Leben mit der deutschen Geschichte - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Leben mit der deutschen Geschichte Geboren am 9. November

Für Tom Cruise war es einst kein gutes Omen, in "Born on the 4th of July" einen Film-Geburtstag am Schicksalstag Amerikas zu feiern: Kriegseinsatz, Verwundung und Depressionen waren die Folge. Der deutsche Filmschaffende, Punk-Musiker und Ex-Kanzlerkandidat der Pogo-Partei Wolfgang Wendland erinnert sich an einige seiner - echten - Geburtstage am Schicksalstag der Deutschen.
Wolfgang Wendland spricht auf einer Kundgebung für ein neues Kulturzentrum in Wattenscheid
Wolfgang Wendland spricht auf einer Kundgebung für ein neues Kulturzentrum in Wattenscheid

Wolfgang Wendland spricht auf einer Kundgebung für ein neues Kulturzentrum in Wattenscheid

Foto: Wolfgang Wendland
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Noch bevor ich an den eigenen Geburtstag denke, ist das Datum 9. November für mich seit gut zwei Jahren mit einem unglaublichen Justizskandal verbunden, der seinen Anfang am 9. November 2004 nahm:

Hannes, ein über 70-jähriger Antifa-Aktivist aus Wattenscheid, den ich schon lange kenne und bewundere, hatte an diesem Tag eine kleine Gedenkveranstaltung für die jüdischen Opfer der Pogromnacht 1938 organisiert. Gemeinsam mit vier Freunden zog er in einem Mini-Trauermarsch die 500 Meter von der Wattenscheider Friedenskirche durch die Fußgängerzone bis zu dem Platz, wo einst die Synagoge gestanden hatte, die 1938 bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden war.

Dort hielt Hannes eine kurze Ansprache und ein jüdischer Kantor rezitierte das Gebet zum Gedenken an die Ermordeten. Doch weil er diese "Versammlung" von fünf Menschen unter freiem Himmel nicht bei der Polizei angemeldet hatte, wurde Hannes angezeigt und 2005 vom Amtsgericht Bochum zu einer Geldstrafe verurteilt . Halb Bochum war empört und sogar ein Amtsrichter nannte das Urteil einen "Tiefpunkt der Rechtskultur", doch aller Protest blieb ohne Erfolg und Hannes musste die Strafe zahlen - für mich ein himmelschreiendes Justiz-Unrecht.

Knapper Film und Champagnerlaune

Doch es sind noch andere Skandale, die sich für mich mit dem Datum meines Geburtstags verbinden. 1988 arbeitete ich am 9. November als Kameramann für den WDR. Wir filmten eine offizielle Gedenkveranstaltung, die gleichzeitig Einweihungsfeier des "Platz der Synagoge" war. Ich drehte auf 16mm Film, der teuer und knapp war, weswegen ich zu sparen versuchte. Als dann jemand, den ich zunächst für eine Art Hausmeister hielt, das Rednerpult nicht nur zurecht rückte, sondern auch noch zu sprechen begann, wusste ich: Den Beginn der Rede des Oberbürgermeisters hatte ich verpasst.

Natürlich machte mir der Regisseur hinterher Vorwürfe: Als Kameramann müsse ich ein Gespür dafür haben, wer Oberbürgermeister und wer Hausmeister sei. Aber zum Glück hatten wir den Anfang der OB-Rede als Tonspur und der Schnitt konnte meinen Patzer "reparieren". Doch "repariert" hatte er noch eine weitere Filmstelle: Bei der Ausstrahlung des fertigen Films stellte ich fest, dass Bilder einer anderen Veranstaltung, die ich wegen ihres rechtsextremen Hintergrunds für extrem skandalträchtig gehalten hatte, einfach fehlten.

Zu meinem Geburtstag 1989 war ich irgendwie auf die Idee gekommen, dass man die Dinge auch umdrehen kann: Statt einen Erfolg mit Champagner zu begießen, müsste man durch Champagnergenuss doch auch etwas Positives herbeiführen können. Das Ganze war zwar nicht ganz ernst gemeint, aber trotzdem saß ich an diesem Tag mit einem Punkerkollegen in Ulm zusammen und wir tranken dieses Zeug. Nur funktioniert hat es scheinbar nicht. Denn aus "Wir sind das Volk" wurde schnell "Wir sind ein Volk" und aus einem möglichen demokratischen Neubeginn in Deutschland samt verfassunggebender Versammlung der "Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik".

Punk-Party und Bürgerinitiative

Gute Erinnerungen habe ich an meinen 40. Geburtstag im Jahr 2002: In Cottbus feierte ich zusammen mit Cordula und Julian, die beide kurz vorher Geburtstag haben, eine riesige Party mit mehreren Live-Bands. In Wattenscheid wäre so etwas nicht möglich gewesen: Dort gibt es keinen Ort, an dem auch nur eine einzige Punk-Band auftreten könnte.

Mein Geburtstag im Vorjahr wurde zum Geburtstag einer Initiative: Hauptthema des Abends war ein Brief, den ich kurz vorher an die Bezirksvertretung Wattenscheids geschickt hatte. Darin forderte ich unter Berufung auf § 24 der Gemeindeordnung für Nordrhein-Westfalen ein Kulturzentrum für Wattenscheid, um die kulturellen Grundversorgung seiner Einwohner - als Teilregion der "Europäischen Kulturhauptstadt 2010" - zu sichern und zugleich rechtsradikalen Tendenzen und Ideen entgegen zu wirken. Ein Großteil der Menschen, die seitdem in Wattenscheid Kundgebungen mitorganisierten, um der Forderung Nachdruck zu verleihen, konnte ich an diesem Tag aus der Geburtstagsgesellschaft rekrutieren.

Die Kommunalpolitik reagierte darauf mit wirren Beschlüssen, die vermuten ließen, dass man sich des Themas entledigen wollte statt sich wirklich damit zu beschäftigen. Zumindest weiß ich jetzt, wer an der grassierenden Politikverdrossenheit Schuld ist: Die etablierten Parteien.

Wolfgang Wendland, geboren am 9. November 1962 in Lünen, erlangte einige Bekanntheit mit seiner Punk-Band "Die Kassierer" sowie als Kanzlerkandidat der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (die er inzwischen verlassen hat). Außerdem dreht er Filme und engagiert sich in seiner Heimatstadt Bochum unter anderem für ein neues Kulturzentrum.