Landgewinnung an der Nordsee: Hitlers Deiche - DER SPIEGEL
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Nazi-Siedlungen an der Nordseeküste: Hitlers Kampf gegen das Meer

Nazi-Siedlungen an der Nordseeküste Hitlers Kampf gegen das Meer

Das Ziel: deutsche Kolonien im Meer. Der Plan: die Trockenlegung des Watts. 1933 begannen die Nazis mit dem Bau von Mustersiedlungen an der deutschen Nordseeküste. Das aufwendige Projekt erhielt internationale Anerkennung - dabei war es vor allem ein Ablenkungsmanöver der NS-Propaganda.
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Die Hakenkreuz-Flaggen knatterten im Wind, übertönt nur von den "Heil"-Rufen aus der Menschenmenge. Die harrte am Nachmittag dieses 29. August 1935 an der Küste Dithmarschens aus, um Spalier zu stehen, zu applaudieren, zu jubeln. Für die Euphorie sorgte der uniformierte Mann am Rednerpult, der im Triumphzug vom fernen Kiel durch ganz Schleswig-Holstein bis an die Nordsee gereist war: "Hier ist ein Symbol der Arbeit und des ewigen Ringens", bellte er ins Mikrofon, "des Fleißes und der Tapferkeit." Gemeint war jener Küstenstreifen unter seinen Füßen, der kurz zuvor noch in der Nordsee gelegen hatte - und von diesem Moment an den Namen des prominenten Redners tragen sollte: Adolf-Hitler-Koog.

Tags darauf prangten Bilder von Hitlers Nordsee-Reise auf den Titelseiten aller Zeitungen. "Der Führer betritt deutsches Neuland", tönte etwa der "Völkische Beobachter", und die "Schleswig-Holsteinische Tageszeitung" schwadronierte über die "erhebende Feierstunde im Koog". Der Plan des Diktators war aufgegangen, er hatte die Aufmerksamkeit auf den 100 Kilometer nordwestlich von Hamburg gelegenen "Adolf-Hitler-Koog" gelenkt. Der sollte nach den Plänen des NS-Regimes zum Ausgangspunkt eines Großprojekts mit grotesken Zielen werden: "Lebensraum" im Westen, Neuland für "arische" Siedler - mitten in der Nordsee.

Denn an den Küsten des ländlichen Dithmarschens ließ das Regime innerhalb weniger Jahre Hunderte Hektar Meeresgrund trockenlegen, und nicht nur dort: An der gesamten Westküste rangen Arbeiter mit gigantischem Aufwand der Nordsee Boden ab, insgesamt deichten sie anderthalbmal so viel Neuland ein wie während der gesamten Weimarer Republik. Langfristig sollte sogar das gesamte Wattenmeer zwischen Hamburg und Sylt verlandet werden.

300 Quadratkilometer in 100 Jahren

Begonnen hatte die NS-Landgewinnung schon kurz nach Hitlers Machtübernahme: Allein zwischen Mai 1933 und Herbst 1934 schufteten 9500 Männer an der Westküste - dort, wo die NSDAP bei Wahlen ihre besten Ergebnisse erzielt hatte. Die Bauarbeiter, meist Arbeitslose aus dem Umland, mussten ohne moderne Maschinen die Deiche errichten. So entstand in mühsamer Handarbeit bis Ende 1934 ein fast zehn Kilometer langer Erdwall, der bald nicht nur 1333 Hektar Neuland vor der Flut schützte, sondern auch die 92 Bauernhöfe mitsamt Gasthaus und Schule darauf. Und das sollte erst der Anfang sein.

Denn die Pläne für den "Lebensraum" in der Nordsee reichten viel weiter: Seit 1927 gab es die Idee, das nordfriesische Wattenmeer komplett zu verlanden, und bis 1933 waren bereits erste Vorarbeiten erledigt. Die Nazis weiteten die alten Pläne radikal aus: Demnach sollten 149 Millionen Reichsmark allein in den ersten zehn Jahren in das Großprojekt fließen, binnen eines Jahrhunderts sollten der Nordsee sogar 300 Quadratkilometer auf 43 neuen Kögen abgerungen werden: Platz genug für 10.000 Menschen. So sah es jedenfalls der "Generalplan für die Landgewinnung in Schleswig-Holstein" vor, den NSDAP-Gauleiter Hinrich Lohse entworfen hatte. Sein Ziel: die Westerweiterung des Deutschen Reichs bis zu den nordfriesischen Inseln.

Tatsächlich sollte es nicht bei der 7,6 Millionen Mark teuren Mustersiedlung bleiben, die Hitler 1935 eingeweiht hatte: Innerhalb weniger Jahre erhoben sich zehn neue Köge aus dem Meer, benannt etwa nach Luftwaffenchef Hermann Göring oder dem von Nazis als "Märtyrer" verehrten Horst Wessel. Schon 1938 waren an der Küste Schleswig-Holsteins rund 5600 Hektar Neuland entstanden, 1600 Landwirte hatten einen neuen Hof erhalten. Die Propaganda feierte das Küstenprojekt daher entsprechend frenetisch - und verlogen.

