ist." Und so zeigen die späten Aufnahmen des Patriarchen folgerichtig einen strengen, übellaunigen Herrschertypus, der in seinem Unternehmensstaat unbedingten Gehorsam forderte und wenig Empathie erkennen ließ.

Der Alte ging, aber auch die folgenden Generationen der Dynastie blieben der Fotografie leidenschaftlich verbunden. Doch während über Jahrzehnte das Geschehen auf dem gigantischen Werksgelände in Essen im Fokus standen, entwickelte sich Alfried Krupp von Bohlen und Halbach (1907 bis 1967), das Patenkind Kaiser Wilhelms II., zum ersten sensibel erscheinenden Fotokünstler der Familie. Wie in der Sippe üblich, war Alfried streng erzogen worden. Sein Vater Gustav hatte für alle Kinder einen verbindlichen Stundenplan, selbst Treffen mit den Eltern waren geregelt. Der Stammsitz, die Essener Villa Hügel, war ein kalter Prunkbau, ein Zuhause war der Palast nie.

Alfried blieb Zeit seines Lebens still und verschlossen, ein scheuer, in sich gekehrter Mensch, der die Welt am liebsten durch den Sucher seiner Leica betrachtete und vorwiegend Landschaften ablichtete: Südamerika, Asien, Australien, Neuseeland, Marokko, die Türkei - nach der Haftstrafe, zu der er in Nürnberg verurteilt worden war, ging er auf Abstand zu Werk und Familie. Er reiste und knipste und verschickte Alben seiner Abenteuer, die durchaus fotografisches Talent erkennen ließen.

Sein Ahnherr Alfred Krupp hätte für solche Vergnügungen kaum Verständnis gehabt. Ihm diente die Fotografie letztlich bloß zur dauerhaften Selbstdarstellung, nicht zur Therapie. Alle sollten sehen, was der Selfmademan geschaffen hatte, und ihm deswegen ergeben sein: als Arbeiter, Geschäftspartner, Familienmitglieder. Die Macht der Bilder, die Kraft der Kanonen - beides war Krupp.