Kulturgeschichte: "Ins Herz des Bösen"
Kulturgeschichte "Ins Herz des Bösen"
SPIEGEL: Frau Schwarz, über Hitler, das "Dritte Reich" und den Holocaust sind weltweit unzählige Bücher und wissenschaftliche Arbeiten erschienen. Jetzt behaupten Sie, dass man das Bild von Hitler korrigieren muss. In welchem Sinne?
Schwarz: Meiner Meinung nach wurde es bislang unterschätzt, dass sich Hitler für einen Künstler, mehr noch, für ein künstlerisches Genie hielt und dass sich vieles von diesem Selbstbild, diesem überhitzten Künstlerego ableiten lässt. Das jedoch spielt bislang in der Forschung kaum eine Rolle. Für mich ist es der Ausgangspunkt. Denn es kann dabei helfen, die Person Hitler und ihr Herrschaftssystem besser zu verstehen. Hitlers Geniewahn basiert auf dem Gedankenwust des späten 19. Jahrhunderts, und sein Kern war, dass das Genie, die starke, alles überstrahlende Persönlichkeit, alles konnte, alles durfte.
SPIEGEL: Das klingt nach einer anfechtbaren Perspektive. Historiker werden aufstöhnen.
Schwarz: Mag sein. Aber ich glaube, dass man die Geschichte seiner Persönlichkeit ergänzen muss. Ansonsten freue ich mich auf Auseinandersetzungen.
SPIEGEL: Hitlers Werdegang als jemand, der mit Aquarellen sein Geld verdiente, der Maler werden wollte, später seine gierige Sammelleidenschaft, die im brutalsten Kunstraub aller Zeiten mündete - das alles ist bestens bekannt. Was also ist angeblich falsch an dem bisherigen Hitler-Bild?
Schwarz: Da gibt es die weitverbreitete Ansicht, ihn habe die Kunst nicht wirklich fasziniert. Er habe sie zwar für seine Selbstdarstellung benutzt, habe sie gesammelt, sie dann aber in Kellern und Bergwerken versteckt. Ein Göring hat immer mit seiner Sammlung geprotzt, bei Hitler vermuten viele ein Desinteresse. Dabei reichte das alles bei ihm sehr tief.
SPIEGEL: Was macht Sie so sicher?
Schwarz: Unter anderem die bisher unterschätzten Beobachtungen von Zeitgenossen. Da gibt es zum Beispiel einen italienischen Archäologen und Kunsthistoriker, ein versierter Fachmann und niemand, der auf Hitlers Seite stand. Nach dem Krieg gehörte er zu den Geistesgrößen Italiens. Dieser Ranuccio Bianchi Bandinelli musste 1938 bei einem Staatsbesuch Hitlers den Fremdenführer spielen, der Staatsgast hat Stunden um Stunden damit verbracht, Gemälde zu bewundern. Hitler, so beschrieb es Bianchi Bandinelli, sei von der Kunst wirklich gefesselt gewesen, man habe ihm das körperlich angemerkt.
SPIEGEL: Mussolini war von der Ausdauer der hitlerschen Kunstbetrachtung einfach nur genervt.
Schwarz: Ja, aber Quellen wie der Bericht Bianchi Bandinellis belegen: In unserem Hitler-Bild fehlt etwas Wesentliches, da ist etwas, was wir erst noch begreifen müssen und bisher nicht beachtet wurde. Jahrzehntelang ist vielmehr ein Gegenbild aufgebaut worden: Hitler und sein Kampf gegen die sogenannte entartete Kunst.
SPIEGEL: Auch das ist aber eine wichtige Seite seiner Beziehung zur Kunst.
Schwarz: Natürlich, und dahinter steckt wohl wirklicher Hass. Zugleich hat ihn die Kunst ein Leben lang begleitet.
SPIEGEL: Ist nicht die Wahrnehmung Hitlers als Künstler an sich schon eine Verharmlosung?
