Leben mit Behinderten - DER SPIEGEL
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Leben mit Behinderten: Sorgenkinder sieht man nicht

Foto: Stiftung Haus der Geschichte Bonn

Leben mit Behinderten Sorgenkinder sieht man nicht

Sie wurden aus Scham versteckt oder aus Fürsorge verhätschelt: Im Umgang mit Behinderten taten sich die Deutschen seit jeher schwer - nicht nur unter den Nazis, die Andersartigen sogar nach dem Leben trachteten. Karl Wilhelm Meier über den schwierigen Weg, vorurteilsfrei zu bleiben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als ich zur Welt kam, hatte ich Rachitis. Drei lange Jahre habe ich mit der Krankheit gekämpft, und nachdem ich sie überwunden hatte, war ich ein schwaches, schüchternes und ängstliches Kind. Der geborene Außenseiter. Zu sanftmütig, um sich ständig zur Wehr zu setzen gegen Kinder, die ihr Mütchen an mir kühlten. Die Krankheit blieb nicht ohne familiäre Folgen: Meine Mutter fühlte sich zu erdrückender Fürsorge verpflichtet. Viel zu lang nahm sie mir alles aus der Hand. Sie war beleidigt und traurig, als ich ihr eines Tages zu verstehen gab, dass ich alt genug war, die Dinge alleine zu bewältigen. Ihre Haltung und ihr Bild von mir erschütterte das nicht: "Ohne Hilfe kommt der nie zurecht."

Vielleicht war ihre maßlose Fürsorglichkeit die Folge einer tragischen Familiengeschichte: Meine Tante hinkte seit einer Kinderlähmung. Für meine Großeltern, die als Anhänger der Nationalsozialisten wohl einem Menschenbild verpflichtet waren, das Kraft und Gesundheit zur Vorbedingung wertvollen Lebens machte, konnten damit nicht umgehen und versteckten ihre Tochter fast ein Leben lang in ihrem Haus. Sichtbar waren Menschen mit Behinderungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum. Ein Bewusstsein für ihre Bedürfnisse, eine Vorstellung, die ihre Andersartigkeit nicht nur als Defizit ansah, gab es damals noch nicht. Erst ein paar Jahre bevor sie starb, durchbrach meine Tante hin und wieder die Isolation, die sich bis in ihr Erwachsenenleben fortgesetzt hatte und ging auf ein Schützenfest oder besuchte uns.

Während meiner Lehrzeit machte ich die Bekanntschaft mit einem Kunden, der unter einer spastischen Lähmung litt. Damals war der Begriff Spastiker noch unbekannt, und in den Augen meiner Kollegen war der Mann, der schleppend und schwer verständlich sprach, schlicht blöde. Es war wirklich nicht einfach, den Mann zu verstehen. Aber irgendwann fand ich es nicht mehr schlimm, nachfragen zu müssen. Dass der Herr wenig geduldig war, machte es zwar nicht gerade einfach, aber ein vorschnelles Urteil fällte ich über ihn deshalb noch lange nicht. Es ist eben ernüchternd und nervraubend, wenn die Dinge nicht so funktionieren, wie man es gerne hätte.

Übereifrige Helfer

Als das ZDF 1964 die "Aktion Sorgenkind" ins Leben rief, änderte sich an den Vorurteilen der Menschen nicht wirklich etwas. Trotz Lotterie und Quiz zugunsten behinderter Kinder spiegelte sich schon im Titel ein fragwürdiges Menschenbild. Warum, fragte ich mich damals, sollten Kinder mit Behinderungen per se Sorgenkinder sein? Ich konnte mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass die Förderung von Kindergärten für Behinderte und von Behindertenwerkstätten der Ausgrenzung kein Ende setzte, sondern sie unter dem Deckmantel der Fürsorglichkeit fortsetzte. Fast konnte man den Eindruck bekommen, dass man eine unfähige Mehrheitsgesellschaft vor der notwendigen Auseinandersetzung mit einem komplizierten Thema beschützen wollte. Wie sollten wir unter solchen Umständen dazulernen?

In den siebziger Jahren arbeitete ich als kaufmännischer Angestellter in einem zahntechnischen Labor. Bei meinem Chef bekamen auch Außenseiter eine Chance: Menschen, die gehörlos waren, Menschen, die an multipler Sklerose litten, Menschen mit Muskelschwund. Trotz meiner demütigenden Erfahrung als Kind begann ich, mich wie meine Mutter zu verhalten. Ging einer der Kollegen mit Muskelschwund durch das Labor, bot ich mich als Stütze an und war tief betroffen, wenn er das Angebot ablehnte. Mit den gehörlosen Kollegen sprach ich sehr laut und akzentuiert, so als ob sie mich hätten hören können. Die Unsicherheit im Umgang mit den Menschen, deren Eigenheiten mir fremd waren, brachte mich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Die Verschämtheit im Sprechen über das Offensichtliche, die ständige Angst davor, etwas Falsches zu tun, leistete dem natürlich Vorschub.

