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Leben fürs Kino: Die Mutter aller Filme

Foto: Stefan Preuß

Leben fürs Kino Die Mutter aller Filme

Vom Stummfilm mit Live-Musik bis zum computeranimierten "Herr der Ringe": Anna Martin hat alles live erlebt. Die alte Dame wuchs in einem Kino auf, seither verbrachte sie fast jeden Tag vor der Leinwand - bis heute.
Von Stefan Preuß
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jeder Tag ist Kinotag - der Slogan der Lichtspielhäuser aus den siebziger Jahren gilt für Anna Martin in besonderer Weise: Die Betreiberin der "Martin Lichtspiele" im baden-württembergischen Trossingen verbringt praktisch jeden Tag in ihrem Kino - seit über 80 Jahren. Und geht es nach ihren Wünschen, werden noch ein paar Jährchen dazukommen: "So lange ich noch kann, werde ich das Kino betreiben", sagt die zierliche Dame.

Welcher Kinosaal kann schon von sich behaupten, wirklich alle Meilensteine der Filmkunst zu seiner Zeit gespielt zu haben? Das Haus in Trossingen kann es, Anna Martin kann es. Beide sind gewissermaßen miteinander gereift, haben gute und weniger gute Zeiten durchlebt, haben Stars aufgehen und verglühen, ganze Generationen mitfiebern, Liebende kuscheln und Familien lachen sehen.

Die einzigartige Geschichte begann 1921. Anna Martins Vater führte Filme im Saal des "Löwen" auf. Der Zulauf war enorm, so dass Martin Haller beschloss, ein Kino zu bauen. 1925 waren die "Zentral-Lichtspiele" fertig, im gleichen Jahr wurde Anna Haller geboren.

Tiroler Freiheitskämpfer und verletzte Komparsen

Zur Eröffnung lief "Quo Vadis" mit Emil Jannings als Nero. Die Musik kam live von der Bühne: Klavier und Violine. Anna war als Baby dabei. "Der erste Film, an den ich mich bewusst erinnern kann, war ein Werk über Andreas Hofer", sagt Anna Martin. "Der Freiheitskampf des Tiroler Volkes" hieß das Epos, das 1929 unter der Regie Hanns Prechtls entstand. Überliefert ist, dass sich bei den Dreharbeiten der Kampfszenen Dutzende von Komparsen verletzten. Stuntmen gab es damals noch nicht.

Schon früh hielt der Tonfilm Einzug in den "Zentral-Lichtspielen". Noch im Drehjahr 1930 lief "Die Drei von der Tankstelle" mit Heinz Rühmann, Willy Fritsch und anderen UfA-Stars.

Und auch heute, da das Kino "City" heißt, muss das Publikum nicht auf die Blockbuster warten: "Die Verleiher helfen mir sehr", sagt Anna Martin dankbar. James-Bond-Filme, Harry-Potter-Streifen, die Herr-der-Ringe-Trilogie - alle liefen in Trossingen zum Bundesstart an. Bei zwei Sälen mit insgesamt 214 Plätzen ist das nicht selbstverständlich, doch in der Branche kennen alle Anna Martin. Als eines der ältesten Kinos in Deutschland gelten die "Martin Lichtspiele" als Institution.

Gerechnet habe sich der Betrieb früher besser. Wenn sie Miete oder Pacht zahlen müsste, wäre es schwierig. "Aber so, im eigenen Haus, lohnt sich die Sache schon", sagt Anna Martin. Auch durch die Hilfe der treuen Mitarbeiter. Vorführer Helmut Auchter zum Beispiel feierte sein 45-jähriges Jubiläum. Der pensionierte Postbeamte wohnt mittlerweile in Reutlingen, lässt es sich aber nicht nehmen, regelmäßig in Annas Kino vorzuführen.

Während des Krieges lief die Wochenschau und basta

"Liebe zum Kino muss schon dabei sein, es ist mein großes Hobby", sagt er. Gefragt ist er vor allem, wenn das kommunale Kino. "Da kommt oft noch so richtig altes, dickes Filmmaterial", erklärt Auchter. Sieben oder acht Rollen mitunter. Die müssten zusammengeklebt, abgeschliffen, eingerichtet werden. Das könne nicht jeder. Diesen Filmen, "mit guter Handlung und guten Schauspielern", gelte seine Liebe.