Schwarz: Nein, seine Kunstliebe führte geradezu ins Herz des Bösen. Aber sie ist eben auch die Grundlage von allem. Sein Fanatismus in eigener Sache, sein Eigenbild als Genie, hat seine Überzeugungskraft und damit seinen Erfolg ausgemacht. Die Kunst hat sein Leben bis in seine letzten Stunden begleitet, bis hinein in sein privates Testament, in dem er seine Sammlungen erwähnt. Das war jemand, der einen Nero-Befehl aussprach und sich zugleich um die Bergung von Kunstschätzen kümmerte. Aber niemand gesteht ihm diese Obsession für die Kunst zu.
SPIEGEL: Hitler, der ins besetzte Paris flog, im Morgengrauen die Sehenswürdigkeiten besichtigte, sich bestens auskannte - diese Episode ist doch legendär.
Schwarz: Diese Kunstbesessenheit wurde aber als bloße Selbstdarstellung, als Propaganda verstanden. Wenn Sie seine Biografie betrachten, verstehen Sie, dass die Kunst viel früher lebenswichtig für ihn war, er brauchte sie für seine Selbstbestätigung.
SPIEGEL: Prominente Historiker, allen voran der brillante Ian Kershaw, sehen in dem jungen Hitler vor allem den gescheiterten Maler. Immerhin wurde er, der Malerei studieren wollte, zweimal von der Wiener Akademie abgelehnt, 1907 und 1908. Warum lassen Sie diese Interpretation nicht gelten?
Schwarz: Natürlich war die Absage eine fundamentale Erschütterung für ihn. Doch die Hitler-Forschung glaubt, er habe sein Versagen akzeptiert, sein Künstlertum aufgegeben. Er hat aber in Wahrheit immer an seinem Selbstbild als Künstler und Kunstbesessener festgehalten. Die Abfuhr durch die Akademie war wohl der Auslöser, sich als Genie zu betrachten.
SPIEGEL: Ihrer Meinung nach sah er sich als jemand, der verkannt wurde. Worin aber besteht der für das Verständnis von Hitler ausschlaggebende Unterschied zwischen "versagt" und "verkannt"?
Schwarz: Hätte er sich als gescheitert betrachtet, hätte er seine Vorstellung, ein Künstler zu sein, aufgeben müssen - das aber behauptet etwa Ian Kershaw. Und Joachim Fest hat Hitlers Selbstbild als Genie nicht ernst genug genommen. Nach Meinung vieler hat erst Goebbels später angefangen, Hitler immer wieder ein Genie zu nennen.
SPIEGEL: Das war ja auch so.
Schwarz: Aber für Hitler war das mehr als eine Propagandastrategie. Er hielt sich ernsthaft für ein Genie, lange bevor Goebbels ihn so nannte. Und dass Goebbels ihn ständig so bezeichnete, ergibt einen Sinn: Ein Genie sollte sich nicht selbst als ein solches bezeichnen, es braucht eine Verehrergemeinde. Sein Geniewahn, das ist meine Interpretation, stand im Zentrum seiner gesamten Weltanschauung.
SPIEGEL: Eine Zeitlang hielt sich Hitler mit Aquarellen, mit Ansichten Wiens, über Wasser. Von einem Architekturbüro, in dem Sie ihn dann vermuten, soll er wegen mangelnder Arbeitsleistung gefeuert worden sein, er zog nach München und saß in Cafés herum. Genialischen Schaffensdrang stellt man sich anders vor.
Schwarz: Von wegen. In Berlin wurde ein Wettbewerb für ein imposantes Bauprojekt der späten Kaiserzeit ausgeschrieben, für den Neubau des Opernhauses. Wir wissen nicht, ob Hitler versucht hat, sich offiziell zu beteiligen, das ist unwahrscheinlich, aber er hat wohl eigene Entwürfe gezeichnet. Er glaubte, mit den berühmtesten Baumeistern mithalten zu können.