Während des Studiums wurden die Dinge nicht weniger kompliziert. Die Kommilitonen, die nicht sehen oder nicht laufen konnten, sprachen ganz offen über ihre Einschränkungen. Zu viel Fürsorge, sagten sie, mache faul, schränke die Selbstständigkeit ein. Sie führe dazu, dass man länger brauche oder es gar nie schaffe, sich seine Umwelt so anzueignen, so dass man sich trotz seiner Behinderung in ihr frei bewegen könne. Gewisse Durststrecken, schienen sie sagen zu wollen, müsse man dabei überwinden. Der Emanzipationsgedanke leuchtete mir ein. Als übereifriger Helfer hatte ich schließlich während meiner Lehre die Erfahrung gemacht, auf Ablehnung zu stoßen.

Ratlos

Die Folgen meiner Einsicht bekam meine Kommilitonin Ulla zu spüren. Ulla saß im Rollstuhl, und einige der Zwischentüren des Universitätsgebäudes konnte sie nicht selbstständig öffnen. Deswegen machten wir manchen Gang gemeinsam.

Irgendwann nahm es überhand. Immer wollte Ulla irgendwohin gebracht werden. Aus dem Brustton tiefster Überzeugung sagte ich ihr, dass sie keine Sache sei, die ich irgendwo hintragen könne. Ich nehme an, Ulla wusste das durchaus selbst. Aber ich war zu dem Schluss gekommen, dass Ulla sich auf mich als Hilfskraft fixiert hatte und dass das nicht gut war. Also zog ich mich zurück, aus pädagogischen Gründen sozusagen. Es war nicht einfach, die verschiedenen Arten der Bevormundung, die einem unterlaufen konnten, zu durchschauen.

Heute arbeite ich als ehrenamtlicher Betreuer und unterstütze Menschen, die ihr Leben aufgrund von Krankheiten nicht mehr ohne Assistenz leben können. Darunter sind auch Menschen mit geistigen Erkrankungen. Mit ihnen umzugehen, war für mich anfänglich das Schwierigste. Menschen mit Verfolgungswahn oder einer gespaltenen Persönlichkeit leben in einer Welt, zu der uns der Zutritt verwehrt ist. Ihre Wirklichkeit schien nicht die meine zu sein. Am Anfang hatte ich sogar Angst. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Nach meiner Ansicht ganz naheliegende und normale Fragen, etwa nach dem Befinden, blieben oft unbeantwortet. Ich war ratlos.

Darf man das?

Heute mache ich es anders. Ich spreche mit den Angestellten des Heims und versuche vor dem ersten Kontakt etwas über die Menschen und ihre Eigenheiten, ihre Wünsche, Vorlieben und Abneigungen zu erfahren. Manchmal bringe ich kleine Geschenke mit, Dinge, die den grauen Alltag ein wenig bunter machen. Hin und wieder stelle ich mir immer noch die Frage: Darf man das machen?

Die Fragen nach Richtig und Falsch sind nicht einfach zu beantworten. Nicht jede Hilfe, nicht jedes Geschenk und nicht jede Sorge beraubt die Menschen ihrer Integrität und Würde. Wenn wir die Möglichkeit haben, miteinander zu reden, und wenn wir uns verstehen, dann können wir Fragen stellen. Wenn wir nicht miteinander reden können, dann müssen wir uns auf unser Gefühl verlassen und vorsichtig sein. Der Herr, dem ich statt Befindlichkeitsfragen eine Packung Kekse mitbringe, weil ich weiß, dass er diese Kekse liebt, wird mir hoffentlich irgendwie zu verstehen geben, wenn er die Nase von Keksen voll hat.

Die "Aktion Sorgenkind" wurde 2000 übrigens in "Aktion Mensch" umbenannt. Das ist ein gutes und deutliches Zeichen für einen Sinneswandel. Die Tatsache, dass nun auch für die Menschen ohne geistige oder körperliche Krankheiten gesammelt wird, ist dabei nur folgerichtig. Bleibt zu hoffen, dass eines Tages die Zeit des Schubladendenkens ein Ende haben wird.