Kultwagen Smart - DER SPIEGEL
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Kultwagen Smart: Der kleine Harte

Kultwagen Smart Der kleine Harte

Zu klein um ein echtes Auto zu sein? Der Smart hat sich Liebe und Abneigung hart erkämpft. Glücklich waren die Fahrer, die Ecken und Kanten des rollenden Würfels ohne Murren annehmen konnten: Charakter!
Von Markus Rieksmeier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Herbst 1998. Rushhour im Horburg-Maßlau, einer kleinen Gemeinde bei Leipzig. "Iss das der neue Drabbi?" "Hat der'n Elekdromodor?" 50 Menschen, immerhin rund zehn Prozent der Einwohnerschaft, blockieren die Straße. Sie starren auf ein würfelförmiges Auto. Hat die DDR etwa dem Trabbi Nachwuchs verschafft? Nein! Mercedes hat ihn gebaut, ohne Elektromotor wie einst Swatch-Uhr Erfinder Nikolas Hajek träumte: Den Smart. Geblieben sind die Minimaße: Zweimeterfünfzig lang, vier Arschbacken und drei Schultern breit. Der Smart, der in Horburg-Maßlau die Massen bannt, ist einer der allerersten Modelle: der "Limited 1".

Ich war begeistert. Im bunten Showroom führte mich die Verkäuferin, Typ Polohemd, Jeans und Nasenring, an den Würfel auf Rädern heran. Er war nach vorne geräumig wie ein VW Polo. Ein Polo ohne Rückbank, wie ich feststellte. Ein s-förmiges Armaturenbrett, Käfertacho, Uhr und Drehzahlmesser mit der Anmutung eines großen Glubschauges, mitten auf das Armaturenbrett gepflanzt. Und erst die Türen: Sie schlossen wie Panzerschränke, grandios!

Von nun an beschloss ich, Smart-Botschafter zu werden. Obwohl ich doch gerade erst meinen neuen Dienst-Passat bekommen hatte. Ein Plan, den meine schwangere, Honda-Civic-fahrende Frau sofort durchkreuzte. Mit den schlichten Worten: "Das ist kein Kinderwagen!" erteilte sie striktes Smart-Kaufverbot. Nur als Mietwagen bei Bahnreisen war der Smart erlaubt. Ich wurde zum sklavischen Bahnfahrer bei jeder Geschäftsreise. Überhaupt war der Smart so klein, dass es zur Vervollkommnung neben dem Wagen eines weiteren bedurfte: Gehirnmasse. Bahn und Smart, Flugzeug und Smart, Alleinerziehend und Smart, das passte. "Schatz, ich habe einen anderen, ich ziehe mit dem Smart zusammen", sollte meine Ventillösung werden, falls das mit der Ehe nicht klappen sollte.

"Ich war der glücklichste Mensch der Welt"

Später, wir hatten schon zwei Kinder, sollte Gehirn in meinem Leben noch einmal eine letzte wichtige Rolle spielen - Logistik! Logistik ist die Wissenschaft der vernünftigen Überwindung von Raum und Zeit. Ich identifizierte, wann, mit wem und wo ich Autofahrten zu bewältigen hatte und stellte fest: Im Tagesgeschäft reichte ein Zweisitzer, hurra! Erneuter Smart-Kaufantrag bei meiner skeptischen Frau. Mit Bedenken und auf jederzeitigen Widerruf. Zittern. Warten. Genehmigt! Keine 19 Stunden später bestellte ich einen Smart "Diesel Passion". Brutto 67 Stunden nach der Kaufgenehmigung war ich stolzer Besitzer meines Smarts - und der glücklichste Mensch der Welt.

Was ist am Smart so anders? Er macht das Auto zum Accessoire. Die Body-Panels, farbige Plastikteile vorne, hinten und auf den Türen, kann man zum Preis von nur einem Monatsgehalt austauschen und den Wagen damit umfärben. Wo gab es das bisher? Der Motor liegt da, wo bei anderen Kleinwagen die Reserveradmulde anfängt: Hinten unten orgelt anfangs ein 3-Zylinder-Turbomaschinchen. 600 Kubik und 55 PS sorgen für 135 km/h Höchstgeschwindigkeit (abgeregelt). Ein automatisiertes Sechsganggetriebe, das über einen Joystick bedient wird und ..., ja, der Smart macht alles selbstständig, aber fährt sich so, als würde der Beifahrer immer wieder auskuppeln.