SPIEGEL: Warum suchte er dann nicht die Öffentlichkeit?
Schwarz: Ein Genie durfte im Verborgenen glühen und darauf hoffen, irgendwann ganz groß herauskommen.
SPIEGEL: Konnte sich Hitler ernsthaft für ein Genie halten? Sein Talent als Zeichner war bestenfalls mäßig.
Schwarz: Das hat er wohl anders gesehen, und wichtig war für sein Ego, dass er sich alles selbst beigebracht hatte, nach der Schmach an der Akademie hat er sofort eine Abscheu gegen alle Professoren, gegen jedes akademische Studium entwickelt. Er selbst nannte sich einmal einen kleinen Maler, aber das war zu einer Zeit, als er sich für einen großen Architekten hielt. Unterm Strich sah er sich als das kreative Genie. Dabei dürfen Sie nicht vergessen, unsere heutige Vorstellung von einem Genie ist so viel harmloser als die damalige.
SPIEGEL: Inwiefern?
Schwarz: Wir definieren das Genie über seine Begabung. Damals stand das Talent nicht im Vordergrund. Ein Genie musste eine starke Persönlichkeit besitzen, das war eine Übergestalt, der man alles erlaubte, auch das Böse. Das Genie hat herausragende Ideen, und die müssen durchgesetzt werden, auch gegen jede Moral. Hitler bewunderte die Werke grimmiger Philosophen wie Arthur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche. Etwas Wesentliches wird oft übersehen.
SPIEGEL: Nämlich?
Schwarz: Dass die Genievorstellung längst stark rassistisch eingefärbt war. Eine maßgebliche Figur war Houston Stewart Chamberlain, ein gebürtiger Brite, der in die Familie Richard Wagners eingeheiratet hat. Er hat seine Ansichten in Buchform aufgearbeitet, das war ein Bestseller, Chamberlain forderte die große arische Persönlichkeit, er war für Hitler eine entscheidende Figur.
SPIEGEL: Sie gehen so weit und ziehen eine Linie vom Geniebegriff bis zum Holocaust?
Schwarz: Noch einmal: Dem Genie war es erlaubt, über der Moral zu stehen, die Amoralität der Nazis stellt dann die unfassbare Steigerung dieser Haltung dar. Goebbels schrieb den brutalen Satz: "Genies verbrauchen Menschen." Zu Hitlers Vorstellung eines Genies gehört das Feindbild, für ihn musste es sogar der Todfeind sein.
SPIEGEL: Sein Weltbild wurde doch in starkem Maße durch sein Erleben des Ersten Weltkriegs geprägt, durch die drastischen Erfahrungen an der Front.
Schwarz: Natürlich war das eine Zäsur, der Weltkrieg war für ihn aber der Beweis, mit allen Widerständen fertig zu werden. Doch ich sehe keinen absoluten Bruch in seinem Leben. Er hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg das Selbstbild eines Genies, und er behielt es danach aufrecht. Das ist eine Kontinuität. Anfang der zwanziger Jahre forderte er sogar "einen Diktator, der ein Genie ist". Natürlich sehnte sich auch die Bevölkerung nach einem Genie.
SPIEGEL: Muss man da den Begriff "Genie" nicht durch "Führer" ersetzen?
Schwarz: Nein. Der Führerbegriff ist überhaupt erst aus dem Geniebegriff entstanden. Noch einmal: Bisher werden der Künstler Hitler und der Politiker Hitler zu stark getrennt. Die Forschung beschreibt Hitler als einen Mann, der in seinen ersten 30 Jahren nur versagte und dann wie in einem neuen Leben als Politiker die Massen fesselte; eine geteilte Biografie also. Die Frage ist doch aber, woher er das Selbstbewusstsein nahm, die Gewissheit, eine Ausnahmegestalt zu sein.