Hitlers Koog als Touristenattraktion

Denn die Nazis, die wenig später Nachbarländer überfallen und Millionen Unschuldige ermorden sollten, inszenierten sich an der Nordsee als sanftmütige Heilsbringer: "Der Adolf-Hitler-Koog ist der stolze Beginn für die friedliche und friedliebende nationalsozialistische Landeroberung", behauptete im Juli 1935 etwa der "Völkische Beobachter". Außerdem, so schrieben es staatlich kontrollierte Zeitungen im ganzen Land, bilde die Kolonie eine mustergültige "Volksgemeinschaft". In der Realität bedeutete das: Alle Neusiedler waren "reinrassige Arier", und 91 der 92 einheitlich gestalteten Bauernhöfe wurden an "alte Kämpfer" der NSDAP vergeben - treue Parteigenossen seit mindestens 1930. Die Machthaber verkauften diese rassistische Volkstümelei als Pop-Event.

So fuhr ein Jahr nach Hitlers Triumphzug durch Schleswig-Holstein am 30. August 1936 wieder eine Kolonne prachtvoller Dienstlimousinen an die deutsche Westküste. Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht und Reichsbauernführer Walther Darré kamen zum Adolf-Hitler-Koog, um dort ein besonders groteskes Gebäude einzuweihen: die sogenannte Neulandhalle. Sie sollte als eine Art Anti-Kirche für nationalsozialistische Schulungen und Feiern dienen. Neben dem Steinhaus, ausgestattet mit Hitler-Büste und NS-Bibliothek, hatten Arbeiter auch einen Glockenturm errichtet. Die Inschrift des Geläuts: "Blut und Boden sind die Grundlagen des deutschen Staates."

Errichtet wurden Halle und Turm auf einem weithin sichtbaren, fünf Meter hohen Hügel, um von dort aus die Gesinnung ihrer Urheber ins Umland zu tragen: "Die hohe Wacht deutscher Sitte", nannte Reichsminister Schacht die auffällige Halle daher beim Richtfest, und "ein Sinnbild neuentstandenen Kampfeswillens". Zunächst wurde der Nazi-Tempel jedoch vor allem eine Touristenattraktion.

Begleitet vom medialen Getöse stundenlanger Radiosendungen, bildgewaltiger Zeitungsberichte und aufwendiger Kinofilme überrollten bald Touristenströme den kleinen Koog. Internationalen Besuchergruppen wurde die Neulandhalle präsentiert und täglich rollten Dutzende Reisebusse durch Dithmarschen, darin: dänische Wissenschaftler, japanische Journalisten, französische Offiziere, polnische Parlamentarier. Doch während die Welt über die friedliche Landgewinnung im "Dritten Reich" staunte, bereitete sich dessen Regierung auf den Krieg vor.

Vom Nazi-Tempel zur Jugendbegegnungsstätte

Inzwischen war in Deutschland mehr Fläche mit neuen Militäranlagen und kriegswichtigen Autobahnen verbaut worden, als in der gleichen Zeit mühselig dem Wattenmeer abgerungen werden konnte. Und die Projekte zur Neulandgewinnung waren für Hitler ohnehin nur "Ablenkungsmanöver" gewesen, wie der Historiker Frank Trende schreibt: "überschaubare Probeläufe" für die geplante Neubesiedlung ganz Osteuropas. So blieben nach 1937 weitere Verlandungsvorhaben an der Nordsee plötzlich aus, stattdessen entfesselte Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg. Die einstigen Vorzeigeköge gerieten dabei in Vergessenheit. Jahrzehntelang.

Nach dem Krieg verschwanden alle Hinweise auf die tiefbraune Vergangenheit an der nordfriesischen Küste: Hakenkreuze wurden entfernt, Hitler-Büsten zerstört und Sturmglocken sogar gestohlen. Die Neulandhalle wandelte sich vom Nazi-Tempel zum rustikalen Gasthof und dann zur evangelischen Jugendbegegnungsstätte. Kaum jemand kümmerte sich um das fragwürdige Erbe an der Nordseeküste. Bis der evangelischen Kirche das Geld ausging.

Anfang 2011 drohte die örtliche Kirchengemeinde plötzlich mit dem Abriss der Neulandhalle, da sie deren Betrieb nicht mehr finanzieren konnte - und löste heftigen Protest aus: Historiker und Politiker forderten die Erhaltung des Hauses, erstellten Konzepte für eine Gedenkstätte, plädierten für eine Aufarbeitung dieses merkwürdigen Stückes NS-Geschichte. Mit Erfolg: Noch immer erinnert die Neulandhalle, die zur Gedenkstätte werden soll, an die Verführungskünste der Nazis mit ihren "Lebensraum"-Plänen in Dithmarschen. Doch immerhin seinen belasteten Namen ist der Landstrich wieder losgeworden: Der Küstenstreifen, den Adolf Hitler einst unter dem Jubel der Massen eingeweiht hatte, heißt seit 1945 Dieksanderkoog.

Zum Weiterlesen:

Frank Trende: "Neuland! war das Zauberwort. Neue Deiche in Hitlers Namen". Boyens Buchverlag, Kiel 2011, 232 Seiten.