Auch Anna Martin hält das kommunale Kino hoch. Gleich sieben Mal ist das "City" für "hervorragende Programmgestaltung" ausgezeichnet worden. Erst unlängst wieder im November in Tübingen. Die Urkunden hängen gleich im Eingangsfoyer, so viel Stolz muss sein.

Ansonsten hält es Anna Martin mit den großen Liebesfilmen und Dramen. "Verdammt in alle Ewigkeit", der düstere Militärklassiker mit Burt Lancaster und Frank Sinatra, "Vom Winde verweht", das Südstaaten-Epos mit Clark Gable und Olivia de Havilland oder das russische Sittengemälde "Doktor Schiwago" mit Julie Christie und Omar Sharif - das sind ihre Filme.

Natürlich habe es auch Zeiten gegeben, in denen nicht die große Filmkunst geboten wurde, sondern Propaganda: "Während des Krieges lief im Kino die Wochenschau, da gab es keine Diskussionen damals", erinnert sich Anna Martin. Und an Filme für französische Soldaten. Die habe die Wehrmacht aus dem Gefangenenlager in Villingen anmarschieren lassen. "Die brachten französische Filme mit, die haben wir zeigen müssen."

Kassenschlager "Schwarzwaldmädel"

Mit der Währungsreform lebte das Kino in Trossingen wieder auf. "Loves of Carmen" gab es an jenem 21. Juni 1948. Rita Hayworth und Glenn Ford für 90 Pfennige Eintritt. "Routinierte Hollywood-Einspielung" des Bizet-Stoffes vermerkt das Filmlexikon dazu, "selbstverständlich ausverkauft", fügt Anna Martin hinzu. 1953, mit dem Tod des Vaters, übernahm die zierliche Dame mit ihrem Mann, Werner Martin, das Kino. Er war es, der den Vornamen von Annas Vaters zum Familiennamen machte.

"Damals waren die Heimatfilme der große Renner", erinnert sich Anna Martin. Das "Schwarzwaldmädel" mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack hieß der erste deutsche Farbfilm nach dem Krieg, er lief noch 1950 in Trossingen, ebenso wie andere Klassiker des Genres, etwa "Grün ist die Heide" (1951). Dann kamen die Edgar-Wallace-Filme mit Heinz Drache, die Winnetou-Filme mit Lex Barker, Pierre Brice und Uschi Glas und schließlich die Italo-Western wie "Spiel mir das Lied vom Tod" mit Henry Fonda und Claudia Cardinale. "Das Publikum in Trossingen war immer offen für die Trends", beobachtete Anna Martin, "was bundesweit gut lief, kam auch bei uns gut an und sorgte für volles Haus."

Urlaub, gleich für mehrere Wochen, das war bei ihr nie drin. Wenn überhaupt, dann ging es für ein paar Tage nach Italien. Die Kinder schmissen dann das Kino: "Mein Sohn Herbert kann auch vorführen, meine Tochter Anneliese hat kassiert." Eine Übernahme durch einen der beiden stand jedoch nie ernsthaft zur Debatte. Der Sohn betreibt eine Zahnarzt-Praxis, die Tochter arbeitet bei der Bank.

Riesen-Oscar für die Grande Dame des Kinos

1992 starb Werner Martin, seitdem führt Anna Martin das Kino alleine und kann dabei auf die Unterstützung ihrer langjährigen Weggefährten und der Familie zählen. Die Stammkundschaft hält ihr die Treue und wuchs nach der Schließung des Kinos in Spaichingen nochmal an: Persönliche Begrüßung statt Dolby Surround, Gemütlichkeit statt Popcorn-Overkill lautet das Erfolgsrezept. Die Mais-Knuspersachen gibt es ohnehin nicht in Trossingen. "Man muss nicht jede Mode mitmachen", winkt Anna Martin ab.

Vor einigen Jahren gab es anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Lichtspiele eine große Filmmusik-Gala für Anna. Großer Bahnhof, ergreifende Reden und ein Riesen-Oscar für die Mutter aller Filme. Daran erinnert sich Anna Martin gerne: "Es freut mich, wenn es die Leute schätzen, dass es in Trossingen noch ein Kino gibt." Das ist ihr Motivation, das Kino noch möglichst lange weiter zu führen: "Was soll ich sonst machen? Kino ist doch mein Leben."

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