SPIEGEL: Hitler selbst formulierte einen Bruch in seiner Biografie, ein berühmtes Zitat lautet immerhin: "Ich aber beschloss, Politiker zu werden."
Schwarz: Das ist kein Bruch, sondern eine Entwicklung, seine Karriere als Politiker widerspricht keineswegs dem Selbstverständnis als Genie - und als solches hat er sich verstanden, erst als Künstler, dann als Politiker und als Stratege. Nur ohne das Selbstbild als Künstler hätte er sich nie als Genie empfinden können. Deshalb musste er die Kunstliebe stets neu beschwören.
SPIEGEL: Sie beschreiben, welche Bilder Hitler in seinen privaten und offiziellen Räumen aufhängte, umhängte, abhängte, darunter Gemälde von Arnold Böcklin oder Carl Spitzweg. Die beiden Maler standen für unterschiedliche Bildwelten. Das Schwülstige, auch Aggressive gegen das Kleinteilige, Beschauliche. Dann die neoklassischen Frauenporträts eines Anselm Feuerbach. Wie passt das zusammen?
Schwarz: Gar nicht. Ich habe die Gemäldeausstattung auch seiner privaten Räume rekonstruiert. Hitlers Geschmack lässt sich nicht greifen, da gibt es keinen gemeinsamen ästhetischen Nenner - es verbindet seine Lieblingsmaler vor allem, dass Hitler in ihnen verkannte Genies sah.
SPIEGEL: Brauchte ein Genie eine Muse - und war das für ihn eher Eva Braun oder doch sein Lieblingsarchitekt Albert Speer?
Schwarz: Ein Künstler braucht vielleicht eine Muse, ein Genie nicht, denn es schafft aus sich selbst. Ein Genie, so erklärte Hitler seiner Sekretärin, dürfe auch keine Kinder haben. Aber er hatte Vorbilder, Friedrich der Große wurde immer wichtiger. Er fühlte sich als Inkarnation dieses kunstsinnigen Herrschers, der ebenso Sammler wie militärischer Stratege war, er imitierte alles, die Hundeliebe, zuletzt den schlurfenden Gang, die befleckte Uniform. Sogar der schrecklich banalen Eva Braun war das klar, sie hat ihn gescholten, er müsse Friedrich nicht alles nachmachen. Zum Schluss wollte er immer ein Porträt dieses Königs in seiner Nähe haben, sogar im Bunker. Man kennt diese Verehrung, wie erschreckend tief sie ging, ist wohl nicht angemessen erforscht.
SPIEGEL: Wie viel blieb am Ende von seiner Einbildung, ein Genie zu sein?
Schwarz: Am Ende gab es nichts anderes mehr. Hitler in seinem Geniewahn lässt sich sogar am besten begreifen, wenn man die letzten Monate seines Lebens betrachtet. Diese Zeit im Führerbunker sagt alles. Bis in den Keller der Neuen Reichskanzlei waren es ein paar Schritte, dort stand das Modell für seine architektonischen Planungen für Linz. Er musste seinen Geniestatus beschwören, und das ging nur über die Nähe zur Kunst, zur Architektur. Diese letzten Inszenierungen haben auf fatale Weise funktioniert, er hat viele in seiner Umgebung beeindruckt, viele dachten, Hitler werde es noch richten - so wie sein Genievorbild Friedrich der Große manche Schlacht für sich entscheiden konnte, selbst nach militärischen Niederlagen als Sieger aus Kriegen hervorging.
SPIEGEL: Die Kunst hat ihm nie die Augen geöffnet, er sah nur, was er sehen wollte?
Schwarz: Das war von Anfang an sein Programm.
SPIEGEL: Frau Schwarz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Zum Weiterlesen:
Birgit Schwarz: "Geniewahn: Hitler und die Kunst". Böhlau Verlag, Wien 2009, 400 Seiten.