Diese Entmündigung sorgte dafür, dass die Ingenieurbegriffe "Schaltpause" und "Zugkraftunterbrechung" endgültig im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen sind. Nur Gleichgültige und Kenner fahren den Smart bis heute im Automatikmodus. Letztere sind die, die den Wagen verstanden haben - die parken auch quer. Sowas darf der Smartfahrer.

Härter als ein Morgan-Roadster

Das Problem war, dass dieses Accessoire-Auto das erste war, das nur mit einem Beißhölzchen im Mund zu bedienen war. Knochenhart war er, härter als ein legendär harter Morgan-Roadster, mit dem man beim Überfahren einer Münze Kopf oder Zahl unterscheiden kann. Die Fahrwerksabstimmung (doch, er hatte Federn!) war der Sicherheit geschuldet. Kurz vorher hatte Mercedes die A-Klasse im Elchtest umgeworfen und musste das ESP-Sicherheitssystem als E-Krücke einführen.

Der Smart war kürzer und schmaler und brauchte das ESP umso dringender; vor allem nachdem ein Versuchswagen beim rückwärts bergabfahren mit Vollbremsung nach hinten umschlug. ESP kam nicht in Frage - zu teuer. Mercedes musste noch kurz vor Serienanlauf einen Bremskraftregler einbauen und damit die Bodengruppe, das teuerste Teil eines Autos, umbauen (noch teurer). Statt ESP gab es eine Art Fliehkraftsensor, der mitauskuppelte, wenn es in schnellen Kurven mal brenzlig wurde. Schnelle Kurven waren aber sowieso unmöglich, weil die Lenkung aus Sicherheitsgründen extrem indirekt war. Dadurch gelang es, sogar ein Kleinstauto unhandlich zu machen, Respekt. Spätestens seit der Geschichte mit dem Bremskraftregler drehte sich die Kostenspirale immer schneller, weil jede Nachbesserung den Break-Even-Punkt für Mercedes immer weiter in die Zukunft schob.

Im Rahmen der laufenden Modellpflege wurde der Wagen dafür immer besser -und ein Quäntchen weicher. Er war ab 2003 sogar fast komfortabel, nachdem man ihn ein Zentimeter höher gelegt, den Federweg entsprechend verlängert und ein echtes ESP installiert hatte. Außerdem ließ er in den kleinen Gängen jetzt auch mal die Kupplung schleifen, um Schwung zu holen. Nach jeder Inspektion machte die Werkstatt ein Software-Update, mit der das Zusammenspiel von elektronischem Gaspedal, Heinzelmännchen-Kupplung und elektronischem Schaltarm (Sie wissen: er heißt Aktuator) optimiert wurde.

Der schnellste in der Stadt

Übrigens sagte man damals gar nicht "der Smart", sondern "Smart", ohne Artikel. Mein zweiter eigener Smart (nach sicherlich 100 Miet-Exemplaren) hat sogar die Formel-1-Lenkrad-Schaltpaddel (500 Euro Aufpreis!), die man zwar nie braucht, mit denen aber das größere Lenkrad geliefert wird. Dadurch wird der Smart erheblich handlicher. Ein Autotester sagte es einmal richtig: "Irgendwie ist man mit dem Smart immer der Schnellste in der Stadt".

Den Smart muss man übrigens mit einem freundlichen Lächeln fahren. Nur Pizzaboten dürfen ihn cool fahren. In Hamburg, wo meine Familie heute einem kleinen Hund und einem Smart Cabrio unter einem Dach lebt, fahren morgens viele Porsche-Cabrios in die Stadt. Die Luft, die deren Fahrer atmen, ist dieselbe, die Laune nicht. Ich glaube 911er-Cabriofahrer sind Leute, denen die Gattin keinen Smart genehmigt hat oder die ihn selbst fährt. Manchmal passen Karriere, Geld und Glück eben nicht zusammen. Als Cabrio macht der Smart mich jünger und meine Frau sieht mich voller Begehren an.

Ich weiß, es ist nur der Wagen.

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